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50 Jahre „Bravo“ Bitte sagen Sie mir, ob es Krieg gibt

28.10.2005 ·  Elvis und Otto, Starschnitt und Steffi, Dr. Korff und Dr. Sommer: Die Zeitschrift „Bravo“ wird fünfzig. Eine Ausstellung in Hilden bezeugt die Leiden und Freuden der deutschen Jugend.

Von Martin U. Müller
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Jede Geschichte muß einen Anfang haben. Diese hier hat zwei. Sie beginnt zum einen bei Daria Zimmermann. Zwischen ihrem Jugend- und ihrem jetzigen Zimmer liegen drei Kilometer, neunzig Meter und vier Lebensjahre. Eine rote Couch, Robbie-Williams-Poster, eine umgestülpte Jeans, ein Foto von Michael Ballack und seinen Spielerkollegen.

Ein klassisches Jugendzimmer der neunziger Jahre, die Metamorphose zum Studentenzimmer ist unverkennbar. Sie würde heute nicht mehr so wohnen wollen, sagt die neunzehnjährige Abiturientin, aber ein Poster von Leonardo DiCaprio habe sie schon noch im Kleiderschrank.

Teile ihres Jugendzimmers sind nun Exponate im Wilhelm-Fabry-Museum in Hilden. Das Museum hat sich einen Namen mit medizinhistorischen Ausstellungen gemacht. Doch was heute passiert, erstaunt den Stadtarchivar Wolfgang Antweiler. Fernsehteams schieben sich an den Glaskästen vorbei, es wimmelt vor Fotokameras und - vor Besuchern. Das Ausstellungsthema hat diesmal nichts mit Zähnen oder Beinprothesen zu tun. Eine Geburtstagsausstellung hat sich in die kleine Stadt bei Düsseldorf verirrt: fünfzig Jahre „Bravo“.

Eine Ausstellung zu fünfzig Jahren „Bravo“

Zeitschrift für Film und Fernsehen

Das heißt nicht ganz, womit wir beim zweiten Anfang wären: Am 26. August 1956 erschien erstmals die „Bravo“ - damals trug sie den Untertitel „Zeitschrift für Film und Fernsehen“. Ein Jahr vor dem eigentlichen Jubiläum wird nun die Ausstellung eröffnet. Interesse oder gar Unterstützung vom Heinrich Bauer Verlag erfuhren die Macher indes nicht. Mit rund 461.000 verkauften Exemplaren steckt „Bravo“ in einem Rekordtief, lag doch die Zahl 1991 bei fast 1,5 Millionen vertriebenen Heften. Eine Legende kommt in die Jahre.

Der Untertitel verschwand bereits 1959, „Bravo“ wurde damals „die Zeitschrift mit dem jungen Herzen“. Von nun an ging es um Popgrößen. „Anfänglich kam die ,Bravo' noch mit einem einzigen Star als Blickfang auf dem Cover bei den Lesern an“, sagt Klaus Farin vom Berliner Archiv der Jugendkulturen, welches die Ausstellung mitentwickelt hat. Mittlerweile seien nicht selten zehn Stars auf dem Titel zu finden. „Die Zeiten der richtigen Superstars sind eben vorbei,“ sagt er. Trends wollte „Bravo“ nie setzen. Vielmehr sollte der Mainstream verarbeitet werden. Klaus Farin: „Die Gesellschaft veränderte ,Bravo', nicht umgekehrt.“

Trauer mit Amerika

Unweigerlich beschäftigte sich das Blatt mit Filmen und Musik aus Übersee. Elvis Presley wurde zum Thema, noch ehe seine Platten in Deutschland zu kaufen waren. Politisch war die vom späteren Sprecher Helmut Kohls, Peter Boenisch, gegründete Zeitschrift jedoch so gut wie nie. Der „Spiegel“ bemängelte 1968, daß der Krieg in Vietnam in der „Bravo“ nicht vorkomme und auch die Studentenunruhen ausgespart würden. Nur zwei politische Themen haben es bis heute auf die Titelseite gebracht: Neben einem kritischen Text über Heinz Rühmanns politische Vergangenheit trauerte „Bravo“ im September 2001 mit Amerika.

Nicht nur der Leserpreis „Otto“ oder ein Aufruf zum Casting für die Hauptrolle der Anne Frank in der Tagebuch-Verfilmung sind Legende. Vor allem der „Starschnitt“ trägt zur Leser-Blatt-Bindung bei. 116 Stars in Lebensgröße sind erschienen, nicht selten von den Fans ausgeschnitten und liebevoll auf Holz geklebt. Neben Postern, Aufklebern und anfangs Schallfolien zählten ein Bikini und String-Tangas zu verkaufsfördernden Beilagen. „Der hat zwar niemandem gepaßt“, sagt eine Ausstellungsbesucherin, „aber jeder hat ihn in den Schrank gelegt.“

5000 Briefe monatlich

Zurück nach Hilden. Während Daria Zimmermann für die Fotografen auf ihrem Sofa posiert, herrscht wenige Kilometer idyllische Stille. Hausnummer 37. Werbung jeder Form ist unerwünscht, verrät ein handgeschriebener Aufkleber am Briefkasten. Daneben das Namenschild: Dr. Martin Goldstein. Ein netter Herr mit weißem Haar und einer schlichten silbernen Brille bewohnt das Obergeschoß. Er lebt bescheiden, vor dem Haus parkt sein roter VW Passat, seine Wohnung teilt er sich mit anderen. Kaum einer kennt den Achtundsiebzigjährigen unter anderem Namen: Dr. Martin Goldstein war „Dr. Jochen Sommer“. Fünfzehn Jahre lang arbeitete der Arzt und Psychotherapeut für „Bravo“, bekam monatlich 3000 bis 5000 Briefe und beschäftigte sich mit Fragen zu Sexualität, erster Liebe und Gefühlen der „Bravo“-Leser (siehe auch: Der „Dr. Sommer“ der „Bravo“: Interview mit Martin Goldstein).

