07.06.2005 · Außen hui, drinnen Fox: In der ganzen Welt wird der Nachrichtensender CNN mit seinem Land identifiziert, nur in Amerika nicht. Bei der Feier zum 25. Geburtstag des Senders wurde erstaunlich viel Selbstkritik geäußert.
Von Nina Rehfeld, AtlantaSogar der Mann von Al Dschazira war beeindruckt: Als der Nachrichtensender CNN in der vergangenen Woche in Atlanta seinen fünfundzwanzigsten Geburtstag feierte, wurde Selbstkritik geübt.
Jonathan Klein, der Präsident von CNN USA, ging mit seiner eigenen Entscheidung ins Gericht, täglich und minutiös bis zum Redeprotokoll vom Michael-Jackson-Prozeß zu berichten, die Chefkorrespondentin Christiane Amanpour stellte derweil die journalistische Integrität der sogenannten „eingebetteten“ Berichterstatter im Irak-Krieg in Frage. „Soviel Selbstreflektion hat mich positiv überrascht“, sagte Mohammed Vall, der für Al Dschazira zuletzt aus Sudan berichtete und auf der Jubiläums-Konferenz in Atlanta zu den auswärtigen Kritikern von CNN zählte.
Ein getrübtes Image
Zu den drängendsten Fragen, denen sich der Sender ein Vierteljahrhundert nach seiner Gründung stellen muß, zählt zum einen der Umgang mit den immer populäreren „soft news“, zum anderen ein durch das Prisma der amerikanischen Außenpolitik getrübtes Image. Das mutet wie eine traurige Ironie an, lautete Ted Turners Vorstellung bei der Taufe des Kabelkanals, den lokalen „Trivialnachrichten“ der großen Sender internationale Nachrichten von Belang und Bedeutung entgegenzusetzen und mit einem multiethnischen Korrespondentennetzwerk zur Völkerverständigung in der Welt beizutragen.
Als das Cable News Network am 1. Juni 1980 erstmals aus Atlanta sendete, gab es drei große amerikanische Networks, die täglich eine halbe Stunde Abendnachrichten präsentierten. Kaum jemand konnte sich vorstellen, wie Turner und sein damaliger Partner Reese Schoenfeld, der bei den Feierlichkeiten in Atlanta übrigens keine Erwähnung fand, vierundzwanzig Sendestunden täglich mit Nachrichtenberichterstattung füllen wollten - und wer CNN einschalten sollte. Programmatisch-pathetisch rezitierte Turner zu Sendebeginn von CNN ein Motto von Ed Kessler: „Unsere Überzeugungen in die Tat umzusetzen, während andere warten; eine positive Kraft zu schaffen, wo die Zyniker überwiegen; Menschen Informationen zugänglich zu machen, die sie vorher nicht bekommen konnten.“
Der „Hühnersuppensender“
Damals verspotteten die Senderchefs in New York CNN noch als „Hühnersuppensender“. Doch sie sahen sich bald um: Denn Ted Turner revolutionierte mit mehr unternehmerischem Geschick als journalistischem Know-how die Fernsehnachrichten. Weil teure Korrespondentenbüros in aller Welt undenkbar waren, baute er von Atlanta aus ein internationales Netzwerk von Partnersendern auf. Heute ist aus dem auf Schulden gebauten Kabelkanal ein Medienunternehmen mit vierundzwanzig verschiedenen Sendeplattformen in sechs Sprachen geworden, die weltweit von mehr als einer Milliarde Menschen empfangen werden können.
Neben fünf eigenständig programmierenden Sendestationen im asiatisch-pazifischen, südasiatischen, europäisch-afrikanisch-arabischen, lateinamerikanischen und nordamerikanischen Raum stehen unter anderem CNN Türk, CNN en Espanol, die arabische Website CNNArabic.com und das CNN Airport Network. In den kommenden Wochen wird der Sender zwei kostenpflichtige Breitband-Plattformen ins Internet bringen, die den Nutzer selbst in eine Art Newsroom verfrachten, in dem er sich wahlweise an die Nachrichtenfront, in die Hintergrundberichterstattung oder die Archive klicken kann - alles in Echtzeit.
Das New York des Fernsehens
Anstelle des exzentrischen Abenteurer-Unternehmers Ted Turner, der mit einem Lokalsender und einem Kapital von zwanzig Millionen Dollar seine Chance gesehen hatte, „zur New York Times des Fernsehens“ zu werden, steht mit Jim Walton der CNN News Group heute ein bedächtig formulierender Techniker vor, der von „coolen“ Innovationen schwärmt. „Die Technologie wird die Art und Weise, wie wir Medien konsumieren, in der nahen Zukunft stärker verändern als in den letzten fünfundzwanzig Jahren“, sagte er in Atlanta.
Die Technologie hatte CNN einst in die Sphäre der großen Networks emporgehoben. Es war die Live-Übertragung der ersten Bilder aus dem Golfkrieg 1991, die Bilder der wartenden Panzer in der Wüste vor Bagdad und der grünen Leuchtspuren im nächtlichen Himmel über der Stadt beim ersten Angriff der Amerikaner, die Millionen vor den Bildschirm lockten und CNN berühmt machten. Dabei zeigten diese Bilder nicht den Krieg, sie verbildlichten bloß die schiere Möglichkeit, in Echtzeit dabeizusein.
