13.11.2007 · Kein Krieg im Kino, bitte: Die Amerikaner wollen sich lieber unterhalten lassen. Deshalb fällt Robert Redfords neuer Film „Von Löwen und Lämmern“ beim Publikum durch - zu anspruchsvoll. Aus New York berichtet Jordan Mejias.
Von Jordan Mejias, New York„Politiker, die Medien, Pädagogen, Militärkommandeure und eine gefügige Bevölkerung geraten allesamt in einem gutgemachten Film unter Feuer, der keine Antworten bereithält, aber viele wichtige Fragen stellt.“ Das Lob gilt Robert Redfords Film „Lions for Lambs“, und es stammt vom Filmkritiker des „Hollywood Reporter“. Die Branchenzeitung gehört zu den wenigen Fürsprechern des mit Meryl Streep, Robert Redford und Tom Cruise hochkarätig besetzten Kriegsdebattenfilms, der jetzt in Amerika anlief.
In ihrer Mehrheit haben die Kritiker der großen amerikanischen Zeitungen und Zeitschriften „Lions for Lambs“ wenig abgewinnen können. Die „New York Times“ glaubt, in Redfords „Vortrag im Breitwandformat“ nur das zu erfahren, „was die meisten von uns schon wissen, darin eingeschlossen die Tatsache, dass Politiker lügen, Journalisten scheitern und die Jugend ins Driften kommt“.
Redford personifiziert linksliberales Hollywood
Vom dialogischen Aufbau des Films durchaus nicht unbeeindruckt, fühlt die „Washington Post“ sich gleichwohl an ein „College-Kolloquium“ erinnert, während der „New Yorker“ gar „Ibsen mit Hubschraubern“ gesehen haben will. Konservative Fernseh- und Radiokommentatoren, die sich mit Fragen der Filmästhetik nicht aufhalten, wittern unweigerlich im offenen Ende und der Weigerung des Films, für die Journalistin, den Politiker oder den Professor Partei zu ergreifen, un- und antiamerikanische Umtriebe. Das allerdings ist nichts mehr als ein Reflex, vorauszusehen angesichts eines Regisseurs, der Redford heißt und seit je als Personifizierung des linksliberalen Hollywood herhalten muss.
Viel aufschlussreicher ist, dass Kritik und Publikum diesmal so übereinstimmend reagieren. „Lions for Lambs“ hat an seinem Eröffnungswochenende 6,7 Millionen Dollar eingespielt, ein mageres Ergebnis, verglichen mit „Bee Movie“, dem Spaßlieferanten, der mit 26 Millionen die Hitliste anführte. Knapp dahinter brachte „American Gangster“ auch nach zwei Wochen Spielzeit noch 24,3 Millionen ein. Damit droht „Lions for Lambs“ trotz Starbesetzung das gleiche Schicksal, das bereits andere Filme ereilte, die sich nicht scheuten, dem 11. September, Al Qaida, dem Dschihad, der Folter, den gefährdeten Bürgerrechten und allem sonst, was Washington zum „Krieg gegen den Terror“ bündelt, filmdramatische Form zu geben.
Exotische Ferne statt Realität
Aus dem Kinoprogramm schnell verschwunden war „In the Valley of Elah“, Paul Haggis' düstere Geschichte um einen Kriegsveteranen und den Mord an seinem aus dem Irak zurückgekehrten Sohn. „The Kingdom“, ein routinierter Action-Thriller unter saudi-arabischen Terroristen, und „Rendition“, wiederum überreich an Schrecken und Starkaliber, haben den Studios herbe finanzielle Enttäuschungen bereitet. Inzwischen wird eifrig über die Gründe gerätselt. Dass gerade in Kriegszeiten das Kino als Unterhaltungsmaschine und Ablenkungsapparat geschätzt und aufgesucht wird, ist eine alte Erkenntnis und mag sich jetzt ebenso bestätigen wie die Unlust eines Publikums, das keine Karten kauft, um sich von der Leinwand herab belehren zu lassen.
Eine solche Sicht der Dinge setzt voraus, dass Amerika seine Kriegseinsätze, ob im Irak oder in Korea oder in Vietnam oder vor langer Zeit auch in Europa, zu Hause auf mehr oder weniger gleiche Art miterlebt und -erleidet. Was nicht der Fall ist. Der Irak-Krieg, obgleich in den Medien zuverlässig präsent, schlägt sich im amerikanischen Alltag kaum nieder. Er findet in einer exotischen Ferne statt, die den meisten Amerikanern Sorge und Unbehagen, aber weder Pein noch Not beschert. Opfer werden von ihnen nicht verlangt, die Wehrpflicht ist in der seriösen öffentlichen Debatte kein Thema.
Foren für unterhaltungsbewusste Kriegsgegner
Wer dennoch Debatten darüber führen will, braucht sich nicht im Kino mit Argumenten zu versorgen. Im Internet stehen heutzutage zahllose Foren zur Verfügung, die Kriegsgegner wie -befürworter auch unterhaltungstechnisch gewissenhaft versorgen. Und die Emotionen, die der Film freisetzt, sind offenbar im Genre des Kriegsfilms nicht Verlockung genug, um ein großes Publikum anzuziehen.
Der nächste Test steht Ende der Woche bevor, wenn Brian De Palmas „Redacted“ in die Kinos kommt. Auch danach wird es bis weit ins nächste Jahr an Filmen nicht mangeln, die sich mit tiefem Ernst, ja ganz ungeniert verantwortungsvoll der Zeit stellen und, statt schlichte Botschaften abzuliefern, das Publikum mit Fragen zurücklassen. Wenn sie denn überhaupt ein Publikum finden. Lustige Bienen, wie erwiesen, stechen problembeladene Löwen und Lämmer leicht aus.