03.04.2008 · „Ich bin Bill Murray, du bist alle anderen“: Um eine Videothek zu retten, drehen zwei Freunde im Alleingang einen Filmklassiker nach dem anderen nach. Michel Gondrys Komödie „Abgedreht“ ist eine wunderbar komische Hommage an das Kino.
Von Andreas PlatthausZunächst dies: „Abgedreht“ ist ein toller Name für Michel Gondrys neuen Film, auch wenn er denkbar weit vom Originaltitel „Be Kind Rewind“ entfernt ist. Aber wer würde schon in eine Komödie gehen, die „Bitte zurückspulen“ heißt? Dass sich überhaupt noch Verleiher Gedanken über gleichermaßen originelle wie zutreffende deutsche Filmtitel machen, ist eine schöne Überraschung.
Dann das: „Abgedreht“ ist auch ein toller Film. Sein Name ist natürlich doppeldeutig zu verstehen. Einmal als Bezeichnung für einen, sagen wir, außergewöhnlichen Geisteszustand, wie man ihn der Hauptfigur des Films, dem von Jack Black gespielten Schrottplatzbetreiber Jerry, bedenkenlos bescheinigen kann. Angetrieben von panischer Furcht vor den Auswirkungen elektrischer Strahlung aufs menschliche Gehirn, bricht Jerry eines Nachts mit seinem Freund Mike auf, um das örtliche Kraftwerk zu sabotieren. Das Vorhaben scheitert, und durch unglückliche Umstände wird Jerrys Körper derart magnetisiert, dass er fortan immense Anziehungskraft auf Eisenteile ausübt - oder selbst geradezu magisch angezogen wird, wenn diese schwerer sind als er. Für Jack Black ergibt das einige Szenen physischen Slapsticks, die zum Komischsten gehören, was seit der Stummfilmzeit auf die Leinwand gekommen ist.
Der wandelnde Magnet
Dann aber beschreibt „Abgedreht“ als Begriff auch die Beendigung von Dreharbeiten. Und davon gibt es in Gondrys Film zahlreiche. Denn Mike, Jerrys von Mos Def als sensibler Simpel gespielter partner in crime, jobbt als Angestellter in Ebony Fletchers Videothek, einem rührenden Überbleibsel der vordigitalen Ära, das wirtschaftlich dementsprechend schlecht läuft. Der Besitzer ist ein großer Bewunderer des Ragtime-Pianisten Fats Waller, der angeblich in dem Haus geboren sein soll, in dem sich nun die Videothek befindet. Als Mr Fletcher, den Danny Glover als desillusionierten Patriarchen gibt, sich für ein paar Tage zu einer Fats-Waller-Gedenkveranstaltung verabschiedet (in Wahrheit aber die Geschäftsmodelle der Konkurrenz ausspioniert), schärft er seinem Angestellten nur eine Regel ein: „Keep Jerry out.“ Mike schlägt die Warnung in den Wind, und am nächsten Tag löscht der wandelnde Magnet Jerry durch seine bloße Anwesenheit alle Videobänder im Geschäft.
Um diese Katastrophe geheim zu halten, kommt Jerry auf die Idee, gemeinsam mit Mike die von der Kundschaft verlangten Filme nachzudrehen, wobei mangels Kapital und Helfern die Produktionsregel beim Debütversuch, dem Remake der Komödie „Ghostbusters“, lautet: „Ich bin Bill Murray, du bist alle anderen.“ Das Resultat begeistert erst einen und dann viele Kunden. So werden weitere Filmerfolge nachgedreht oder „geschwedet“, wie alsbald das werbewirksame Zauberwort lautet, weil Jerry behauptet, dass es sich bei den spartanischen Werken um schwedische Versionen handele.
Der Humor schlägt Kapriolen
Ein Groß- und ganz sicher der grandioseste Teil von „Abgedreht“ besteht aus der Schilderung von Jerrys und Mikes Dreharbeiten, für die sie bald die ganze Nachbarschaft als Mitstreiter gewinnen. Diese unfassbar wilde Parodie auf das Prinzip des Making-of und natürlich auf die Filme selbst (unter anderem werden „Robocop“, „König der Löwen“, „King Kong“, „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ sowie ganz besonders großartig „Rush Hour 2“ und „When We Were Kings“ geschwedet) ist ein Fest für jeden Kinofreund, bei dem es irgendwann keine Rolle mehr spielt, ob man die Vorbildfilme kennt. Der Humor schlägt Kapriolen, und vom billigsten Brülleffekt bis zur feinsinnigsten Satire ist für jeden etwas dabei.
Gerade im Vergleich mit Gondrys Vorgängerfilm „Science of Sleep“ werden die Stärken von „Abgedreht“ deutlich. Obwohl auch diesmal eine veritable Ausstattungsorgie zu bewundern ist, werden die künstliche Gestaltung der Dekors und der freie Lauf der Phantasie bei den Protagonisten hier nie zum Selbstzweck, sondern stehen immer im Banne eines höheren Ziels: Wie können Jerry und Mike den Videoladen vor dem Ruin (und später auch noch vor dem Abriss) retten?
Kunst als Teil der Handlung
Das Artifizielle dient hier nur dem, was der Begriff verheißt: der Kunst. Sie ist als Filmkunst Teil der Handlung. Deshalb ist es nicht Gondrys eigene Manie, die er in „Abgedreht“ zelebriert, sondern die seiner Figuren, die mit dem Regisseur, der selbstverständlich auch das Drehbuch verfasst hat, allerdings etliche Leidenschaften teilen - vor allem die bedingungslose Liebe zum Kino. Es ist nicht das erste Mal, dass aus dieser Konstellation ein wunderbarer Film resultiert. Bei Giuseppe Tornatores „Cinema Paradiso“ oder Ettore Scolas „Splendor“ war es genauso.
Auch für deren nostalgische Melancholie ist in „Abgedreht“ bisweilen Platz, vor allem in Gestalt der nahe New York gelegenen Kleinstadt Passaic, in der sich alles abspielt. Aber Gondrys Hommage an sein Metier setzt auf Lachtränen, und deshalb sind die besinnlichen Momente kurz. Nur am Schluss, wenn Fats Wallers Leben zum Thema eines großen, kollektiv erstellten Films wird, der Videoladen und Nachbarschaft zugleich retten soll, wird etwas zu sehr aufs Gemüt gesetzt. Ansonsten kann man zu Michel Gondrys „Abgedreht“ nur sagen: Das ist Kino! Und wie es ausgeht? Na, es ist ja nur ein Film.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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