19.07.2005 · Radio Okapi ist eine Erfolgsgeschichte, wie es nicht viele aus dem von Krieg und Mißwirtschaft zerstörten Kongo zu berichten gibt. Doch die Zukunft des Senders ist ungewiß: Die Vereinten Nationen werden demnächst austeigen.
Von Thomas Scheen, BukavuEs gibt Leute, die behaupten, die UN-Mission in Kongo habe trotz ihrer 16.000 Soldaten und Mitarbeiter und einem Budget von einer Milliarde Dollar im Jahr lediglich zwei Dinge ordentlich hinbekommen: kostenlosen Flugtransport für Journalisten quer durch das Riesenland und den landesweit ausstrahlenden Rundfunksender Radio Okapi. Ersteres ist Ausdruck puren Zynismus. Zweites ist uneingeschränkt wahr.
Radio Okapi, benannt nach der ebenso seltenen wie friedfertigen Giraffenart, die nur im Osten Kongos vorkommt, ist eine Erfolgsgeschichte, wie es nicht viele aus dem von Krieg und Mißwirtschaft zerstörten Kongo zu berichten gibt. Dabei ist Radio Okapi beileibe kein Kind der UN, sondern vielmehr der Schweizer Stiftung Hirondelle, die sich seit Mitte der neunziger Jahre mit der Schaffung von unabhängigen Medien in Krisen- und Kriegsgebieten beschäftigt. Gleichwohl wäre Radio Okapi im dritten Jahr seiner Existenz nicht zum wichtigsten Medium des Landes geworden, wenn die Vereinten Nationen und die Fondation Hirondelle nicht eine Basis der Zusammenarbeit gefunden hätten, die erstens Neuland und zweitens mutig war. Kurz gesagt: Die UN liefert die Infrastruktur, Hirondelle die Journalisten, und das Ergebnis ist ein Medium, das den Begriff „unabhängigen Journalismus“ zu Recht trägt.
Brutal lokal
8.30 Uhr, Redaktionskonferenz in einem Bürocontainer auf dem Gelände der UN-Mission im ostkongolesischen Bukavu. Bukavu ist eine von acht Lokalredaktionen, die über das ganze Land verstreut sind und neben einem täglichen Lokalprogramm der Zentrale in Kinshasa ihr „Dossier du jour“ zuliefern. Acht kongolesische Journalisten und der Redaktionsleiter aus Frankreich erörtern die Nachrichtenlage. Es geht brutal lokal zu, aber genau das ist die Daseinsberechtigung von Radio Okapi.
Die Themen sind entsprechend: In irgendeinem Weiler nahe Bukavu soll die Wasserversorgung wiederhergestellt worden sein - eine Meldung. Aus einem anderen Dorf werden Schießereien gemeldet, was angesichts nicht existierender Straßen so gut wie nicht zu überprüfen ist - keine Meldung. Der örtliche Studentenverband beschwert sich über eine obligatorische Krankenversicherung, von der die Studenten mutmaßen, jemand wolle ihnen nur Geld aus den Rippen schneiden - könnte als Interview laufen. Die GTZ hat angekündigt, Lebensmittel an 12.000 Vertriebene zu verteilen, obwohl es doch nur 3000 gibt - die Redakteure grinsen und beschließen, den Deutschen auf den Zahn zu fühlen. Dann wäre da noch die Ankündigung der örtlichen Handelskammer, die Benzinpreise senken zu wollen. Händler, die freiwillig auf Gewinn verzichten? In Kongo?? Womit die Redaktion in Bukavu ihr „Dossier du jour“ gefunden hätte, jene Reportage, die jede der acht landesweiten Lokalredaktionen jeden Tag der Zentrale in Kinshasa überspielt und von dieser in das nationale Programm eingearbeitet wird.
Nationale Aufmerksamkeit
Die Redakteurin Sophie Baderha dreht eine Runde durch die Stadt. Sie besucht den Bürgermeister, den Gouverneur, die Tankstellen- und Taxibesitzer. Sie will überprüfen, ob der Preisnachlaß tatsächlich an die Kunden weitergegeben wird. Wird er natürlich nicht. Routinearbeit für Lokaljournalisten. Spannend aber wird es beim Präsidenten der Handelskammer, der den Preisnachlaß verfügt hat. Der Mann holt tief Luft, als ihm Sophie das Diktiergerät unter die Nase hält. Er weiß, er hat jetzt nationale Aufmerksamkeit.
