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„24“ zum dritten : Nietzsche undercover

Doppelagentenarbeit: Kiefer Sutherland in „24” Bild: AP

In der dritten Staffel der Fernsehserie „24“ triumphiert endgültig die Raubtiermoral: Im Kampf gegen Ungeheuer wird der Held selbst eins, und auch der Zuschauer weiß sich nicht mehr auf der sicheren Seite.

          Vom Hindukusch bis nach Washington, vom narkoimperialistischen Krieg gegen Drogen bis zum globalkulturstrategischen Feldzug gegen durchgeknallte Märtyrerbrigaden, von den Plakaten der Antikriegsbewegung bis in die bischöflichen Gewandfalten weiser Ethikratskandidaten drängelt sich das Jenseits in unsere irdischen Belange, wie es sich das seit den Tagen von d'Holbach und Helvétius, Jefferson und Paine im Westen nicht mehr hat trauen dürfen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Moral, und gar noch eine vom Transzendenten her begründete, kann sich zwar eigentlich nur leisten, wer auch einen Begriff von absoluter Unschuld hat, den er gegen das Böse halten kann. Der ist uns abhanden gekommen - trotzdem aber hört man derzeit so viel von ethischen Letztbegründungen, als wäre die Weltgesellschaft mit ihrem Latein am Ende und hätte bei Priestern um Rat gefragt. Günstige Zeiten für Angst und Brachialvorschläge; für Horror und Thriller.

          Es geht um höhere Moral

          Denn auch wenn wir uns, bevor wir am Fortschritt ganz verzweifeln, gelegentlich damit trösten, daß uns die Gegenwart mit „24“ immerhin eine Fernsehserie gebracht hat, deren nagelharter Held auf dem Pfad der unbedingten Diesseitigkeit weiter gelangt ist als alle vor ihm und selbst dem alten Tunichtgut Horst Schimanski das Naserümpfen beibringen könnte, weil er ohne Wimpernzucken Geiseln zersägt, Drogen in die eigene Vene spritzt, mit lebensgefährlichen Biotoxinen um sich wirft und Leute in den Rücken schießt, helfen uns doch kein Mord und auch kein Totschlag aus der eingebauten Jenseitigkeit des Ganzen: Es geht im Kriminaldrama immer noch, wie seit Geburt des Genres, um höhere Moral, zu deren Vollstreckung die niedrigen Beweggründe der Schurken lediglich Treibstoff liefern.

          Damit verhält es sich freilich nicht mehr so wie ganz früher, als Moral hieß: Jahwe sieht alles, also paß auf, was du anstellst. Auch nicht mehr so wie etwas später, als Moral hieß: Die Nachbarn sehen alles, also paß auf, was du anstellst. Es steht nicht mal mehr so wie in den achtziger Jahren bei Crockett und Tubbs in „Miami Vice“, als Moral hieß: MTV sieht alles, also paß auf, daß das, was du anstellst, wenigstens schnittig rüberkommt. In „24“, dem fortlaufenden Drama um Leben und Treiben des Antiterrorpolizisten Jack Bauer (Kiefer Sutherland), bedeutet Moral nur noch: Alle sehen alles, denn Kameras, Computer und Zeittaktmaschinen sind in jeden Spalt zwischen den Elementarereignissen geschaltet; aber gerade weil alle alles sehen, ist ihnen egal, was Jahwe und Nachbarn davon halten, weil jeder selbst achtgeben muß, wo er im allgemeinen Niedergang bleibt.

          Mach dir nichts vor

          Was also willst du, wenn die Dinge so übel liegen, mit deinem angefangenen Leben sonst machen, wenn nicht um so verbissener aufpassen, was du anstellst? Der Held ist damit real, was er in früheren Thriller-Gußformen nur dem Anschein nach war, als er sich noch einer objektiven Instanz verpflichtet wußte, und wäre es bloß der allwissende Erzähler gewesen: der einzige, der nach der Tat feststellen kann, ob er seinen Maßstäben gerecht geworden ist. Sein einziges Gebot lautet: Mach dir nichts vor, geh nicht den einfachen Weg, und wenn du einer Droge verfallen bist, dann setz dich selbst auf Entzug, statt dir dabei helfen zu lassen - verzichte auf das Opium des Volkes und alle sonstigen Tröstungen.

          Der Schutzpatron solcher Raubtiermoral heißt nicht Jesus noch Knigge, sondern Nietzsche. Und deshalb dreht sich die dritte Staffel von „24“ jetzt, nachdem Staffel eins und zwei das harsche Terrain vorsorglich vermessen und mit dem Thema bereits mehr oder weniger deutlich geschäkert haben, endlich explizit um die ethisch-psychologische Zentralfigur in der Welt ohne Rechtschaffenheitskompaß, die Nietzsche gemalt hat: das Böse im Guten.

          Man wird zum Ungeheuer

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