08.11.2005 · Mit ihm, sagte einmal einer seiner Regisseure, käme immer ein Anflug von Tod auf die Leinwand, seiner Macht und auch seiner Erbärmlichkeit. Zuerst alterte Alain Delon gar nicht. An diesem Dienstag wird er siebzig.
Von Verena LuekenUnberührbar von Liebe, Alter und Furcht - Alain Delon ist niemals einer von uns gewesen, keiner, dem man nacheifern, keiner, den man bewundern konnte. Nur immer wieder ansehen mußte man ihn und sich der Grazie hingeben, mit der er den Kinomythos des schweigenden Rächers, skrupellosen Kriminellen und gnadenlosen Polizisten mit der Aura des durch und durch modernen Mannes verschmelzen ließ und vor uns stand wie ein Körper der reinen Form.
Vor ein paar Tagen war mitten in der Nacht im Bayerischen Rundfunk noch einmal „Der eiskalte Engel“ zu sehen, jener Film von Jean-Pierre Melville aus dem Jahr 1967, der wie kein anderer bestimmt hat, wer Alain Delon im Bewußtsein seiner Verehrer und Verehrerinnen ist oder zumindest einmal war. Der Film, der den Höhepunkt des europäischen Film noir markierte, war schon fast vorbei, es liefen noch die letzten fünfzehn Minuten, in denen Delon in der Rolle des Auftragsmörders Jeff Costello auf der Flucht vor der Polizei im Pariser Metronetz hin- und herschießt wie ein gefangenes Tier, um schließlich mit derselben kalten Professionalität seinen eigenen Tod zu inszenieren, mit der er bis dahin anderen das Leben genommen hatte. Und in diesen fünfzehn Minuten wurde Alain Delon, der schöne, kalte, gewissenlose und für beide Geschlechter so verführerische, eine andere Figur, als die Erinnerung ihn gespeichert hatte.
Auch er bleibt nicht ewig unberührbar
Er wurde durchschaubar. Mechanisch in seinen Bewegungen, kalkulierend in seiner Darstellungstechnik, die traurigen Augen höchstens ein bißchen traurig, der nach innen gerichtete Blick interesselos. Immer noch bestach seine maskenhafte Schönheit, die zierliche Figur, die mädchenhaft geschwungenen Lippen in einem marmornen Gesicht, auf das ein steifer Hut seinen Schatten warf. Delon wirkte schnell und gleichzeitig bewegungslos. Denn jede Wendung des Kopfes, jeder Richtungswechsel auf der Flucht, jeder Handgriff beim Kurzschließen eines gestohlenen Autos schienen ein wenig verzögert. Jede Bewegung wurde ausgelöst von einem Impuls, erfolgte sozusagen synkopisch, wie die Musik, die sie begleitete, jazzig. Das ist eine grandiose Technik, und sie wirkte immer geheimnisvoll, weil sie den Mann, der sich so bewegte, ein wenig neben die Realität stellte, von der in dem hochstilisierten „Eiskalten Engel“ sowieso nicht viel zu sehen ist. In jener Nacht verlor sie nicht ihre Wirkung. Aber ihr Geheimnis.
Engel altern nicht: Alain Delon zum Siebzigsten
Und erst da wurde klar, daß auch Alain Delon nicht ewig unberührbar bleibt. An diesem Dienstag wird er siebzig. Seine Rollen, vor allem der Mörder ohne Identität, wie er ihn in der Patricia-Highsmith-Verfilmung „Plein Soleil“ zu Beginn seiner Karriere 1959 unter der Regie von René Clement entwickelte, und der Gangster mit Ehrenkodex bei Melville und dessen Nachfolgern, sind längst kanonisch geworden. Aber in Alain Delon, dem Mann, erkennen wir sie nicht mehr.
Ein Anflug von Tod auf der Leinwand
Einst pfiffen die Spatzen von den Dächern, daß er von Beruf Metzgergeselle sei, in Indochina als Fallschirmspringer das Töten gelernt habe und daß er - die Verkörperung einer Männlichkeit, wie es sie außerhalb Frankreichs nicht gibt - gar kein Franzose, sondern inzwischen Schweizer sei. Und es gehörte fast zur Allgemeinbildung, zu wissen, daß Delon Verbindungen zur Unterwelt hatte, daß zwei seiner Liebhaber und Leibwächter erschossen wurden und daß seine politischen Präferenzen weit nach rechts ausschlagen, bis dahin, wo Le Pen zu finden ist.
Doch heute geht selbst in Frankreich seinetwegen kaum noch jemand ins Kino, wo seine nächste Rolle Julius Cäsar in dem Film „Asterix bei den olympischen Spielen“ sein wird. Außerdem, so gab er einer Illustrierten bekannt, suche er eine Frau, die ihn verstehe. Zuerst alterte er gar nicht. Dann jämmerlich, gerade so, als wolle er im Leben beweisen, was einer seiner Regisseure über seine Filme einmal sagte: Mit Delon käme immer ein Anflug von Tod auf die Leinwand, von dessen Macht und auch von dessen Erbärmlichkeit.
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag
Joern Pfafferott (xpfafferot)
- 08.11.2005, 10:54 Uhr
Coolness allein ist es nicht ..
Jens-Christian Pohl (punxsatawnyphil)
- 08.11.2005, 13:46 Uhr