Dann legt er los: Die Preissenkung für Treibstoff diene einzig dazu, den Kurs der eigentlichen Landeswährung, des amerikanischen Dollar, zum Franc congolais auf sein wahres Niveau zu bringen, erklärt er. Weil die Händler unter den Phantasiepreisen für den Dollar leiden. Und deshalb keine Ware im Ausland kaufen können. Schuld, so der Händler, sei die Zentralbank, die Devisen zurückhalte, und das sei „eine Sauerei“. Der Präsident weiß, daß ihn am Abend fünfzig Millionen Kongolesen über die Zentralbank schimpfen hören werden, und die Zentralbank weiß das auch. Sophie strahlt. Sie hat den landesweiten Aufmacher abgestaubt.
Bis in den entlegensten Winkel
Für Kongo ist Radio Okapi längst mehr als „nur“ eine glaubwürdige Informationsquelle, obwohl das allein eine reife Leistung ist in einem Land, in dem einst die Abendnachrichten mit dem Bild eines auf einer Wolke schwebenden Diktator zu beginnen pflegten. Der Radiosender ist zu einer nationalen Identitätsklammer geworden, weil er in einem Land ohne Straßen und doch so groß wie Westeuropa die Menschen wieder zusammengeführt hat. Knapp 200 Mitarbeiter in acht Regionalstudios und der Zentrale in Kinshasa sowie ein flächendeckendes Sendernetz sorgen dafür, daß Radio Okapi bis in den entlegensten Winkel Kongos zu empfangen ist. Zudem sendet Radio Okapi neben der normalen FM-Frequenz auf Kurzwelle und in fünf Sprachen: Französisch, Lingala, Swahili, Tshiluba und Kikongo.
Die Qualität des Journalismus, die Aktualität und nicht zuletzt die Diskussionsforen unter Beteiligung der Bürger haben Radio Okapi nicht nur zum unumstrittenen Leitmedium im Land gemacht, sondern Kongo auch eine neue Zeitrechnung beschert: eine vor Radio Okapi und eine andere, nämlich die seit Inbetriebnahme des Senders am 25. Februar 2002. „Früher“, sagt der Präsident der Handelskammer von Bukavu, „wäre meine Kritik an der Zentralbank nicht über die Stadtgrenze hinausgekommen. Dank Radio Okapi hört mich jeder Kongolese, und die Herren in Kinshasa können sich nicht mehr verstecken.“ Information ist Macht, und insofern ist Radio Okapi das wohl mächtigste Instrument der kongolesischen Gesellschaft beim Wiederaufbau des Landes.
Im Kongo ein Vermögen
Doch so erfolgreich Radio Okapi unter dem Schirm der UN-Mission auch agiert, so ungewiß ist seine Zukunft. Die UN-Mission wird irgendwann zu Ende gehen. Radio Okapi aber soll überleben, was schon deshalb schwierig scheint, weil die Vereinten Nationen zur Zeit den Großteil der Gehälter für die Okapi-Mannschaft stellen. Ein kongolesischer Redakteur verdient zwischen 600 und 700 Dollar im Monat, was in Kongo ein Vermögen ist. Die Saläre der Europäer indes fangen bei 5000 Dollar erst an und sind - natürlich - Gegenstand heftiger Debatten, zumal der Radiosender es bislang versäumt hat, Kongolesen in die Geschäftsführung einzubinden und so seine Zukunft zu sichern.
Den Sender nach dem Abzug der Blauhelme dem öffentlichen kongolesischen Dienst zuzuschlagen, wäre sein Tod als unabhängiges Medium. Also reicht das Spektrum der Hoffnungen von selbstlosen Mäzenen bis hin zu einem Privatsender mit Werbeblöcken und Jinglemusik. In seiner heutigen Form und mit seiner gegenwärtigen Gehaltsstruktur benötigt Radio Okapi jährlich etwa acht Millionen Dollar, um seine Funktionsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Die federführenden Schweizer relativieren diese Summe gerne mit einem Beispiel aus ihrer Heimat: Der staatliche frankophone Radiosender in der Schweiz hat ein Jahresbudget von hundert Millionen Dollar und erreicht 1,5 Millionen Menschen. Mit nicht einmal einem Zehntel dieser Summe könnte Radio Okapi fünfzig Millionen Menschen in Kongo das Recht auf freie Information garantieren.
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
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