17.02.2012 · Was vom Fernsehen bleibt, werden Filme wie dieser sein: Dominik Graf nimmt mit einer filmischen Liebeserklärung Abschied von seinem verstorbenen Kollegen Oliver Storz.
Von Andreas PlatthausZwei Monate nur hat Dominik Graf für seine Dokumentation „Lawinen der Erinnerung - Ein Film über Oliver Storz“ drehen können, von April bis Juni 2011. Am 6. Juli starb Storz, nicht überraschend; man wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Deshalb besuchte Graf den 1929 geborenen Fernsehregisseur und Drehbuchautor (der 1966 die berühmte Serie „Raumpatrouille“ aus Scham über deren Thema unter Pseudonym schrieb) noch zweimal und durfte im April auch auf der Feier zu dessen 82. Geburtstag filmen, als aus dem unabgeschlossenen Manuskript des zweiten Romans von Storz vorgelesen wurde. Als der Jubilar gefragt wird, wann das Buch erscheinen solle, ruft seine Verlegerin von hinten: „Frühjahr 2012“. Und Storz wiederholt fast träumerisch: „Frühjahr 2012“. Man sieht und hört, wie entsetzlich weit weg das für den Todkranken war. Es ist die schönste, die ergreifendste Szene in dieser gefilmten Liebeserklärung eines Kollegen.
Graf, Jahrgang 1952, verband mit Storz das Interesse an den deutschen Themen Vergangenheit und Vergessen ebenso wie beider notwendige Brotarbeit fürs Fernsehen - einem Medium, das aus Aktualitätsgründen gerade nicht auf Dauer seiner Beiträge setzt. „Was vom Fernsehen bleibt, das sehe ich nicht“, murmelt Storz einmal - wie es Graf überhaupt meisterhaft gelingt, aus eher beiseite gesprochenen Bemerkungen, Ausrufen oder Seufzern seines Gesprächspartners ein Charakterbild zu entwerfen, das die gefilmte Liebes- auch zu einer Kampferklärung macht. Nicht an Storz natürlich, sondern an alle diejenigen, die den Film nicht in seinem aufklärerischen und ästhetischen Potential begreifen und ihn dadurch trivialisieren. In jeder Sekunde spürt man das Feuer, das in dem Todgeweihten brennt. Und gerade deshalb ist es entsetzlich anzusehen, wie Storz binnen nur zweier Monate verfällt. Und tröstlich, seinen Ausführungen über den Tod zu lauschen, den es privat zu halten gelte. Doch Graf hat eine zauberhafte Lebensverlängerung parat, wenn er gegen Ende der Dokumentation eine Folge der schönsten Auftritte von Schauspielerinnen in den Filmen von Storz zusammenschneidet und über jedes Bild leise den Namen einer jungen Frau legt, die der halbwüchsige Storz vor seiner Einberufung zum Volkssturm 1944 im Schwimmbad beobachtet hatte.
„Lawinen der Erinnerung“ ist ein Bild- wie Klangkunstwerk, ein Lehrstück des respektvollen Porträts und ein Musterbeispiel dafür, was eine Fernsehproduktion erreichen kann. Was vom Fernsehen bleibt, werden Filme wie dieser sein. Filme, die auch problemlos auf der Kinoleinwand zu fesseln verstehen, wie man auf der Berlinale sehen wird.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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