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800 Jahre Thomanerchor : Johann Sebastian Bachs Kadetten

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Singen zur Ehre Gottes: Der Thomanerchor probt das „Weihnachtsoratorium“ Bild: dpa

Der Thomanerchor in Leipzig wird 800 Jahre alt und feiert sich in einem Film. Wie viel Tradition braucht eine Kinderseele - und wie viel verkraftet sie?

          Sie sind kleine Weltstars und führen ein spartanisches, straff reglementiertes Leben in einem Internat, das sie „Kasten“ nennen. Sie sehen ihre Eltern höchstens einmal pro Woche, sprechen dafür aber mit glänzenden Augen vom Chor als ihrer „Familie“. Sie weinen vor Heimweh, wenn sie als Neunjährige aufgenommen werden - und vergießen dann noch mehr Tränen, wenn sie als Abiturienten plötzlich ins Freie geschubst werden.

          Der Leipziger Thomanerchor bildet trotz des steten Wechsels seiner Mitglieder eine geschlossene Gemeinschaft. Eine Welt, die voller Verheißungen, Chancen und Erfüllungen steckt und zugleich voller Zwänge und Entbehrungen; eine Welt, die verlangt und lehrt, die widersprüchlichsten Erfahrungen übereinzubringen, als handelte es sich dabei um die Stimmen eines chromatischen Fugensatzes, dessen dissonanter Verlauf sich irgendwann zur höchsten Formvollendung rundet. Ein Leben in Musik und aus Musik und wie Musik.

          Das prägt. Was man bei den Thomanern lerne, sagt der Sänger Sebastian Krumbiegel von der Leipziger Popgruppe „Die Prinzen“, sei unersetzbar, das könne man auf keiner Musikhochschule nachholen. Er muss es wissen, denn er hat als Ehemaliger und Absolvent der Leipziger Musikhochschule beide Institutionen durchlaufen.

          Bachs Passion trifft auf schnödes Schulpensum

          Seinen 800. Geburtstag feiert der Thomanerchor dieses Jahr am 20. März: eine unfassbar weit zurückreichende Tradition. Tradition ist das Zauberwort von Georg Christoph Biller, der sich als 16. Thomaskantor heute dem berühmtesten seiner Amtsvorgänger - Johann Sebastian Bach - innerlich zutiefst verbunden weiß: mit ein klein wenig Stolz, vor allem aber mit einem aufrichtig empfundenen, protestantisch gestählten Pflichtgefühl. Tradition, das ist die täglich neu zu meisternde „große Aufgabe“, deren Kern allen Veränderungen über die Jahrhunderte hinweg standgehalten habe und die in einer bis heute für die „Thomasser“, wie Biller sie nennt, maßgeblichen Trinität bestehe: Singen, Lernen, Glauben.

          Die Erfüllung des jungen Lebenstraums setzt eiserne Disziplin und Belastbarkeit in jeglicher Hinsicht voraus. Dreimal in der Woche singt der Chor in seinen „Kieler Blusen“ in der Thomaskirche

          Schon bald nach seiner Gründung durch Markgraf Dietrich von Meißen war das Augustiner-Chorherrenstift Sankt Thomas über die Grenzen Leipzigs hinaus bekannt. Zum Stift gehörte eine Klosterschule, deren Schüler als Gegenleistung für ihre Ausbildung den liturgischen Gesang und andere gottesdienstliche Aufgaben zu übernehmen hatten. 1254 wurde eine „Scola exterior“ geschaffen, die gegen Schulgeld auch bürgerlichen Knaben offenstand. Während der Reformation gingen Schule und das „Alumnat“ genannte Internat an die Stadt über. Als Johann Sebastian Bach für die Zeit von 1723 bis 1750 das Kantorat übernahm, führte er mit den Knaben seine Passionen, die h-Moll-Messe und die sonntäglichen Kantaten auf - und stritt sich nebenbei mit dem Rektor darüber, wie viel ihrer knapp bemessenen Zeit die 55 Sängerknaben, die ihm für seine Werke zur Verfügung standen, denn für das schnöde Schulpensum noch zu opfern hätten. Die Bach-Renaissance im neunzehnten Jahrhundert bescherte dem Chor dann einen Ruhm, von dem er heute noch profitiert - und dem es auch mit zu verdanken ist, dass sich weder das NS-Regime noch die DDR-Diktatur an dem kulturellen Erbe, das er repräsentiert, nachhaltig vergriffen haben.

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