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Video-Filmkritik : Ein Remake ohne Vorbild

Bild: Warner Bros. Germany

Ein netter Schauspieler und eine exaltierte Sängerin trauen sich an ein Kronjuwel der Hollywoodgeschichte: Bradley Coopers „A Star is Born“ wird für ihn und Lady Gaga zum doppelten Karrieregipfel.

          Als die Riesenmenschenmenge ihr endlich zuhört, legt sie sich die Hände auf die Augen, weil ihr der Moment zu groß ist. Aber dabei singt sie weiter, bald stärker denn je. Vor diesem Durchbruch will sie ihre eigenen Lieder lange nicht singen, schmettert lieber „La vie en rose“, bewundert und geliebt von Drag Queens und anderen eigensinnigen Herzen. Der Mann, der sie entdeckt, singt ihr bald eins der Lieder vor, die sie geschrieben hat. Da versteht sie: Das ist gut und muss gesungen werden, warum also nicht von ihr selbst? Bradley Coopers Film „A Star is Born“ ist eine zeitgemäße Liebesgeschichte: Die Frau prügelt sich für den Mann, der küsst dafür ihre verletzten Knöchel. „Sie sind ein Gentleman“, sagt sie, ist sich aber nicht ganz sicher, setzt daher hinzu: „I think.“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Es gibt schon drei Filme, die so heißen wie dieser und vom selben Stoff handeln. Den ersten hat William A. Wellman 1937 geschaffen, nach einem Drehbuch, in dem unter anderem die große Dorothy Parker ihre Finger hat knacken lassen. Der zweite stammt von George Cukor und aus dem Jahr 1954; die Hauptrollen spielten damals Judy Garland und James Mason. 1976 inszenierte Frank Pierson die dritte Version, diesmal mit Barbra Streisand und Kris Kristofferson. In der Fassung von Bradley Cooper, die diese Woche in die deutschen Kinos kommt, spielt der Regisseur den Kerl und die Frau spielt Stefani Joanne Angelina Germanotta, für’s Volk: Lady Gaga.

          Die Unterschiede zwischen den Leading Ladies Garland, Streisand und Gaga sehen Blinde und hören Taube. Subtiler dagegen machen sich die zwischen den drei Männern geltend: Alle drei verkörpern Trinker auf dem absteigenden Ast, aber während man bei Mason das Gefühl hat, er werde von etwas Bösem durch den Film getrieben, das nur unterschwellig auch noch etwas Trauriges ist, verhält sich’s bei Cooper genau umgekehrt, wohingegen Kristofferson weder dämonisch noch gequält wirkt, sondern nur müde (es waren halt die Siebziger; so ein langes Gitarrensolo schlaucht schon schwer). Noch interessanter kontrastieren die drei Paardynamiken – keine Privatangelegenheiten, sondern Bühnengeschehen, öffentlich wie der destruktive Klatsch in unserem Social-Media-Zeitalter: Mason torkelt in Garlands Show, sie muss ihn zähmen und managen; Kristofferson dagegen lockt Streisand mit seinem offenen Hemd ins Rampenlicht (man wünscht sich beim Zuschauen vierzig Jahre danach, peinlich berührt, die Leute hätten sich damals ein bisschen ordentlicher angezogen – sexuelle Liberalisierung ohne raffinierte Umgangsformen ist barbarisch). Bradley Cooper wiederum guckt seine Erwählte an, wie das nur Liebe kann, staunend vor Begeisterung darüber, dass er seine Charakterbaustelle Dank ihrem Anblick wenigstens ein paar Minuten lang vergessen darf. Sie guckt zurück, als traue sie seinem Bart nicht, seinem Herzen aber ohne Vorbehalt. Die Chemie oder Elektrizität oder wie man den heiligen Hokuspokus sonst nennen soll, ohne den Liebe nicht leben kann, taucht diesen Film in Farben, die glaubhaft machen, dass hier zwei erwachsene Menschen überhaupt zum ersten mal lieben, obwohl sie als Figuren ja Echos aus anderen Filmen sind, also das Gegenteil von „zum ersten mal“, im Fall des Mannes sogar verschärft zum Maximum des Erwachsenseins, das einem Country-Rock-Helden zusteht: Totalkaputtheit. Das Paradox einer ersten Liebe unter Nichtkindern, Erfahrenen und Illusionslosen verwirklicht sich als Regiedebüt, das wie das Gipfelwerk eines alten Hasen wirkt – als Remake, das kein Vorbild braucht. Passt alles: Die Kunstepoche „Pop“ wusste schon in der Wiege, was „Retro“ bedeutet, und hat sofort angefangen, davon zu erzählen.

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