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Eröffnungsfilm in Venedig : Zwerge im Abendlicht

Die unglaubliche Geschichte des Mister S.: Kristen Wiig und Matt Damon als Ehepaar Audrey und Paul Safranek Bild: Paramount Pictures

Schrumpfen als neuer Weg in die Nachhaltigkeit: Alexander Paynes „Downsizing“ eröffnet das Filmfest Venedig. Mitunter zeigt die Satire ihre auf maximale Schärfe polierte sarkastische Klinge.

          Wie übersetzt man „the big picture“? Auf Dolmeterschdeutsch heißt’s wohl „das große Bild“, es kann aber ebenso gut „der Gesamtzusammenhang“ bedeuten, das große Ganze (das, mit Adorno, in einer Gesellschaft des fortwährenden Leidens am Unrecht schlicht „das Unwahre“ ist), und schließlich, im Kinoslang: „der Riesenfilm“.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Im Wettbewerb von Venedig rollen diesmal gleich mehrere Werke auf Kritik und Publikum zu, die man schon allein ihrer fordernden Dauer wegen „big pictures“ nennen muss und bei denen schon vorab die Gefahr zu erkennen ist, sich dabei vor lauter Guckarbeit die Augen auszurenken: Hundertsiebenundneunzig Minuten lang klettert Frederick Wiseman am kommenden Sonntag durch die New York Public Library, hundertachtzig Minuten lang singt uns nächsten Donnerstag Abdellatif Kechiche den „ersten Gesang“ seines mediterranen Schicksalsepos „Mektoub, My Love“ vor, und der notorische Schwer- wie Großbedeutsamkeitsgewichtheber Ai Weiwei nimmt immerhin zwei Stunden und zwanzig Minuten lang die Leinwand mit seinem Migrations- und Fluchtgemälde „Human Flow“ in Anspruch.

          Schrumpfpersonenpionierstadt mit Sparvorteilen

          An diesen Bombastbaustellen gemessen, ist der Held des Eröffnungsfilms „Downsizing“ von Alexander Payne buchstäblich winzig: Man hat Matt Damon auf zwölf Zentimeter verkleinert, weil ein norwegisches Forschungsinstitut der Menschheit einen neuen Weg in die Nachhaltigkeit eröffnen will. Als Knirps mit Herz verlangt er auf dem Höhepunkt des Films von seinem Co-Star, der spröden, burschikosen und schauspielerisch absolut überwältigenden Hong Chau, sie möge doch „the big picture“ sehen und ihn auf seiner Wichtelreise zu einem neuen Anfang für die Spezies Homo Sapiens begleiten, statt ihre Zeit damit zu vertrödeln, alte Männer im Rollstuhl zu füttern und kleinen Jungs Medizin gegen Pilzbefall zu organisieren.

          Kinotrailer : Kinotrailer: „Downsizing“

          Damon, als weißer, an den unteren Rand des sich im Säurebad der Lohnarbeitskrise zersetzenden Mittelstands abgesunkener Kleinbürger Paul Safranek, begreift während seiner kleinen Rede nicht im mindesten, dass er mit diesem Appell an den höheren Ehrgeiz die falsche Adressatin vollquatscht: Diese Frau hat in Vietnam mit anderen gegen brutale Ressourcenstreckungsmaßnahmen ihrer Regierung auf Kosten der armen Landbevölkerung protestiert. Sie weiß also sehr genau, was es bedeutet, sich uneigennützig in ein politisches „big picture“ zu werfen, denn man hat sie eingesperrt, gequält und gegen ihren Willen genau derselben Verzwergung ausgesetzt, die Mister Safranek mit Absicht auf sich nahm, um als buchstäblicher „kleiner Mann“ in einer westlichen Schrumpfpersonenpionierstadt („Microcommunity“) allerlei Spar- und Steuervorteile zu genießen. Diese Siedlung umfasst, wie er erst durch die Vietnamesin herausfindet, nicht nur Puppenhäuser mit Villenprunk für Leute wie ihn, sondern auch eine Schattenseite, ein Slumgebiet.