Die Absurdität des Bilderzwangs
Die häufig beschworene historische Stunde von CNN machte auch die bittere Absurdität des Bilderzwangs deutlich: Nur, weil man es eben vermochte, schickte man damals Aufnahmen um den Globus, die den Krieg wie ein harmloses Videospiel anmuten ließen. So führte CNN den eigenen Anspruch - durch Weltnachrichten etwas für die Völkerverständigung zu - von Beginn an ad absurdum.
Heute ist es selbstverständlich, daß binnen Minuten nach einem Großereignis die ersten Bilder auf dem Schirm sind. Als der Tsunami zum Jahreswechsel über Südostasien hereinbrach, packte der CNN-Korrespondent Satinder Bindra, der seinen Urlaub auf Sri Lanka verbrachte, seinen Laptop aus und - begann zu senden.
Persönlich hervorragend vernetzt
Es ist vor allem die Konfliktberichterstattung, an der sich die Qualität von CNN als internationalem Nachrichtensender heute bemißt. Mit einem Netzwerk von teils persönlich hervorragend vernetzten Korrespondenten - die CNN-Reporterin Rim Brahimi ist mit dem Halbbruder des jordanischen Königs verheiratet, Christiane Amanpours Ehemann James Rubin war Sprecher des amerikanischen Innenministeriums unter Clinton - verfügt der Sender zwar journalistisch über einen langen Arm.
Trotzdem ist der Traum von Ted Turner, nach dessen Regeln bei CNN heute noch jeder, der das Wort „foreign“ benutzt, mit einer Strafe von hundert Dollar belegt wird, in eine unerwartete Sackgasse geraten. Die Mitarbeiter von CNN werden vor allem in der arabischen Welt mit der amerikanischen Außenpolitik identifiziert. Die Chefkorrespondentin Christiane Amanpour beschrieb in Atlanta die frustrierenden Konsequenzen der Berichterstattung im Irak: „Eine der traurigsten Tatsachen dort ist, daß die Iraker uns nicht in ihren Häusern haben wollen, denn das allein macht sie zum Ziel. Sobald sie einen westlichen, einen amerikanischen Journalisten vorlassen, wird es für sie gefährlich.“
Aggressive Meinungsmache
Seit fünf Jahren arbeitet CNN International, das in seinen Verbreitungsgebieten mit lokalen Schwerpunkten sendet, am Konzept einer „Regionalisierung“, das den Aufbau lokaler Sendestationen umfaßt. „Multidimensionale Berichterstattung“, nennt dies Christiane Amanpour. Es gehe darum, „nicht nur von ,eingebetteten' Journalisten zu hören, sondern auch von den unabhängigen“.
In seinem Heimatland, wo das internationale politische Interesse viel weniger stark ausgeprägt ist, sieht sich der Sender unterdessen einem ganz anderen Druck ausgesetzt. Der Nachrichtensender Fox News, 1986 von Rupert Murdochs News Corp. gegründet, erreicht mit seinem Konzept aggressiver Meinungsmache inzwischen doppelt so viele Zuschauer wie CNN USA. Überparteiliche Berichterstattung, wie CNN sie für sich reklamiert, ist bei Fox News unverblümter Parteilichkeit und dem hemmungslosen Eindreschen auf den politischen Gegner - das liberale Amerika - gewichen.
Das „Perverse des Tages“
Dem trägt nun auch CNN Rechnung: Die neu gestaltete Hauptsendezeit am Abend beinhaltet ein Showbizmagazin und eine Justiz-Talkshow, und mit „Lou Dobbs Tonight“ hat CNN inzwischen seinen eigenen Meinungsmacher, der den Volkszorn über offene Grenzen und Jobexporte zu treffen versucht. Jim Walton, der Vorstandschef der CNN News Group, sagte in Atlanta, man wolle künftig mehr Gewicht auf „Konflikte und human interest“ legen und „dem Publikum eine emotionale Reaktion anbieten“.
Daß diese neue Linien im Sender keineswegs Konsens ist, zeigte sich daran, wie heftig über die umfangreiche Berichterstattung zum Michael-Jackson-Prozeß debattiert wurde und über den Fall einer jungen Frau aus Georgia, die kurz vor ihrer Hochzeit vor ihrem Ehemann in spe Reißaus nahm und ihre eigene Entführung vortäuschte. Jonathan Klein, der Chef von CNN USA, gab zu, daß, wenn er eine Entscheidung der vergangenen Wochen rückgängig machen könnte, dann sei es diese. Chris Cramer, der Geschäftsführer der Abteilungen von CNN International, hielt dagegen: „Nur weil manche den Prozeß gegen Jackson für geschmacklos halten, heißt das nicht, daß sich nicht Millionen dafür interessieren.“
Das letzte Wort in der Frage der richtigen Nachrichtengebung hatte indes CNNs vor fünf Jahren geschaßter Erfinder Ted Turner. „Ein bißchen weniger vom ,Perversen des Tages' wäre schön“, sagte er in Atlanta. „Wir wollten der respektabelste Name im Nachrichtenwesen werden. Die ,New York Times' hat das in hundert Jahren aufgebaut, wir haben zwanzig Jahre gebraucht. Man kann auf diesem Ruf eine Weile dahinsegeln. Aber wenn man diese Position, die erste und, wie ich glaube, die profitabelste, halten will, muß man sie sich verdienen.“