26.09.2005 · Anfang des Monats hat Al Dschazira einen „Kinderkanal“ gegründet, Ende des Jahres soll „Al Dschazira International“ auf Sendung gehen: Chefreporter Mohammed Vall über Entwicklung und Perspektive des „arabischen CNN“.
Der Aufstieg des arabischen Nachrichtensenders Al Dschazira ist relativ atemberaubend. 1996 gegründet, mehrheitlich mit Journalisten vom damals gerade geschlossenen arabischsprachigen Programm der BBC, gilt der Sender heute als das Pendant des Nahen Ostens zu CNN. Anfang des Monats hat der vom Emir von Qatar finanzierte Sender als Ableger einen „Kinderkanal“ gegründet, der junge Zuschauer im Alter zwischen drei und fünfzehn Jahren ansprechen und - so Al Dschazira -, ihnen „moderne Werte wie geistige Offenheit und Toleranz“ nahebringen soll.
Ende des Jahres schließlich soll „Al Dschazira International“ auf Sendung gehen, in englischer Sprache, gestützt auf Berichte aus Korrespondentenbüros in Doha, Kuala Lumpur, London und Washington. Seit 2003 hat Al Dschazira mit dem Sender Al Arabija Konkurrenz aus der eigenen Region bekommen. Wir haben den Al Dschazira-Chefreporter Mohammed Vall gefragt, wie der Sender in den vergangenen Jahren nicht nur expandiert, sondern wie er sich inhaltlich entwickelt hat, wo er heute steht und wo der Sender hinwill. Mohammed Vall ist Mauretanier, er begann seine journalistische Laufbahn 1994 bei Al-Alam, dem Organ der nationalistischen Istiqlal-Partei in Marokko. Im September 2001 kam er zu Al Dschazira, er berichtet für den Sender seither aus allen Teilen der Welt, etwa von der Tsunami-Katastrophe in Sri Lanka oder zuletzt aus Sudan. Vall steuert regelmäßig auch Beiträge zum CNN World Report bei.
Kann sich Al Dschazira heute mit CNN messen?
Ich kann nicht sagen, daß unser Sender perfekt professionell ist. Aber wir arbeiten sehr hart daran.
Was sehen Sie als die größte Errungenschaft Ihres Senders?
Mit uns hat sich 1996 die Redefreiheit im Rundfunk etabliert. Vorher gab es nur Regierungsfernsehen, und die Leute waren fasziniert, zum ersten Mal eine Nachrichtensendung zu sehen, die anderen Meldungen präsentierte als, welcher arabische Führer sich mit welchem anderen Führer getroffen hatte. Plötzlich waren die wirklichen Themen auf dem Tisch, der Palästina-Konflikt zum Beispiel. Und es gab auf einmal Neues wie Talkshows, in denen Leute frei ihre Kritik zur Sprache brachten.
Das war sicherlich gefährlich.
Ja, zu Beginn schon, aber das hinderte niemanden. Die Leute hatten die Kontrolle der vorangegangenen Jahrzehnte so satt, daß sie förmlich explodierten.
Al Dschazira ist im Westen vielfach als Extremistenfernsehen kritisiert worden, aber neben den Vereinigten Staaten haben auch Bahrein, der Irak und mislimische Gruppen immer wieder Druck auf den Sender ausgeübt.
Unser Motto ist: unsere Meinung und die andere Meinung. Aber nur weil wir die Rede eines Extremisten senden, sind wir selbst noch keine. Bei uns läuft viel mehr George W. Bush als Usama Bin Ladin. Al Dschazira war immer der Sender, auf dem Bush, amerikanische Politiker und religiöse Figuren ihre Standpunkte präsentieren konnten, und wir präsentieren unsere Standpunkte. Ideales Fernsehen ist ein Spiegel der Realität. Wir sehen uns hauptsächlich als Augenzeugen. Wir sehen Zerstörung, Leiden und Tod, also zeigen wir es. Schauen Sie sich die CNN-Berichterstattung zum Memorial Day an - eine sehr einseitige Berichterstattung. Da ist jeder amerikanische Soldat ein Held, jeder gefallene Amerikaner ein Märtyrer. Ist das ausgewogen?
