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Alexander Kluge verfilmt „Das Kapital“ : Die Menschheit muss unsterblich werden

Immer einen Hang zur Monumentalität: Karl Marx, hier im sächsischen Chemnitz Bild: picture-alliance/ dpa

Alexander Kluge geht das Wagnis an, das Sergej Eisenstein nicht vollenden konnte, und verfilmt in neun Stunden Länge „Das Kapital“ von Karl Marx. FAZ.NET zeigt das Mammutwerk in Ausschnitten mit Kluges wichtigsten Gesprächspartnern.

          Aller Anfang ist schwer, gilt in jeder Wissenschaft.“ So schreibt Karl Marx 1867 in seinem Vorwort zu „Das Kapital“. Sein Satz gilt auch für jede Kunst, wie Sergei Eisenstein merken musste. Der fasste 1927 den Entschluss, „Das Kapital“ zu verfilmen – und das hieß nicht, wie Oskar Negt völlig zu Recht anmerkt, einen Film über „Das Kapital“, sondern die wissenschaftliche Studie selbst zur Grundlage einer Filmhandlung zu machen: Bilder zu finden, die jenen Prozess zeigen, den Marx beschreibt und der, wie gleichfalls Negt sagt, sich erst jetzt in der Globalisierung nicht als prophetisch, sondern vielmehr als genau analysiert zeige.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das sagt Negt im Gespräch mit Alexander Kluge, der sich acht Jahrzehnte nach Eisenstein mit dessen Idee befasst und sie kurzentschlossen umgesetzt hat. Allerdings hat er „Das Kapital“ nicht als Grundzug der Handlung seines Films (der am 19. November als DVD erscheint) gewählt, der denn auch nicht einfach „Das Kapital“ heißt, sondern „Nachrichten aus der ideologischen Antike: Marx – Eisenstein – Das Kapital“. Kluge wählte also den bequemeren Ausweg, den Negt angesprochen hatte: den eines Films über das Buch von Marx. Mag man am Anfang noch meinen, wenn einem aus der eleganten Hülle der neuen Filmedition Suhrkamp die drei DVDs entgegenblinken, deren Zahl könne sich dem Vorbild des „Kapitals“ verdanken, das ja auch in drei Bänden erschienen ist, so wird man bald eines Besseren belehrt: Die erste DVD beschäftigt sich mit Eisensteins Anspruch an eine Verfilmung, die zweite widmet sich dem Verhältnis von Menschen und Dingen, die dritte schließlich stellt die Tauschgesellschaft in den Mittelpunkt.

          Kongeniale Bildästhetik

          Wichtigster Bezugspunkt bleibt bei alldem der erste Band des „Kapitals“. Kluge geht dabei auf jene Weise vor, die er in den Sendungen seiner Fernsehgesellschaft dctp kultiviert hat: Er unterhält sich mit Gesprächspartnern und bereitet deren Aussagen durch Beigabe von illustrativ eingesetzten Bildern oder essayistischen Filmchen auf. So entsteht eine Collage, die einerseits das Eisensteinsche Prinzip der Montage der Attraktionen zum Stiefvater hat, andererseits auch in der bewussten Ausstellung des Collagierens die Prinzipien der Fotomontagetechnik eines John Heartfield zitiert und nicht zuletzt in den zahlreichen Schrifttafeln die typographischen Wagnisse des russischen Konstruktivismus zum Vorbild nimmt. So entsteht eine Bildästhetik, die kongenial zu den Marx-Texten passt, weil all diese Bezüge auf jenes ästhetische Reizklima verweisen, dass der Marxismus rund um die Welt schuf, nachdem er in der Sowjetunion einmal konkret umgesetzt worden war.

          Er sieht Marx anders, als der sich selbst gesehen hätte: Filmemacher Alexander Kluge

          Neun Stunden nimmt Kluge sich Zeit für seine „Nachrichten aus der ideologischen Antike“. Allein jeweils mehr als eine Dreiviertelstunde spricht er mit Negt, Peter Sloterdijk und Dietmar Dath. Und noch länger mit Helge Schneider, der gleich in mehreren Rollen auftritt: als ein Sprengmeister namens Zigarren-Willi in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs vor Verdun, als Hartz-IV-Empfänger Atze Mückert, als Filmkomponist Fedor Rostoptschin und schließlich auch als Karl Marx selbst mit einem abenteuerlichen roten Wallebart. Kluge nutzt diese Auftritte jeweils als abschließende Satyrspiele auf den DVDs zwei und drei – und es ist tatsächlich hochkomisch, wie der stoische Schneider einen Alt-Siegfried mit langen blonden Locken unter der Arbeitermütze gibt, der seine Position zu Marx so bestimmt: „Heute wäre der ja mehr als hundertneunzig Jahre alt. Also so alte Menschen gibt es ja gar nicht.“

          „Das Kapital“ als ästhetisches Phänomen

          Doch Kluge meint es ernst, ohne wirklich Ernst zu machen. Der Titel erzählt ja bereits, dass ihn die Ideologie des Marxismus nicht interessiert – zumindest nicht als zeitgenössisches Phänomen. Andererseits gibt es auch eine Unterhaltung mit Negt über die paradoxe Aktualität der klassischen Antike, und vor dieser Folie bekommt der Filmtitel einen programmatischen Anstrich: Gerade weil es keine unmittelbaren Bezugspunkte mehr zu geben scheint, ist die Aussage des „Kapitals“ hochaktuell. Worum es Kluge geht, ist die Sprache des Buchs und dessen Geschichte. Beide berühren Ebenen im Denken, die nicht durch rein intellektuelle Kriterien zu bestimmen sind. „Das Kapital“ als solches wird hier zum ästhetischen Phänomen.

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