          Das Riskanteste und Gelungenste des Films

          Alexander Paynes behutsame Regie nimmt das Publikum erst nach der Hälfte des Films in dieses Elend mit; er hat den Moment, da aus der skurrilen Komödie in der Tradition von „Honey, I shrunk the kids“ (1989) etwas anderes, anstrengenderes, sehr viel Besseres wird, intelligent vorbereitet, und zwar mit Details, in denen es einerseits was zum Lachen, Andererseits Grund zum Fürchten gibt. Wenn es etwa von der Vietnamesin heißt, sie habe sich wie einige ihrer Landsleute auf dem illegalen Weg in die Vereinigten Staaten in einem Fernsehkasten versteckt, findet man das zunächst drollig, aber dann erfährt man, dass dabei die meisten anderen Flüchtlinge gestorben sind, und Paynes Satire zeigt ihre auf maximale Schärfe polierte sarkastische Klinge.

          Die Schauspieler Matt Damon (l.), Kristen Wiig, Hong Chau und der Regisseur Alexander Payne beim Fototermin in Venedig
          Die Schauspieler Matt Damon (l.), Kristen Wiig, Hong Chau und der Regisseur Alexander Payne beim Fototermin in Venedig : Bild: ONORATI/EPA-EFE/REX/Shutterstock

          Wechsel zwischen verschiedenen Wahrnehmungstemperaturen, etwa Pathos einerseits und Komik andererseits, Sprünge vom Sozialrealismus ins Wunderbare, sind das Riskanteste und in der weit überwiegenden Mehrheit solcher Spielzüge obendrein Gelungenste an „Downsizing“. Einer ernsten Unterhaltung auf einer Bootsfahrt über die Auslöschung allen Lebens, wie wir’s kennen, folgt wie selbstverständlich ein wie aus frühen Disney-Trickfilmen importierter, zauberhafter Moment, wo wir das miniaturisierte Schauspielerensemble bei einer Fahrt durchs normal große, also riesige Gras begleiten dürfen.

          Die Welt ist schön, wenn man sie nicht versaut

          Man staunt, man zweifelt, ängstigt sich, zerdrückt ein (manchmal zu manipulativ herbeigefilmtes) Tränchen und kichert immer wieder; das ganze Erzähl- und Effektspektrum des Cinematischen wird ausgereizt, auch dank der vorzüglichen Besetzung: Topkräfte wie James Van Der Beek oder Udo Kier blitzen und sprühen in Nebenrollen, Christoph Waltz darf als serbischer Gauner (mit Herz aus, nein, nicht Gold, sondern vielleicht: kokainbestäubtem Karamell) sein gemütlichstes Teufelsgrinsen vorführen, und das Paar im Mittelpunkt der Show, Matt Damon und Hong Chau, arbeitet sich im Laufe des Geschehens in eine sehr schwierige und eben deshalb überzeugend alles andere bündelnde Beziehung; und die Moral des Ganzen passt auf seine ästhetische Vermittlung durch diesen Film wie die karierten Kleinbürgerhemden auf Damons breiten Rücken.

          Was für eine Moral das ist? Diese: Redet euch nicht auf Naturtatsachen und -katastrophen heraus, liebe Menschen, wenn man in eurer Gesellschaft nicht menschenwürdig leben kann. Der melancholischste Moment des Films ist der, in dem eine Gruppe von Leuten das letzte Mal in ihrem Leben das Licht der Sonne sieht, wie sie hinter einem Gebirge untergeht. Doch, ja, man könnte auf dieser Welt leben, sie ist schön, wenn man sie nicht versaut. Steht die Sonne niedrig, sagt ein geflügeltes Wort, dann werfen Zwerge lange Schatten. „Downsizing“ ist der Film zu dieser Wahrheit – kein monumentaler Meilenstein der Kunst zwar, aber als aufgeweckte Unterhaltung eine, wie soll man sagen, ja: eine enorme Kleinigkeit.

          Quelle: F.A.Z.

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