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Abu-Ghraib-Film „Standard Operating Procedure“ Wahres Blut fließt nicht in Zeitlupe

01.06.2008 ·  Der Dokumentarfilm „Standard Operating Procedure“ will die Wahrheit über Abu Ghraib erzählen. Doch der Film fügt den Fotos aus dem Militärgefängnis keine neuen Erkenntnisse hinzu - er verwischt sie nur.

Von Andreas Kilb
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Eine merkwürdige Scheu vor Bildern beherrscht diesen Film, eine Furcht vor dem, was sie sind, und dem, was sie auslösen können. Deshalb arbeitet „Standard Operating Procedure“ unaufhörlich daran, die Bilder durch andere Bilder zum Schweigen zu bringen. Sie zu übertönen, zu beschriften, zu ergänzen, zu kommentieren, ihren Inhalt nachzustellen, ihre Form aufzulösen. Es ist ein Film, der an dem Ast sägt, auf dem er sitzt, auf eine merkwürdige, verquere und zugleich nur allzu bekannte Weise. Denn eigentlich sind die Bilder des Schreckens alles, was er hat. Aber der Film will mehr, viel mehr - und bekommt so viel weniger.

Die Bilder: das sind knapp dreihundert Privatfotos aus dem Militärgefängnis von Abu Ghraib, mit deren Veröffentlichung im Frühjahr 2004 die zweite Phase des Irakkriegs begann, die Phase der amerikanischen Blamage. Soldaten der U.S. Army, die zum Wachpersonal des Gefängnisses gehörten, haben die Bilder aufgenommen. Sieben von ihnen wurden später für die Beteiligung an den Vorgängen, die auf den Fotografien dokumentiert sind, verurteilt und aus der Armee entlassen.

Augenblicke der Folter

Die Fotos zeigen Augenblicke der Folter. Sie zeigen irakische Gefangene, die nackt auf dem Boden kriechen müssen, die zu menschlichen Pyramiden gestapelt, mit Exkrementen beschmiert und zum Masturbieren gezwungen werden, Gefangene, die ihren Peinigern als Sitzkissen oder als Punchingball dienen. Auf einem der bekanntesten Bilder führt die Soldatin Lynndie England einen nackten Iraker an einem Hundehalsband. Errol Morris, der Regisseur, hat Lynndie England für seinen Film interviewt. Auf den Fotos, sagt England, habe sie posiert, um ihrem Vorgesetzten Graner zu gefallen, in den sie verliebt war. „Ich war von Liebe geblendet.“ Ihre Kollegin Sabrina Harman, deren Feldpostbriefe an ihre Familie in Amerika ausführlicher zitiert werden, als dem Film guttut, erklärt ihrerseits, sie habe in Abu Ghraib fotografiert, um festzuhalten, was dort passierte. Warum? „Für das Bild.“ So entsteht ein Mosaik aus Andeutungen, Ausflüchten, halben Geständnissen, die das Geschehen nachträglich zu entschärfen versuchen, aber wie welke Blätter zerstieben, sobald man nur eins der schrecklichen Fotos genauer betrachtet.

Der Film „Standard Operating Procedure“ des amerikanischen Regisseurs Errol Morris läuft auf der Berlinale im Wettbewerb. Morris kombiniert darin Interviews mit Soldaten, die in dem Foltergefängnis im Irak ihren Dienst taten, mit den Skandalfotos und nachgestellten Szenen.

Das ist die eine starke Stelle in „Standard Operating Procedure“. Die andere ist die Aussage des Army-Spezialisten Brent Pack, der die von der CIA in Abu Ghraib angewandten Verhörmethoden - das Wachpersonal spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle - einer juristischen Analyse unterzieht. Dabei taucht auch jenes Bild auf, das zur Ikone des Skandals geworden ist. Es zeigt den Gefangenen Satar Jabar, der mit einer Maske über dem Kopf und Stromdrähten an den ausgebreiteten Armen auf einem Pappkarton steht. Dies, sagt Pack, sei keine Folter, sondern eine Standardprozedur, da die Drähte in Wahrheit keinen Strom führten. Da rührt der Film an das tiefere Grauen, das sich hinter Abu Ghraib verbirgt und dessen Ausmaße noch lange nicht aufgedeckt sind.

Visuelles Spiel

Zwischen diesen beiden Momenten jedoch, zwischen den Aussagen der Beteiligten und dem Kommentar des Experten, treibt Errol Morris ein visuelles Spiel, das seinen eigenen Anspruch untergräbt. In „The Thin Blue Line“ (1988), dem Film, der ihn bekannt machte, hat Morris einen realen Kriminalfall nachinszeniert; hier versucht er dasselbe mit jenen Folterszenen, von denen es keine Fotos gibt. Aber die kunstvoll ausgeleuchteten, digital aufgemöbelten, von Danny Elfmans Einpeitschermusik begleiteten Filmbilder zähnefletschender Hunde, verschnürter Leichen und in Zeitlupe fließender Blutstropfen fügen den Fotografien aus Abu Ghraib keine neuen Erkenntnisse hinzu. Sie verwischen sie nur. Sie machen die Wahrheit zur Fiktion. Etwas Schlimmeres kann man über einen Dokumentarfilm kaum sagen.

Der Nachspann listet, wie die Kollegin der „New York Times“ gezählt hat, sechs Make-up-Assistenten, fünf Setdekorateure, sieben Tiertrainer, einen Kostümdesigner, eine Garderobenstylistin, einen Waffenmacher und einen Actionberater auf. Das sagt viel über diesen Film, der auf der Suche nach der Wahrheit lieber der Form die Ehre gibt.

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