Home
http://www.faz.net/-gs6-q10t
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

„24“ zum dritten Nietzsche undercover

18.01.2005 ·  In der dritten Staffel der Fernsehserie „24“ triumphiert endgültig die Raubtiermoral: Im Kampf gegen Ungeheuer wird der Held selbst eins, und auch der Zuschauer weiß sich nicht mehr auf der sicheren Seite.

Von Dietmar Dath
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Vom Hindukusch bis nach Washington, vom narkoimperialistischen Krieg gegen Drogen bis zum globalkulturstrategischen Feldzug gegen durchgeknallte Märtyrerbrigaden, von den Plakaten der Antikriegsbewegung bis in die bischöflichen Gewandfalten weiser Ethikratskandidaten drängelt sich das Jenseits in unsere irdischen Belange, wie es sich das seit den Tagen von d'Holbach und Helvétius, Jefferson und Paine im Westen nicht mehr hat trauen dürfen.

Moral, und gar noch eine vom Transzendenten her begründete, kann sich zwar eigentlich nur leisten, wer auch einen Begriff von absoluter Unschuld hat, den er gegen das Böse halten kann. Der ist uns abhanden gekommen - trotzdem aber hört man derzeit so viel von ethischen Letztbegründungen, als wäre die Weltgesellschaft mit ihrem Latein am Ende und hätte bei Priestern um Rat gefragt. Günstige Zeiten für Angst und Brachialvorschläge; für Horror und Thriller.

Es geht um höhere Moral

Denn auch wenn wir uns, bevor wir am Fortschritt ganz verzweifeln, gelegentlich damit trösten, daß uns die Gegenwart mit „24“ immerhin eine Fernsehserie gebracht hat, deren nagelharter Held auf dem Pfad der unbedingten Diesseitigkeit weiter gelangt ist als alle vor ihm und selbst dem alten Tunichtgut Horst Schimanski das Naserümpfen beibringen könnte, weil er ohne Wimpernzucken Geiseln zersägt, Drogen in die eigene Vene spritzt, mit lebensgefährlichen Biotoxinen um sich wirft und Leute in den Rücken schießt, helfen uns doch kein Mord und auch kein Totschlag aus der eingebauten Jenseitigkeit des Ganzen: Es geht im Kriminaldrama immer noch, wie seit Geburt des Genres, um höhere Moral, zu deren Vollstreckung die niedrigen Beweggründe der Schurken lediglich Treibstoff liefern.

Damit verhält es sich freilich nicht mehr so wie ganz früher, als Moral hieß: Jahwe sieht alles, also paß auf, was du anstellst. Auch nicht mehr so wie etwas später, als Moral hieß: Die Nachbarn sehen alles, also paß auf, was du anstellst. Es steht nicht mal mehr so wie in den achtziger Jahren bei Crockett und Tubbs in „Miami Vice“, als Moral hieß: MTV sieht alles, also paß auf, daß das, was du anstellst, wenigstens schnittig rüberkommt. In „24“, dem fortlaufenden Drama um Leben und Treiben des Antiterrorpolizisten Jack Bauer (Kiefer Sutherland), bedeutet Moral nur noch: Alle sehen alles, denn Kameras, Computer und Zeittaktmaschinen sind in jeden Spalt zwischen den Elementarereignissen geschaltet; aber gerade weil alle alles sehen, ist ihnen egal, was Jahwe und Nachbarn davon halten, weil jeder selbst achtgeben muß, wo er im allgemeinen Niedergang bleibt.

Mach dir nichts vor

Was also willst du, wenn die Dinge so übel liegen, mit deinem angefangenen Leben sonst machen, wenn nicht um so verbissener aufpassen, was du anstellst? Der Held ist damit real, was er in früheren Thriller-Gußformen nur dem Anschein nach war, als er sich noch einer objektiven Instanz verpflichtet wußte, und wäre es bloß der allwissende Erzähler gewesen: der einzige, der nach der Tat feststellen kann, ob er seinen Maßstäben gerecht geworden ist. Sein einziges Gebot lautet: Mach dir nichts vor, geh nicht den einfachen Weg, und wenn du einer Droge verfallen bist, dann setz dich selbst auf Entzug, statt dir dabei helfen zu lassen - verzichte auf das Opium des Volkes und alle sonstigen Tröstungen.

Der Schutzpatron solcher Raubtiermoral heißt nicht Jesus noch Knigge, sondern Nietzsche. Und deshalb dreht sich die dritte Staffel von „24“ jetzt, nachdem Staffel eins und zwei das harsche Terrain vorsorglich vermessen und mit dem Thema bereits mehr oder weniger deutlich geschäkert haben, endlich explizit um die ethisch-psychologische Zentralfigur in der Welt ohne Rechtschaffenheitskompaß, die Nietzsche gemalt hat: das Böse im Guten.

