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Alexander Kluge verfilmt „Das Kapital“ Die Menschheit muss unsterblich werden

11.11.2008 ·  Alexander Kluge geht das Wagnis an, das Sergej Eisenstein nicht vollenden konnte, und verfilmt in neun Stunden Länge „Das Kapital“ von Karl Marx. FAZ.NET zeigt das Mammutwerk in Ausschnitten mit Kluges wichtigsten Gesprächspartnern.

Von Andreas Platthaus
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Aller Anfang ist schwer, gilt in jeder Wissenschaft.“ So schreibt Karl Marx 1867 in seinem Vorwort zu „Das Kapital“. Sein Satz gilt auch für jede Kunst, wie Sergei Eisenstein merken musste. Der fasste 1927 den Entschluss, „Das Kapital“ zu verfilmen – und das hieß nicht, wie Oskar Negt völlig zu Recht anmerkt, einen Film über „Das Kapital“, sondern die wissenschaftliche Studie selbst zur Grundlage einer Filmhandlung zu machen: Bilder zu finden, die jenen Prozess zeigen, den Marx beschreibt und der, wie gleichfalls Negt sagt, sich erst jetzt in der Globalisierung nicht als prophetisch, sondern vielmehr als genau analysiert zeige.

Das sagt Negt im Gespräch mit Alexander Kluge, der sich acht Jahrzehnte nach Eisenstein mit dessen Idee befasst und sie kurzentschlossen umgesetzt hat. Allerdings hat er „Das Kapital“ nicht als Grundzug der Handlung seines Films (der am 19. November als DVD erscheint) gewählt, der denn auch nicht einfach „Das Kapital“ heißt, sondern „Nachrichten aus der ideologischen Antike: Marx – Eisenstein – Das Kapital“. Kluge wählte also den bequemeren Ausweg, den Negt angesprochen hatte: den eines Films über das Buch von Marx. Mag man am Anfang noch meinen, wenn einem aus der eleganten Hülle der neuen Filmedition Suhrkamp die drei DVDs entgegenblinken, deren Zahl könne sich dem Vorbild des „Kapitals“ verdanken, das ja auch in drei Bänden erschienen ist, so wird man bald eines Besseren belehrt: Die erste DVD beschäftigt sich mit Eisensteins Anspruch an eine Verfilmung, die zweite widmet sich dem Verhältnis von Menschen und Dingen, die dritte schließlich stellt die Tauschgesellschaft in den Mittelpunkt.

Kongeniale Bildästhetik

Wichtigster Bezugspunkt bleibt bei alldem der erste Band des „Kapitals“. Kluge geht dabei auf jene Weise vor, die er in den Sendungen seiner Fernsehgesellschaft dctp kultiviert hat: Er unterhält sich mit Gesprächspartnern und bereitet deren Aussagen durch Beigabe von illustrativ eingesetzten Bildern oder essayistischen Filmchen auf. So entsteht eine Collage, die einerseits das Eisensteinsche Prinzip der Montage der Attraktionen zum Stiefvater hat, andererseits auch in der bewussten Ausstellung des Collagierens die Prinzipien der Fotomontagetechnik eines John Heartfield zitiert und nicht zuletzt in den zahlreichen Schrifttafeln die typographischen Wagnisse des russischen Konstruktivismus zum Vorbild nimmt. So entsteht eine Bildästhetik, die kongenial zu den Marx-Texten passt, weil all diese Bezüge auf jenes ästhetische Reizklima verweisen, dass der Marxismus rund um die Welt schuf, nachdem er in der Sowjetunion einmal konkret umgesetzt worden war.

Neun Stunden nimmt Kluge sich Zeit für seine „Nachrichten aus der ideologischen Antike“. Allein jeweils mehr als eine Dreiviertelstunde spricht er mit Negt, Peter Sloterdijk und Dietmar Dath. Und noch länger mit Helge Schneider, der gleich in mehreren Rollen auftritt: als ein Sprengmeister namens Zigarren-Willi in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs vor Verdun, als Hartz-IV-Empfänger Atze Mückert, als Filmkomponist Fedor Rostoptschin und schließlich auch als Karl Marx selbst mit einem abenteuerlichen roten Wallebart. Kluge nutzt diese Auftritte jeweils als abschließende Satyrspiele auf den DVDs zwei und drei – und es ist tatsächlich hochkomisch, wie der stoische Schneider einen Alt-Siegfried mit langen blonden Locken unter der Arbeitermütze gibt, der seine Position zu Marx so bestimmt: „Heute wäre der ja mehr als hundertneunzig Jahre alt. Also so alte Menschen gibt es ja gar nicht.“

„Das Kapital“ als ästhetisches Phänomen

Doch Kluge meint es ernst, ohne wirklich Ernst zu machen. Der Titel erzählt ja bereits, dass ihn die Ideologie des Marxismus nicht interessiert – zumindest nicht als zeitgenössisches Phänomen. Andererseits gibt es auch eine Unterhaltung mit Negt über die paradoxe Aktualität der klassischen Antike, und vor dieser Folie bekommt der Filmtitel einen programmatischen Anstrich: Gerade weil es keine unmittelbaren Bezugspunkte mehr zu geben scheint, ist die Aussage des „Kapitals“ hochaktuell. Worum es Kluge geht, ist die Sprache des Buchs und dessen Geschichte. Beide berühren Ebenen im Denken, die nicht durch rein intellektuelle Kriterien zu bestimmen sind. „Das Kapital“ als solches wird hier zum ästhetischen Phänomen.

