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Der indische Film „7 Göttinnen“ : Seit über 150 Jahren „gegen die Natur“

  • -Aktualisiert am

Zu Hause hat Mad (Anushka Manchanda) ein angemessenere Bühne als in den Kaschemmen, in denen sie sonst spielen muss: Szene aus „7 Göttinnen“ Bild: Jungle Book Entertainment/Swapnil Sonawane

Ist Zuneigung zum gleichen Geschlecht gegen die Natur? Pan Nalins Film „7 Göttinnen“ zeigt Indiens Frauenliebe und zeichnet das Bild einer Gesellschaft auf dem Prüfstand.

          Der Hinduismus ist eine Religion mit vielen Göttern. Besonders prominent ist Kali, eine Göttin, die gern einmal die Zunge herausstreckt. Kali ist oft zornig, und die Frauen, die in Pan Nalins „7 Göttinnen“ im Mittelpunkt stehen, sind es auch. Sie zeigen Kali die Zunge, in einer Geste der Solidarität. Sie sind nach Goa gekommen, weil ihre Freundin Freida sie eingeladen hat. Als sie da sind, gibt es eine Überraschung: ein weißes Kleid. Niemand hat etwas davon gewusst, dass Freida heiraten wird. Nun ist nur noch die Frage: Wer ist der Glückliche? Die Pointe, die in der Antwort steckt, ist bald absehbar, aber sie wird eine Weile aufgeschoben, denn Pan Nalin hat sich für jede ihrer Pratogonistinnen etwas Besonderes ausgedacht, und mit jeder dieser Geschichten erfahren wir mehr über die Rolle der Frauen in der indischen Gesellschaft.

          Sie haben, wie es aussieht, viele Möglichkeiten, stoßen aber auf noch mehr Grenzen. Su ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau, aber sie hadert mit der Einstellung ihrer Geschäftspartner. Ihr Professionalismus trifft immer wieder auf Schlendrian, sie ist aber auch eine sehr unerbittliche Person. Jo arbeitet als Schauspielerin beim Film, wird dort aber in erster Linie als Sexsymbol gebraucht. Mad hat es als Sängerin nicht weiter gebracht als in einen Nachtclub, in dem sie mit anstößigen Zurufen fertig werden muss. Und Freida, die zentrale Figur in „7 Göttinnen“, will sich als Fotografin nicht länger auf das sterile Schönheitsideal beschränken lassen, das in der Modelwelt gilt. Der Film beginnt also mit einer stürmisch geschnittenen Folge von dramatischen Abgängen. Er steht im Zeichen eines Exodus der Frauen aus der Gesellschaft, in der sie leben.

          Aus der Wut über das Versagen der Institutionen

          In Goa wollen sie in einem idyllisch gelegenen Haus einmal schön durchatmen und Zeit mit ihren Freundinnen verbringen. Aber so ein paar Tage Ferien, auch wenn sie mit einer Hochzeit verbunden sind, das macht noch keine Geschichte.

          Und Pan Nalin geht es auch von Beginn an um beides zugleich: Einerseits um diese unbeschwerte Stimmung, die sich einstellt, wenn Frauen unter sich sind. Da dürfen sie dann auch mal im Gegenlicht in den Meereswellen planschen, und daheim wird sowieso viel getanzt. Zugleich stehen diese Räume der Autonomie aber unter Druck, wie schon früh in einer Szene deutlich wird, in der es eine Autopanne in einer einsamen Gegend gibt. Zum Glück kommen ein paar junge Männer hinzu, die helfen könnten. Sie verhalten sich aber gar nicht wie Gentlemen, sondern werden gleich zudringlich. Nur mit Mühe kann eine Eskalation verhindert werden. Vorerst, wie sich später erweist.

          Auch zwischen den „Angry Indian Goddesses“, wie der Film im Original heißt, gibt es Spannungen. Das hat zuerst einmal mit der Figur von Narges zu tun, die später zur Runde stößt. Narges ist eine radikale politische Aktivistin, sie macht nicht zuletzt Su zu schaffen, gegen deren Fabrik sie immer wieder vorgeht. Selbst in dieser kleinen Runde werden die Widersprüche gleich persönlich. Das hat aber ausdrücklich mit Pan Nalins Politik zu tun. Denn „7 Göttinnen“ ist selbst ein aktivistischer Film.

          Er richtet sich zuerst gegen einen Passus in den indischen Gesetzen, der seit 1861 in Kraft ist, also tief in der kolonialen Welt verwurzelt ist: Der Artikel 377 erklärt Beziehungen zwischen Menschen gleichen Geschlechts für „gegen die Natur“. Damit ist schon ziemlich klar, dass das Brautkleid in „7 Göttinnen“ mehr ist als nur ein schönes Stück Textil. Es ist ein Manifest gegen diesen Artikel. Kein Wunder, dass der Vater von Freida an dieser Hochzeit nicht teilnehmen will. Die Freundinnen bleiben unter sich, umgeben nur von Sus Tochter, die mit dem Telefon fotografierend die Umgebung erkundet. Und von Laxmi, der Bediensteten, die bald in den Mittelpunkt gerät, weil sie als Opfer sexueller Gewalt nach Rache sinnt.

          Das traditionelle indische Mainstreamkino, wie es unter dem Label Bollywood längst auch im Westen erfolgreich ist, kennt alle die Dramen, die in „7 Göttinnen“ zum Thema werden, auch. In den Musicals werden sie allerdings so gelöst, dass sich niemand ausgeschlossen fühlen muss oder, weniger vorsichtig gesagt, dass die Verhältnisse nicht entscheidend angetastet werden. Pan Nalin spielt in ihrem Film mit den Formeln des Bollywoodkinos, wie es auch eine anerkannte Autorenfilmerin wie Mira Nair tut. Sie lässt sich in ihrer Erzählung aber von einer leidenschaftlichen Intuition leiten, die nur zu verständlich ist, wenn man auch nur um einen Teil der vielen Vorfälle weiß, bei denen Frauen in Indien zu Opfern von männlicher Gewalt werden. Die Auseinandersetzungen um die richtige Reaktion darauf werden intensiv geführt, und man kann „7 Göttinnen“ durchaus als eine Parteinahme in dieser Frage sehen. Eine Parteinahme, die sich aus der Wut über das Versagen der Institutionen erklären lässt. Die Erzählung bekommt so allerdings zunehmend eine Tendenz.

          Freida und ihre Freundinnen sind keine Figuren im herkömmlichen Sinn, mit komplizierten Motivationen und eigensinnigen Wünschen. Sie sind wandelnde (Anti-)Thesen in einem agitatorischen Film. Als solcher hat „7 Göttinnen“ seinen Rang und geht er auch zu Recht um die Welt. Die indische Filmzensur hat auf ihre Weise dem Protest der Frauen ein neues Motiv gegeben. Sie hat den „zornigen Göttinnen“ ihr Identifikationsmotiv genommen. Die Göttin Kali mit ihrer herausgestreckten Zunge musste unkenntlich gemacht werden. In der Version, die in Deutschland ins Kino kommt, ist sie weiterhin zu sehen. Aber auch in Indien wird sich das Bild des Aufbegehrens nicht auf Dauer verpixeln lassen.

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