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Drogenkriegsfilm „Heli“ : Werdet erwachsen, lernt sterben

Die Last dieser Kindheit ist zu groß: Andrea Vergara (vorn) als Estela, Juan Eduardo Palacios als Beto. Bild: Temperdayfilm

Wer noch lebt, hat bloß Glück gehabt: Amat Escalantes „Heli“ sieht Mexikos Jugend als Totenwelt. Doch der Film verzichtet auf den sozialkritischen Frontalangriff - er stellt Tatsachen fest.

          Romeo muss nicht an Julias Fenster klopfen, sie riecht auch so, dass er Drogen dabeihat, die er verkaufen will, damit die beiden heiraten können. Julia ist erst zwölf Jahre alt. Romeo benutzt sie, weil sie nicht viel wiegt, gelegentlich zum Gewichtheben, was ihm mehr Spaß macht als das Training bei den Sicherheitskräften, wo er sich unter Anleitung eines Aufsehers aus den Vereinigten Staaten im Erbrochenen um sich selbst drehen muss, um Härte zu beweisen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Amat Escalantes „Heli“ erzählt eine Geschichte aus dem Rauschgiftelend in Mexiko, das uns normalerweise von Hollywood erklärt wird – aus der Sicht von Leuten wie Oliver Stone oder Steven Soderbergh. In Andrew Niccols jüngstem, ansonsten weitgehend überflüssigem Mahndrama „Good Kill“ gibt es eine staubtrockene Szene, deren Lakonik alle weiteren einschlägigen Problembewusstseinsschulungen entbehrlich macht: Ein Air-Force-Pilot trifft einen Polizisten in Nevada. Fragt der Polizist: Und, wie läuft der Krieg gegen den Terror? Erwidert der Soldat: Ungefähr wie euer Krieg gegen die Drogen. „Heli“ ist kein bebilderter Leitartikel über die Demütigung eines halben Kontinents durch eine Hegemonialmacht, die versucht, die Verrohung der von ihrem Reichtum abgehängten Randbewohner per Outsourcing auf ein Schlachtfeld zu begrenzen, das nur noch dem Namen nach ein souveräner Staat ist.

          Nirgends ist Zuflucht

          Der Film weiß darüber zwar alles – es ist sein Stoff. Aus diesem aber gewinnt er, statt händeringend Anklagegymnastik zu treiben, ein großes Kunstwerk, ästhetisch überwältigend gerade in Augenblicken, in denen die Bildsprache karg und mitleidlos Tatsachenfeststellungen trifft, die von der geradezu vornehmen Ausgesuchtheit (nie jedoch: Ausgedachtheit) des Darstellungsvokabulars nicht gemildert, sondern verschärft werden.

          Nirgends Zuflucht, überall Wüste: Es ist, als fahre man direkt ins Herz der Sonne.
          Nirgends Zuflucht, überall Wüste: Es ist, als fahre man direkt ins Herz der Sonne. : Bild: Temperdayfilm

          Seht her, wie ein Mordopfer auf der Straße liegt: Dieser Mensch ist nicht nur tot, er sieht aus, als wäre er bereits vergessen. Seht, wie der Himmel sich pfirsichfarben schämt, weil unter ihm gefoltert wird. Seht, wie der Blick durch die Frontscheibe eines Autos das Gefühl weckt, man fahre direkt ins Herz der Sonne. Wolken sind hier nicht die Regenbringer, auf die ausgetrocknete Seelen hoffen dürfen, sondern Wüstenschatten der Gleichgültigkeit böser Götter. Nirgends ist Zuflucht, wer noch lebt, hat bloß Glück gehabt, und der Schwangerschaftsabbruch für das vergewaltigte halbe Kind ist leider verboten (aber da das Opfer nicht mehr spricht, schickt man es am besten zum Psychologen).

          Gewalt im Nebensatz

          Das Mädchen heißt Estela – die junge Schauspielerin Andrea Vergara fasst in ihren Blicken, im Schweigen oder Sprechen den Film immer wieder zusammen: Es geht um die resignierte Schönheit der armen Freiheit, sich nichts mehr vormachen zu müssen. Willst du mich heiraten, fragt ihr Romeo, und sie antwortet: „Claro.“ Derlei Wortkargheit, mal dezent, mal schartig, hat dem Film den Ruf eingetragen, er sei brutal. Einmal wird ein Mensch an empfindlichster Stelle angezündet, einem kleinen Hund bricht man das Genick – es geschieht wie im Nebensatz, die Botschaft ist nicht: „Wie schrecklich!“, sondern: „Betrachtet einen Zustand, in dem derlei nebenher geschieht, und fragt euch, wie man die Hauptsache nennen soll, wenn dies die Nebensache ist.“

          Das ist Welten entfernt von den im amtlichen sozialkritischen Gewaltkino längst etablierten visuellen Frontalangriffen, die beim Zuschauen moralische Fleischwunden reißen sollen. Gegen Anfang von „Heli“ zeigt die Kamera ein Verbrechen aus Distanz, von unten, aus dem Auto. Sie sitzt im Fluchtfahrzeug. Als die Täter zu ihr kommen, schlagen sie die Wagentüren zu, und das Bild bebt sehr kurz. Der Moment fragt uns etwas: Liebes teilnahmsvolles Publikum, weißt du eigentlich, was du da gerade machst? Und er gibt selbst die schlimme Antwort: Du stehst Schmiere.

          Quelle: F.A.Z.

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