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Amerika Die 17 Gründe des Michael Moore

09.11.2004 ·  Trägt George W. Bush indirekt die Schuld am Verzweiflungstod eines jungen Mannes? Das Anti-Bush-Lager demonstriert nach dessen Wahlsieg weiterhin Haß und Herablassung. Und Michael Moore mischt munter mit.

Von Matthias Rüb, Washington
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Schon mal von Andrew Veal gehört? Und von Michael Moore? Andrew Veal ist tot; er war 25 Jahre alt, als er sich am vergangenen Wochenende erschoß. Michael Moore ist quietschfidel wie eh und je; am Donnerstag postierte er auf seiner Website, launig wie er ist, "17 Gründe sich die Pulsadern nicht aufzuschneiden" - obwohl George W. Bush die Wiederwahl gelungen ist. Natürlich besteht zwischen den beiden Ereignissen kein Zusammenhang. Oder?

Der Tod des jungen Mannes aus Atlanta in Georgia ist weiter ungeklärt. Andrew Veals Leiche wurde am Samstag auf der umzäunten Baustelle gefunden, an der einst die Zwillingstürme des World Trade Centers standen. Ein Angestellter eines Hotels entdeckte den Leichnam und alarmierte die Polizei. Die Todesursache soll eine selbst zugefügte Schußwunde sein, die sich Veal mit einer offenbar kurz zuvor gekauften Waffe zugefügt habe.

„Sicher, daß es Protest war“

Aus Medienberichten läßt sich bisher allenfalls rekonstruieren, daß der junge Mann aus Atlanta in Georgia, wo er an der Universität arbeitete, die Wahlnacht mit Freunden verbrachte und den erhofften Wahlsieg John Kerrys feiern wollte. "Ich bin mir absolut sicher, daß es ein Protest war", ließ sich Mary Anne Mauney, die Betreuerin von Veal im Computerlabor an der Universität von Georgia in den "New York Daily News" vernehmen.

Reporter wollen herausgefunden haben, daß Veal ein Vegetarier, Linker und Pazifist gewesen sei, der sich für die Einhaltung der Menschenrechte, für den Umweltschutz sowie für den Kampf gegen Armut, Sexismus und die Diskriminierung von Homosexuellen eingesetzt habe. Andere Medien berichten unter Berufung auf die Polizei, neben Veal sei eine Botschaft an seine Verlobte gefunden worden, sie sei "zu gut" für ihn; auch eine Anspielung auf den Wahlsieg Bushs habe sich auf dem Zettel gefunden.

Nur Die "Daily News" wollen aber auch erfahren haben, Veal habe eine Art Doppelleben geführt und neben seiner Verlobten in Iowa auch eine Freundin in Atlanta gehabt. "Er hat alle Zusammenhänge verstanden, er hatte eine vollständige Vorstellung von allen Dingen, die falsch sind auf der Welt. Und das hat ihn sehr bekümmert", wird hingegen Veals Vorgesetzte Mary Anne Mauney aus Atlanta von der "New York Times" mit einer irgendwie allumfassenden Erklärung zitiert.

Nur ein kleiner Schritt

Hier der ironische Umgang mit der Selbsttötung angesichts des für eine Demokratie doch erfreulich unspektakulären Vorgangs einer Wahl, dort ein ungeklärter Selbstmord, der sogleich ins politische Raster eingefügt wird: Der erste Kommentar von Michael Moore zum Wahlausgang auf dessen Website war eine namentliche Liste der im Irak getöteten amerikanischen Soldaten. Daß der Präsident ein Lügner sei, gehört längst zum Repertoire der Bush-Hasser, und zur Insinuation, er sei wegen seines Wahlsieges irgendwie auch für den Verzweiflungstod eines jungen Mannes an "Ground Zero" und seit je auch direkt für die mehr als 1130 im Irak getöteten amerikanischen Soldaten verantwortlich, ist es nur ein kleiner Schritt.

Wenn im Zusammenhang mit Wahlen so viel von Toten oder auch von Selbstmord die Rede ist, ist offenbar eine gewaltige Aggression und zugleich grenzenlose Selbstgerechtigkeit im Spiel. Der gemäßigt konservative Kommentator David Brooks bemerkte in der "New York Times" dieser Tage, es sei erschreckend, wie intolerant gegenüber Andersdenkenden - und anders Abstimmenden - gerade jene seien, die sich in dicken Pinselstrichen die Toleranz auf die eigenen Fahnen geschrieben haben. Tatsächlich ist der Diskurs der Präzeptoren einer gerechteren Welt von Haß und Herablassung geprägt.

„Vergewaltigen und plündern“

Maureen Dowd schreibt in der "New York Times", Bush habe "in Amerika einen Dschihad geführt, damit er auch einen im Irak führen kann"; wenn Dick Cheney von "dienen und beschützen" rede, höre es sich an wie "vergewaltigen und plündern". Die Gleichsetzung Bushs und der evangelikalen Christen, die ihn gewählt haben, mit dem radikal-islamischen Fundamentalismus gehört zum Kanon.

In der ZDF-Sendung "Berlin Mitte" fragte die frühere Justizministerin Herta Däubler-Gmelin, Expertin für historische Vergleiche, mit Blick auf die evangelikalen Christen in den Vereinigten Staaten: "Was steht in der Bibel? Heißt Christentum Frieden und Gerechtigkeit? Oder das Verbot von Homosexualität?" und insinuiert damit doch wohl, daß nach dem Willen von Bushs Wählern Homosexualität verboten werden solle. Die Schriftstellerin Isabel Allende spricht von "christlich-amerikanischen Taliban", die das Weiße Haus, Politik und Wirtschaft in Amerika kontrollierten.

Und Michael Moore? Der hat mit seinem Film "Fahrenheit 9/11" weltweit 213 Millionen Dollar eingespielt und sagt: "Ich glaube, es ist einfacher, die alten verbrauchten Klischees zu wiederholen anstatt herauszufinden, was wirklich die Wahrheit ist." Gemeint sind natürlich die anderen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2004, Nr. 262 / Seite 38
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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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