01.10.2009 · Zum Jahrestag ihrer Gründung gönnt sich die Volksrepublik China einen Film mit 176 Stars: ein „Birth of a Nation“-Epos, das Popkultur und Propaganda vollendet vereint - und als Dokument der politischen Umdeutung in der Geschichte die Gegenwart entdeckt.
Von Mark SiemonsSo also sieht die Begegnung von Kulturindustrie und Kommunismus aus: Zhang Ziyi, die offiziell schönste Frau des chinesischen Films, trägt eine grüne Uniform und redet, treuherzig enthusiastisch und jung wie nie, auf den Vorsitzenden Mao ein, um ihn von den Vorteilen des Nationalflaggenentwurfs mit den fünf Sternen zu überzeugen. Mao schaut Zhang Ziyi väterlich gütig, wie es nun mal seine Art ist, an, auch etwas belustigt, und nickt mit dem Kopf. Wie man weiß, wurde der Entwurf mit den fünf Sternen dann ja kurze Zeit später tatsächlich zur Fahne der Volksrepublik China erklärt.
Die Szene stammt aus einem Film, für den die Anwesenheit von Stars nicht bloß eine werbewirksame Begleiterscheinung ist, sondern ein Teil der Botschaft selbst. Nicht weniger als 176 chinesische Kinoberühmtheiten sind bei dem Epos „Die große Leistung der Gründung“ (auf Englisch, in Anspielung auf D. W. Griffiths „Birth of a Nation“: „The Founding of a Republic“) aufgeboten, mit dem die Volksrepublik ihren sechzigsten Geburtstag am 1. Oktober feiert. Es ist die vollkommene Einheit von Popkultur und Propaganda: Die Einigkeit und Geschlossenheit des Landes werden durch die komplette Präsenz des chinesischen Filmstarwesens symbolisiert. Viele der Schauspieler sollen in Anbetracht des patriotischen Zwecks auf die Gage für ihren Auftritt verzichtet haben; bei den meisten ist dieser so kurz und versteckt, dass die Werbung es als speziellen Reiz des Films ausgibt, möglichst viele Prominente hinter ihren Kostümierungen aufzuspüren. Auch berühmte Regisseure wie Chen Kaige („Lebewohl, meine Konkubine“), der einen mit den Kommunisten sympathisierenden Kuomintang-Offizier spielt, sind dabei. Neben den vielen, die vor allem dem heimischen Publikum bekannt sind, fällt der hohe Anteil international bekannter Darsteller wie Jackie Chan, Yun-Fat Chow, Tony Leung und Vivian Wu auf, die in Hongkong leben oder gar einen nichtchinesischen Pass erworben haben. Bezeichnenderweise sorgte ausgerechnet dieser Umstand im oft nationalistisch tönenden chinesischen Internet für die meiste Diskussion: Warum müssen so viele „Ausländer“ in unserem chinesischen Film dabei sein? Doch offensichtlich gehört das zu den Absichten des Werks, das eine neue Teleologie der kommunistischen Geschichte suggeriert – ihr Fortschreiten zu einem Zustand, in dem sie vermeintlich vollends in die internationale Unterhaltungsindustrie integriert ist.
Ein Dokument der politischen Umdeutungen
Ansonsten ist der von der staatlichen „China Film Group“ produzierte Film ein Dokument der im engeren Sinn politischen Umdeutungen, die die Kommunistische Partei zum Jubiläum ihres Machtantritts vornehmen will. Das Datum des 1. Oktober, an dem eine große Militärparade auf dem Platz des Himmlischen Friedens stattfinden soll, wird seit Wochen präsent gemacht. Alle Geschäfte, Restaurants und Siedlungen haben die Nationalflaggen oder rote Lampions oder beides nach draußen gehängt. Wie bei den Olympischen Spielen streifen Freiwillige durch die Stadt, diesmal in gelben T-Shirts, die mit einer neckisch geschwungenen „60“ in Rot versehen sind. Währenddessen sind an den großen Kreuzungen vermummte Soldaten mit Maschinengewehren postiert. Das Fernsehen zeigt am laufenden Band historische Dokumentationen, Kostümserien und Galashows zum großen Tag. Das Kunststück, das den Propagandaabteilungen dabei abverlangt wird, ist, wie sie die Gegenwart, die sie gemeinhin als entpolitisierte Zone potentiell unendlichen Wachstums und Konsums darstellen, mit den Ursprüngen der kommunistischen Herrschaft in Krieg, Revolution und Ideologie verbinden sollen.
Genau damit beschäftigt sich die „Große Leistung der Gründung“. Der Film spielt in der Zeit zwischen der Kapitulation Japans im August 1945 und der Ausrufung der Volksrepublik 1949, in der letzten Phase des Bürgerkriegs also zwischen den Kommunisten und der Kuomintang Tschiang Kai-scheks. Doch inmitten dieses kriegerischen Sujets bringt der Film es fertig, der heute geltenden Richtlinie der „Harmonie“ zum Durchbruch zu verhelfen: Die Kommunistische Partei, die sich damals in einem grausamen Machtkampf durchsetzte, wird als die Partei des Allumfassenden, alles Verzeihenden und Integrierenden dargestellt.
Ideologische Aussöhnung
Der entscheidende Kniff dabei ist, dass die Kuomintang nicht als durchweg böse erscheint. Nicht einmal der von Zhang Guoli gespielte Tschiang Kai-Schek wirkt unsympathisch. Er wird von einem Genossen zwar einmal als Verbrecher und Mörder bezeichnet, mit dem man nicht verhandeln könne, doch er selbst wird eher als melancholischer Machtmensch gezeigt, der nicht aus seinen Widersprüchen herauskommt. Die einzigen Fehler, die der Film seiner Partei anlastet, sind, dass sie die Wirtschaft nicht in den Griff bekam und dass sie demokratische Aktivisten erschießen ließ. Mao, Tschou En-lai und die Ihren werden dagegen vor allem in ihrem Bemühen gezeigt, eine Konsultativkonferenz des Volkes mit allen politischen Gruppierungen, sogar Teilen der Kuomintang, einzuberufen. Die in Wirklichkeit eher dekorative, von den Entscheidungen der KP-Führung abhängige Versammlung erscheint in dem Film als die eigentliche rechtliche Basis der Volksrepublik. Von den ideologischen Kämpfen und innerparteilichen Säuberungen der Zeit ist nicht die Rede. Stattdessen sieht man Mao, leutselig und kinderlieb wie immer in den offiziellen Filmen gespielt von seinem unheimlich ähnlichen Double Tang Guoqiang, nach der Einnahme Pekings konsterniert von einem Spaziergang zurückkehren: Er habe nirgendwo Zigaretten kaufen können, da die Tabakhändler ihre Läden aus Angst vor den Kommunisten geschlossen hätten. Man müsse, sagt er, sich davor hüten, die Kapitalisten zu verschrecken.
So holt die marktwirtschaftliche Gegenwart die klassenkämpferische Vergangenheit ein, und auch einem Schulterschluss mit den Kuomintang-Funktionären in Taiwan steht ideologisch nichts mehr im Wege. Seine Premiere hatte der Film, der schon gigantische Summen eingespielt haben soll, sinnigerweise in Kanton in der Gedenkhalle Sun Yat-sens, des gemeinsamen Ahnherrn der chinesischen Bürgerkriegsfeinde.