http://www.faz.net/-gqz-99uf3

Dokumentarfilm „Auf der Jagd“ : Wild im verwalteten Wald

  • -Aktualisiert am

Szene aus Alice Agneskirchners Film Bild: Broadview

Ist die Jagd hierzulande in wesentlichen Teilen zu einem Dienst nach Vorschrift geworden? Alice Agneskirchners spannender Dokumentarfilm „Auf der Jagd – Wem gehört die Natur?“.

          Die Tiere seien einfach da und suchten sich einen Lebensraum, würden aber fast nirgends mehr geduldet, sagt einer der Jäger in Alice Agneskirchners Dokumentarfilm „Auf der Jagd – Wem gehört die Natur?“, der mit einem für Dokumentarfilme ungewöhnlichen Aufwand an Werbung und Begleitveranstaltungen von Jagd- und Jägerverbänden in die Kinos kommt. Und jagen sei immer unangenehm, fügt er noch hinzu, weil es immer mit Töten zu tun habe. Töten mache nie Spaß, meint ein anderer Jäger, nur wenn man wisse, warum man töte. Während eine Jägerin, zu der einem beim Zusehen sofort das Wort „solvent“ einfällt, auf ihrem Hochsitz darüber sinniert, dass sie den Prozess des Tötens so kurz wie möglich zu halten versuche. Ein kurzer schneller Tod durch einen gezielten Schuss ist bei dieser Jägerin der Unterschied zum teilweise langen und qualvollen Tod, den Tiere erleiden, wenn sie von anderen Tieren getötet werden.

          Das einem dazu das Stichwort „humanes Töten“ einfiel, ist in diesem Fall weder polemisch noch zynisch gemeint. Denn eine der großen Qualitäten von Agneskirchners Dokumentation ist es, dass zum Jagen gehörende Töten in der Selbstdarstellung der deutschsprachigen Jäger als einen nahezu affektfreien Dienst nach Vorschrift erscheinen zu lassen, zu dem die Jagd hierzulande in wesentlichen Teilen geworden ist. Die Jagd ist so weit in ein hochdifferenziertes Rechts-, Verwaltungs- und Vorschriften- und Regulierungssystem eingebunden, dass man den Eindruck nicht los wird, dass die Jäger tatsächlich keinen Spaß mehr an ihrer Sache haben. Der Film kontrastiert das zurückhaltend, indem er kurz einen Ausflug zu den Jägerinnen der kanadischen Algonkin macht, die in ihrem Umgang mit der Jagd und ihrem Verhältnis zu den rituellen Überlieferungen ihres Stammes vor allem gute Laune versprühen.

          Der Schutz der Bäume geht immer vor

          Was auch daran liegt, dass die sogenannten „Native Hunters“ nicht nach Metaphysik suchen, die erklären soll, warum sie überhaupt jagen, wie es einige der deutschen Jäger tun. Natürlich fehlt auch eine der Standardrechtfertigungen der deutschen Jäger für ihr Tun in diesem Film nicht. Jäger müsse es schon deshalb geben, weil mit dem Verschwinden der großen Raubtiere wie Bären, Luchse und Wölfe aus unseren Breiten die regulatorischen Funktionen für die Wildpopulationen von Rehen, Hirschen, Gemsen und Hasen der Mensch übernehmen müsse. Ein Argument, dass „Auf der Jagd“ sehr ruhig konterkariert. Die Bilder von der Rückkehr des Wolfes nach Brandenburg wirken, zusammen mit Aussagen einer Wolfsforscherin und ihrer Glücksmomente, so gelassen, dass man überhaupt keine dramaturgische Zuspitzung braucht, um das Paradox des wilden Tieres in der verwalteten Landschaft zu verstehen.

          Wirklich stören können die Abläufe in dieser bis auf den letzten Quadratzentimeter vermessenen und verwalteten deutschen Wald- und Wiesenlandschaft nur die wilden Tiere. Der Film zeigt das ausführlich am Beispiel der Gemsen in den Bayerischen Alpen. Gemsen leben ausschließlich in Hochgebirgen. Und auch wenn sie genügsam sind und die trockensten Gräser fressen, mögen sie auch manchmal frische saftige Baumtriebe. Und hier beginnt der Konflikt um die Bergziegen, die sich so anschaulich in die Alpenfelswände schmiegen können. Das deutsche Waldgesetz stellt nämlich den Schutz der Bäume immer nach dem Grundsatz „Wald vor Wild“ über den Tierschutz. Weil die Bäume nach wie vor „ihren Nachwuchs unabhängig von ihrem Tauschwert einrichten“, wie Karl Marx im „Kapital“ schrieb, müssen sie besonders rigoros geschützt werden, um in ausreichender Menge nachzuwachsen.

          Kein Platz für Unmittelbarkeit

          60 Prozent der bayerischen Bergflächen sind deshalb Schutzwald, von denen noch einmal 15 Prozent komplett schonzeitbefreit sind. Was bedeutet, dass in diesen Wäldern Gemsen ganzjährig zum Abschuss freigegeben sind. Eine Ausnahme davon stellen lediglich weibliche tragende Tiere da. Um die Abschussquoten festzulegen, lassen die Forstbehörden regelmäßig sogenannte Verbissgutachten erstellen. Der Zustand der jungen Bäume gibt vor, wie viel Wild jedes Jahr geschossen werden muss. Den Jägern bleibt dabei nichts anderes übrig, als die Quoten zu erfüllen, da ihnen sonst Geldstrafen oder der Entzug des Revieres drohen. Im Film sind es dann die Jäger, die gegen diese Praxis argumentieren. Die Quoten haben die Gemsen derart in Bedrängnis gebracht, dass sie in den Alpen auszusterben drohen. Weil zu viele junge Tiere geschossen werden, sind die Gemsgruppen nicht mehr in der Lage, die Fortpflanzungsraten zumindest auf dem aktuellen Stand zu halten. Ihr Verschwinden ist programmiert, da die Jäger an die Abschussvorgaben des Landwirtschaftsministeriums gebunden sind.

          Während in diesem Fall die Argumentation der Forst- und Landwirtschaftsbehörden in der Logik der Zirkulation der Holzverwertung verbleiben, sind es die Argumente der Jäger, die merkwürdig sachlich mit den Bewegungs- und Fortpflanzungsdynamiken der Gemsen rechnen. Das mag auch einer der Gründe sein, warum Jagdverbände schon im Vorfeld auf den Film positiv reagiert haben. Ein Argument gegen den Film ist es nicht. Denn seine Spannung zieht er nicht aus dramatisierten Konflikten, sondern aus der Tatsache, dass er seine Geschichten auf der Folie einer vermessenen und verwalteten Landschaft erzählt, in der kein Platz für Unmittelbarkeit ist.

          Weitere Themen

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Topmeldungen

          Es ist die erste Regionalkonferenz, auf der sich Kramp-Karrenbauer, Merz und Spahn den Mitgliedern ihrer Partei präsentieren.

          CDU-Regionalkonferenz : Gezielte Spitzen im Nebel der Nettigkeiten

          Stimmungstest für die potentiellen Merkel-Nachfolger an der CDU-Basis: Merz trifft nur einmal nicht den richtigen Ton, Kramp-Karrenbauer gibt sich bestimmt, Spahn tritt als Erneuerer auf – und jeder setzt ein paar gezielte Spitzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.