Wie beeinflußt der Druck von außen Ihre Arbeit?
Wir nehmen das als Herausforderung an. Man hat uns das Sprachrohr von Usama Bin Ladin genannt, man hat uns vorgeworfen, wir seien durch die CIA finanziert. Das ist doch der beste Beweis, daß keins von beiden stimmt. Der Druck behindert uns, aber er vergrößert nur unsere Popularität. Je mehr uns Regierungen unter Druck setzen, desto mehr lieben uns die Bürger dieser Länder.
Al Dschazira wird im kommenden Jahr zehn. Welchen Herausforderungen muß sich der Sender künftig vor allem stellen?
Wichtig ist: Wir müssen uns weiter in Selbstreflextion üben und uns immer wieder fragen, Was ist gut, was ist schlecht?
Obwohl Al Dschazira für 2001 die finanzielle Unabhängigkeit angestrebt hatte, lebt der Sender noch immer von Finanzspritzen des Emirs von Qatar. Jetzt übt die amerikanische Regierung Druck auf den Emir aus - ist eine Privatisierung realistisch?
Qatar versucht, das politische Spiel zu spielen, aber Versprechen einer Privatisierung werden noch lange Zeit zur Umsetzung brauchen, wenn Al Dschazira nicht seine grundlegende Identität verlieren soll. Unser größtes Hindernis ist der begrenzte Werbemarkt, und das versuchen wir mit Al Dschazira International zu überwinden, der an einen internationalen Markt appellieren wird.
Wie soll Al Dschazira International ausstaffiert werden?
Wir wollen natürlich unter anderem Amerikaner anheuern, die eine fundierte westliche Journalismusausbildung haben.
Ist CNN ein Vorbild?
Technisch gesehen, ist CNN unser Vorbild. CNN hat eine überaus effiziente und professionelle Art der Nachrichtenberichterstattung aufgebaut. Wir verfügen noch nicht über diese Technologie, deshalb ahmen wir CNN nach. Aber wir versuchen, den Inhalt unserer Nachrichten zu besitzen. Im Hinblick auf die redaktionelle Politik glaube ich, daß viele Menschen CNN als einseitig betrachten. Sie geben ihr Bestes, aber ich glaube, es lastet politischer Druck auf dem Sender. Bei den israelischen Offensiven in Palästina etwa berichtet CNN oft nur ausschnittweise, während wir umfassender Bericht erstatten.
Ist der antiamerikanische Standpunkt nicht einfach auch ein sehr populärer? Wird er noch hinterfragt?
Die Amerikaner gefährden ihre eigenen Werte durch ihre eigenen Handlungen. Wie können mich die Amerikaner überzeugen, daß sie ein gutes Beispiel von Freiheit und Demokratie darstellen, wenn sie ein Land besetzen und Krieg führen? Sie werden keinen Erfolg damit haben, Demokratie in den Mittleren Osten zu bringen, solange sie nicht ihre politischen Handlungen überdenken. Es geht darum, den Menschen zuzuhören, die Besatzung zu beenden. Sie sollten unserer Kultur, unseren Werten und unserem Land Respekt zollen, und Geschichten wie der kürzliche "Newsweek"- Bericht oder Abu Ghraib sind schwere Rückschläge. Die Besatzung ist die Wurzel allen Konflikts. Wir sollten einen Dialog zwischen Gleichen beginnen, nicht zwischen Besatzern und Besetzten. Ein gesunder Dialog ist unmöglich zwischen Ungleichen. Ich bin sicher, dies ist die Zauberformel, aber zugleich könnte sie niemals zum Zuge kommen.
Können die Medien Ihrer Meinung nach darauf Einfluß haben?
Das ist fraglich. Wenn ich eine Ansicht vertrete und Sie mich eines Besseren belehren - falls meine Meinung auf einer Fehlwahrnehmung beruhte, ist es sehr gut, daß sie korrigiert wird. Doch was, wenn sie auf Fakten basiert?