Man wird zum Ungeheuer

Der Philosoph war bekanntlich der Ansicht, man werde durch den Kampf mit Ungeheuern früher oder später selbst eins. Während also Präsident Palmer (Dennis Haysbert) diesmal die von seinem Bruder und Berater (DB Woodside) ausgehenden Anträge abwehrt, die Methoden seines dubiosen Herausforderers zu übernehmen, um diesen und andere, noch finsterere Gegner in Schach zu halten, muß sich Kim Bauer (Elisha Cuthbert) fragen, ob sie, wenn sie ihrem Vater ihr Liebesleben verheimlicht, nicht genau dieselben Fehler macht, die sie ihm in Sachen Familie übelnimmt, und ob sie ihren Freund Chase Edmunds (James Badge Dale), der wie die ganze verbliebene Bauer-Sippe im Antiterrorkampf seine Brötchen verdient, eigentlich wirklich auf andere Verhaltensregeln festlegen will und darf als ihren Vater.

Auch der lernt die neue, nietzscheanische Variante der Losung „Auge um Auge“ kennen, die darin besteht, daß beide Augen, um die gespielt wird, im selben Kopf sitzen: Jack Bauer leistet für die dritte Staffel in einem Ausmaß Doppelagentenarbeit, daß er allmählich wirklich alles doppelt sieht - genau wie wir, die Zuschauer, die bei so vielen internen Varianten, Spiegelungen und Echos des Themas „Wie wird man, was man ablehnt, und wozu kann das von Nutzen sein?“ zwar nie die Übersicht über die Handlung verlieren, aber doch die Bequemlichkeit aufgeben müssen, uns auf der sicheren Seite zu wissen: im moralischen Jenseits, da, wo man urteilen darf.

Sie brauchen unser Urteil nicht

Die gegenüber den Thrillern, die vor ihr kamen, zweifellos größte, mit bewundernswerter Konsequenz ausgebreitete und betonte inhaltliche Errungenschaft der Serie, die mit den vieldiskutierten formalen Neuerungen in komplizierten Abhängigkeitszusammenhängen verknüpft ist, zeichnet sich folglich immer deutlicher ab: Hier werden uns Figuren vorgeführt, die unser Urteil nicht mehr brauchen, nicht mehr wollen und also genau so sind wie die Lebensabschnittsgefährten, an die wir geraten, die Politiker, die wir uns gewählt haben, und die Besitzer der Fabriken, in denen das hergestellt wird, was wir kaufen sollen.

Kiefer Sutherland als Bauer wird im Kampf um die nackte Existenz - seine wie die der Zivilisation, die ihn hervorgebracht hat, also unsere - genau das, was man wird, wenn nichts die Gewaltanwendung ideologisch Überwölbendes die Absichten und Schicksale der Leute mehr nach richtig und falsch zu unterscheiden geeignet ist: ein prinzipienfester Opportunist der harten Hand, das bis zum Zerreißen gespannte Paradox eines aufrichtigen Lügners, der todernste Schauspieler seiner grimmigsten Vorsätze.

Dunkle Ironie

Das Prinzip „Schauspielerei als der letzte Gipfel der Moral nach deren diesseitiger Selbstverschlingung“ erzeugt eine die ganze Erzählhandlung beherrschende dunkle Ironie, die man nicht postmodern nennen sollte, weil sie eher wieder auf moderne Tugenden, auf säkularisierte protestantische Arbeitswut und unbedingte Bereitschaft zum Verschleiß der anvertrauten Hardware zum Beispiel, zurückgreift - und dabei Situationen schafft, die Slapstick genannt zu werden verdienten, wenn sie nicht so bedrohlich wären: die platzenden Beutel mit dem vermeintlichen Giftpulver drin, die mißglückte Selbsterhängung, die Gefangenenbefreiung mit doppeltem und dreifachem Boden.

„Schauspielerei“ prägt diesmal auch die ästhetische Dimension des Ganzen stärker denn je: Dennis Haysbert gewinnt mit jeder Staffel schrankkofferweise Format, Kiefer Sutherland wird sich bestimmt noch mal totarbeiten, und warum ausgerechnet eine öde und tantenhafte Nuß namens Halle Berry die erste Schwarze sein mußte, die den Oscar bekommt, wo doch auf der Welt, wie hier zu besichtigen, African-American-Talente vom Range eines DB Woodside und einer Gina Torres herumlaufen, das wird späteren, postrassistischen Kulturhistorikern noch echtes Kopfzerbrechen bereiten.

„24“ läuft mittwochs um 22.10 Uhr bei RTL 2, morgen läuft Teil drei der dritten Staffel.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.01.2005, Nr. 14 / Seite 40
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Tom Tablet

Von Marcus Jauer

Was hört man da aus Berlin? Das traditionelle Klassenbuch soll vom Tabletcomputer ersetzt werden? Die Eltern erhalten bei jedem Tadel sofort eine SMS. Der Erfahrungsraum von Kindern ist in Gefahr. Mehr 1 6