Als er 1969 auf Bitten der Chefredaktion die später meistgelesene Seite einer deutschen Zeitschrift übernahm, mußte zunächst ein Alias her. So entstanden „Dr. Sommer“ und Kollege „Dr. Korff“. „Die Jugendlichen hätten sich sonst direkt an mich gewendet“, begründet Martin Goldstein die von der Redaktion erfundenen Pseudonyme. Die Düsseldorfer Beratungsstelle, in der er arbeitete, wäre wohl sonst überrannt worden. Es blieb zumindest das vertrauenserweckende „O“ in allen Namen erhalten. Goldstein trat kein leichtes Erbe an. „Noch 1966 warnt die ,Bravo' vor Selbstbefriedigung und erklärt Homosexualität für abartig“, sagt Michael Krambrock, Projektleiter der Ausstellung in Hilden. Die prüde Rubrik „Dr. Vollmer“ wurde abgelöst, der evangelisch geprägte Martin Goldstein übernahm und gewann das Vertrauen der Leser. So schrieb die vierzehnjährige Katrin F., daß sie kein Verhütungsmittel bekomme, und ein Mädchen aus dem Saarland hatte ein Gespräch ihrer Mutter aufgeschnappt, in dem es wohl um den Kalten Krieg ging: „Dr. Sommer, ich zittere am ganzen Körper. Bitte teilen Sie mir mit, ob es Krieg wird oder nicht.“

Der berüchtigte Dr. Korff

Goldstein bekam wöchentlich zweihundert ausgewählte Zuschriften nach Düsseldorf geschickt, fünf bis sieben suchte er jeweils zur Veröffentlichung aus. Der Rest blieb in München und wurde von Mitarbeitern nach einem von Goldstein und seinen Kollegen entwickelten Handbuch beantwortet. Berüchtigt wurde Goldsteins zweite Rubrik, die Aufklärungsserie von Dr. Korff. Themen wie „Wenn zärtliche Hände den Liebespartner ersetzen“ und „Wenn Mädchen Mann und Frau spielen“ riefen Gutachter auf den Plan. „Die Geschlechtsreife allein berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane“: Die Bundesprüfstelle für Jugendgefährdende Schriften hatte gesprochen, Heft sechs und sieben 1972 landeten auf dem Index.

1984 verkrachte sich Martin Goldstein mit der neuen Chefredaktion, langwierige Gerichtsverfahren folgten. Aus der Briefkastenpraxis „Dr. Sommer“ wurde das „Dr. Sommer Team“, das mit der Sendung „Bravo TV“ in den Neunzigern sogar im Fernsehen auftauchte. „Dr. Sommer war die Beate Uhse für pubertierende Jugendliche. Er garantierte Normalität in der gegenwärtig schwierigen Situation der Ratsuchenden. Das Anzetteln einer sexuellen Revolution lag ihm fern“, faßt Florian Mildenberger, Sexualhistoriker an der Ludwig-Maximilians-Universität München zusammen.

Gemogelt sei bei der Rubrik „Dr. Sommer“ nie worden. Kein Brief entstand nach Aussage von Martin Goldstein je in der Redaktion. „Das hatten wir bei 250 Briefen am Tag nicht nötig“, sagt der Arzt. Doch bei den von 1958 bis 1959 populären Tagebuchkolumnen der Teenagerin „Steffi“, die mit gezeichnetem Porträt der Autorin abgedruckt waren, verwunderte nicht nur die Wiener Postfachadresse für Leserbriefe. Bei der „Bravo“-Redaktion erinnert man sich nicht mehr an die echte Autorin, doch die Ausstellungsmacher sind sicher: „Dahinter steckte damals ein älterer österreichischer Herr.“ Dr. Sommer aber gab und gibt es wirklich.

Wilhelm-Fabry-Museum, Benrather Str. 32a, Hilden (Tel. 02103/5903); Eintritt: Erw. 3 Euro, ermäßigt: 1,50 Euro; Öffnungszeiten: Di., Mi., Fr. 15-17 Uhr, Do. 15-20 Uhr, Sa. 14-17 Uhr, So. 11-13 und 14-18 Uhr, bis 29. Januar 2006. Es gibt ein Buch zur Ausstellung: Archiv der Jugendkulturen e.V. (Hrsg.) 50 Jahre Bravo, 264 Seiten, Großformat 210 x 280, 28,- [Euro], ISBN 3-86546-036-4.

Quelle: F.A.Z., 28.10.2005, Nr. 251 / Seite 46
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