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Claude Lanzmann wird neunzig : Der Doppelgänger der Vernichteten

Claude Lanzmann Ende September in Haifa Bild: AFP

Mit Aufarbeiten und Bewältigen hat sein Erinnern an die Schoa nichts zu tun. Es ist ein einziger Kampf gegen den Tod der Toten: Dem Dokumentarfilmkünstler Claude Lanzmann zum neunzigsten Geburtstag.

          „Es gibt drei Protagonisten in diesem Film“, sagte uns Claude Lanzmann, als wir ihn vor zweieinhalb Jahren zu seinem bislang letzten Werk „Der letzte der Ungerechten“ befragten. Bis dahin galt der österreichische Rabbiner Benjamin Murmelstein, Präsident des Judenrats in Theresienstadt, als Verräter. Lanzmann hat ihn bei den Dreharbeiten für „Shoah“ (1985) ausführlich befragt - das Material aber nicht verwendet. Murmelstein ist nicht die Hauptfigur in diesem verstörenden und genialen Film über den „Ungerechten“, der 2013 in Cannes gezeigt wurden: „Daneben gibt es einen gewissen Claude Lanzmann, der fünfzig Jahre alt ist. Und es gibt Claude Lanzmann im Alter, das ich heute habe, rechnen Sie selbst. Der letzte Lanzmann ist noch schöner als der erste, man muss nur die Frauen fragen.“

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          In diesem Zitat stecken die ganze Eitelkeit und das Selbstbewusstsein eines alternden, von der Zeit und vom Tode besessenen Mannes, der mit „Shoah“ einen Film geschaffen hat, der die Sicht von uns allen - auch jener, die glauben, ihn nicht gesehen zu haben - auf die Vernichtung der Juden bestimmt. Claude Lanzmann ist der Doppelgänger der Vernichteten. Als „Inkarnation“ hat er das Meisterwerk, mit dem er unsterblich geworden ist, bezeichnet: Fleischwerdung. „Die Handlung beginnt heute“, heißt es im Vorspann des Films, der zwischen 1973 und 1985 entstand.

          „Wenn ich nicht sterben müsste, wäre ich mit meinem Leben ziemlich zufrieden“, blickt Lanzmann in seinen „Erinnerungen“ zurück. Er hat sie im Alter von 83 Jahren diktiert: „Der patagonische Hase“. Sie beginnen mit einem Hohelied auf den Computer und Gedanken über die Guillotine, den geplanten, verordneten, organisierten Tod: „Die große Causa meines Lebens.“ Er erzählt vom Widerstand, in den er noch als Schüler zog. Vom Vater, der ihm in einem Feuergefecht mit der französischen faschistischen „Milice“ das Leben rettete. Von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, mit der er in den fünfziger Jahren zusammenlebte.

          Das Böse ist nicht banal

          Gleich nach dem Krieg war er nach Deutschland gekommen. Er heiratete - in Jerusalem - die Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff, die ihn dazu brachte, seinen ersten Film „Warum Israel“ zu machen. Es folgte das Meisterwerk, mit dem Lanzmann den anonymen Opfern eine Identität vermittelt. Der Film der „Shoah“ ist durchdrungen vom Bewusstsein, dass es nur entstehen konnte, weil der Autor seinem Gegenstand entkommen war: „Ich war gleichzeitig drinnen und draußen.“

          Es gibt von Lanzmann noch ein paar weitere Filme, sie wurden alle 2013 auf dem Filmfestival Berlin gezeigt, wo der Autor mit einem Ehrenbären gewürdigt wurde. Sein letztes Werk über Benjamin Murmelstein zeigt uns den doppelten Lanzmann im Bild. Es veranschaulicht seinen Anspruch im Umgang mit der Schoa - auch den Begriff hat Lanzmann durchgesetzt. Für Murmelstein gibt es einen Freispruch, der Regisseur inszeniert ihn als genialen Gegenspieler von Eichmann - und klagt Hannah Arendt der Verdummung an.

          Das Böse ist nicht banal. Und über die Gerechten wie die Ungerechten entscheidet in letzter Instanz Claude Lanzmann, jedenfalls in der Kunst. Die ungeteilte Deutungshoheit über die Schoa ist sein Ministerium. Jonathan Littells „Wohlgesinnten“ und dem Film „Son of Saul“ von László Nemes hat er den stets begründeten Segen erteilt, den er anderen genauso gnadenlos verweigerte. Mit Aufarbeiten und Bewältigen hat sein Erinnern nichts zu tun. Es ist ein einziger Kampf gegen den Tod der Toten: „Meine Jugend verbürgt die Jugend der Welt. Ich liebe das Leben, und jetzt, wo das Ende nahe ist, liebe ich es noch mehr.“ In seinen Erinnerungen hat er es bereits auferstehen lassen: „Die Fleischwerdung ist meine zweite Causa“, schreibt er und meint auch seine eigene. An diesem Freitag feiert Claude Lanzmann seinen neunzigsten Geburtstag.

          Quelle: F.A.Z.

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