Damit wird Kluge dem Anspruch von Marx selbstverständlich nicht gerecht. Doch so, wie Boris Groys im Gespräch mit Kluge die These aufstellt, dass die Menschheit erst unsterblich sein müsse, bevor der Kommunismus kommen könne, weil erst dann das letzte Privateigentum – nämlich das von Verlust bedrohte eigene Leben – entfiele, so scheint auch erst die heutige Zeit (aber anders, als Negt es meint) einen zwar nicht adäquaten, aber doch instrumentellen Umgang mit dem Material vollziehen zu können, das im „Kapital“ bereitgestellt wird.

Die filmischen Mittel zum gigantischen Werk

Dietmar Dath antwortet auf Kluges Frage, was wohl Eisenstein und James Joyce besprochen haben könnten, als sie sich 1929 in Paris trafen, dass wohl nicht die Begegnung der beiden Menschen interessant gewesen sei, sondern die Begegnung des jeweiligen Materials. Das ist ein orthodoxer marxistischer Standpunkt. Eisenstein schrieb tatsächlich in seinen theoretischen Schriften zum Kino beinahe verzweifelt eine Zukunft herbei, die seinen Filmidealen endlich die geeigneten Mittel zur Verfügung stellen würde: quadratische Leinwände zum Beispiel. Kluge ist einer der wenigen Regisseure, die das Glück haben, in der Lage zu sein, dass das vorhandene Material dem eigenen Schaffen entspricht – er ist der Meister des Bildschirms, der fernsehgerechten Form. Das macht die DVD zum genau richtigen Medium für sein Werk. Von der gewiss schwer durchstehbaren Vorführung eines neunstündigen Films dieser Art im Kino einmal ganz zu schweigen.

Zu Wort kommen darin auch Durs Grünbein, Rainer Stollmann, Sophie Rois, Joseph Vogl, Hans Magnus Enzensberger und vor allem Galina Antoschewskaja, Großnichte von Lenins Dolmetscherin für Deutsch und nun selbst Übersetzerin. Neben allen Befragten hat Kluge Lichtquellen prominent ins Bild gesetzt: nackte Glühbirnen, Steh- und Hängelampen, Strahler und Fenster – als sollte die Erleuchtung fast comicartig vorgeführt werden. Und zwischen den großen Gesprächsblöcken sind Animationssequenzen eingestreut, die auch von Terry Gilliam aus der Monty-Python-Serie stammen könnten, sowie Couplets, Opernausschnitte, Theaterszenen und immer wieder Rezitationen aus „Das Kapital“, aber auch aus anderen Werken, die Kluge zur Erhellung der Bewegung, die dieses Buch ausgelöst hat, zusammengestellt hat.

Neun Stunden sind nicht lang genug

So entsteht ein subjektiv-assoziativer Blick auf das Marxsche Hauptwerk, der nichts von der geschichtlichen Notwendigkeit hat, die darin beschrieben wird, und doch durch die Vielzahl der von Kluge zur Mitwirkung animierten Stimmen eine Art kollektiven Kommentar abgibt. Darin gleicht das Verfahren dem Konstruktionsprinzip des „Kapitals“, auch in solch virtuos gebrauchten Zitaten wie dem Lied „Here’s to You“ von Joan Baez, das über die Schluss-Sequenz eines Beitrags zum Tod von Rosa Luxemburg gelegt wird und natürlich an den unter Mitwirkung von Alexander Kluge entstandenen Episodenfilm „Deutschland im Herbst“ erinnert, wo derselbe Song den Heimweg der Teilnehmer an der Beerdigung für die in Stammheim gestorbenen Terroristen untermalte. Das ist einer der raren pathetischen Momente in Kluges Film.

Zuletzt die Frage: Waren neun Stunden wirklich nötig? Die Antwort lautet: Ja. Und mehr wären schön gewesen, denn je länger man sich auf das Marx-Potpourri einlässt, desto intensiver zeigt sich, wie sehr „Das Kapital“ die Moderne geprägt hat – und vor allem Menschen. Alles, was das Menschsein berührt, ist der Analyse wert. Dieses Marxsche Programm hat Kluge übernommen. So betrachtet ist er der überzeugteste Marxist in seinem eigenen Film.

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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