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Ai Weiwei im Kino : Wohin kann man überhaupt noch emigrieren?

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Ist dort vorne die Zukunft, ganz weit vorne, am Ende des Staubs? Eine Szene aus dem Dokumentarfilm „Human Flow“ vom chinesischen Künstler Ai Weiwei. Bild: dpa

Mit seinem Dokumentarfilm will Ai Weiwei die globale Flüchtlingskrise verstehen. Auch wenn „Human Flow“ nur an der Oberfläche kratzt, ist er symptomatisch für die unlösbaren Widersprüche, vor denen der privilegierte Teil unserer Welt steht.

          Im Gazastreifen ist ein Tiger eingesperrt. Er heißt Laziz und kam angeblich durch einen Tunnel aus Ägypten. Nun befindet er sich in einem sandigen Verlies, das er wütend von einem Ende zum anderen durchmisst, immer und immer wieder. Es sind vielleicht sechs Meter, die er hin und zurück Platz hat, das kann so nicht bleiben. Laziz wird betäubt, verladen und nach Südafrika gebracht. Dort schenkt man ihm die Freiheit. Was er dazu sagt, kann niemand wissen, denn Tiger sprechen ja nicht. Sie fauchen nur, wenn ihnen etwas nicht passt.

          In Ai Weiweis Dokumentarfilm „Human Flow“ stellt der Tiger Laziz so etwas wie ein verirrtes Sinnbild dar. Die Geschichte an sich ist so interessant, dass sie nähere Aufklärung verdienen würde: Wie kommt ein Raubtier durch den Tunnel? Wo genau in Afrika soll er künftig leben? Und wieso überhaupt gibt es einen Tiger in Afrika? Aber dafür ist keine Zeit, denn „Human Flow“ hat Wichtigeres zu tun. Und nach Gaza ist Ai Weiwei deswegen gekommen, weil er sich für das Schicksal von Flüchtlingen auf der ganzen Welt interessiert. Gaza ist zwar kein Flüchtlingslager im strengen Sinn, aber doch eine Art riesiger Käfig. Ein paar Schülerinnen, die sich zu einem informellen Klassentreffen zusammengefunden haben, erzählen von ihren Träumen: Sie würden gern mit einem Kreuzfahrtschiff um die Welt reisen, oder einfach nur irgendwohin. „Ich würde auch gern wieder hierher zurückkommen“, beschwört eine, ganz so, als wüsste sie schon, worauf es ankommt bei der Erteilung eines Touristenvisums, auf das sie aber keine Chance hat.

          Ai Weiwei ist der wohl bekannteste und erfolgreichste chinesische Künstler der Gegenwart. Er lebt und arbeitet inzwischen in Berlin. De facto ist er eine globale Marke und auch als solche im Einsatz. Die Welt steht ihm offen, und mit diesem Pouvoir hat er sich nun zu einem Sonderbotschafter für globale Migration erklärt: „Human Flow“ will nicht mehr und nicht weniger, als alle wesentlichen Flucht- und Migrationsbewegungen der jüngeren Zeit in den Blick zu bekommen. Das ist eine Riesenaufgabe auch für einen Film mit leichter Überlänge. Vor allem aber ist es eine Herausforderung, die das dokumentarische Ethos betrifft – und nicht nur dieses. Auf dieser Ebene ist „Human Flow“, auch wenn er sich leicht als oberflächlich abtun lässt, höchst interessant und auf eine schmerzhaft symptomatische Weise dann doch dem Thema angemessen.

          Er lässt keinen Krisenherd aus

          Denn Ai Weiwei repräsentiert hier – auch mit dem Ego eines Großkünstlers, der wie seine eigene NGO agieren kann und dem alle Türen offen stehen – die nicht auflösbaren Widersprüche, vor die sich die privilegierten Teile der Welt eigentlich gestellt sehen müssten – und an die ist der Film auch gerichtet: Es gibt zwischen geostrategischem Überblick und dem Blick in das Gesicht eines Menschen ohne Heimat so viele oder aber keine denkbaren Optionen, dass Resignation nicht als die unvernünftigste Konsequenz erscheinen kann.

          Ai Weiwei aber tut das, was in dieser Situation das Naheliegendste ist: Er versucht, allen Aspekten gerecht zu werden, er lässt also keinen Krisenherd aus, auch wenn er für Afrika dann nur ein paar Alibiminuten und eine drastische Bevölkerungsprognose Zeit hat. Er stellt sich dem Anspruch der Gesichter, auch wenn er nur für zwei, drei Sätze Zeit hat. Er nützt den großen technischen Apparat und zoomt von ganz oben mitten in das Problem, und er begibt sich mit kleinem Zeug „von unten“ in die Lager. „Human Flow“ hat keinen Sinn für den Erkenntniswert von Bildern, weil es um ein großes Sinnbild geht: eine Menschheit, die mit sich selbst im Zwist liegt. Aber auch ein missratener Film kann manchmal richtig liegen: „Human Flow“ plädiert zwar für offene Grenzen, zeigt aber vor allem die Unmöglichkeit, sich die Konsequenzen vorzustellen. Und damit steht man auch nach diesem Film wieder ganz am Anfang, nämlich bei der Frage nach der Politik. Im Vergleich muss man sich den ausgewilderten Laziz als einen glücklichen Tiger vorstellen.

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