13.01.2006 · So schlimm war's - wie immer - noch nie. Jack Bauer, der Scharfrichter des Guten, urteilt wieder: Die Serie „24“ wird in ihrer vierten Staffel, die heute abend beginnt, zum Absturzfest.
Von Dietmar DathWenn's im Gebälk der bürgerlichen Gesellschaft knarzt und sich die Pfosten biegen, behandelt sie ihre Sicherheitssachwalter wie das Warenhaus zu Stoßzeiten sein Verkaufspersonal: gestern Käsetheke, heute Wurstabteilung, überall wird eilig abgerechnet und die Arbeit deftig unterbezahlt, denn es winkt der große Reibach respektive Umsturz. Der vierte Tag im Leben von Jack Bauer (Kiefer Sutherland), bei dem die Serie „24“ ihn begleitet, führt ihn im Handumdrehen von Käse nach Wurst und danach hoffentlich weiter in den Getränkemarkt.
So schlimm war's - wie immer - noch nie. Der Tag fängt um sieben Uhr morgens an, Jack ist ausgeschlafen, Angestellter des Verteidigungsministeriums, von der Heroinabhängigkeit genesen, frisch verliebt, gut rasiert und auf dem Weg nach oben. Mehrfach wechselt er in den darauffolgenden vierundzwanzig Stunden den Posten, die Lohngruppe, den Geisteszustand und die politische Einstellung. Am Schluß hat das genau diejenigen persönlich und beruflich verheerenden Konsequenzen, von denen sich Fans der Show schon seit mindestens drei Jahren fragen, wann sie Jack denn nun endgültig einholen und zermalmen werden.
Bittersüße Affäre
Es fängt eher schleppend, augenblicksweise sogar konfus und verbaselt an: Ist das tatsächlich ernst gemeint, diese bittersüße Affäre zwischen unserem Freund und der Tochter des Verteidigungsministers (Kim Raver), die aussieht wie die kleine Schwester von Sheryl Crow und daherredet wie Sandra Maischberger? Sollen wir die ätzende Karikatur eines regimekritischen amerikanischen Friedensaktivisten, zufällig zugleich Sohn des besagten Verteidigungsministers, etwa witzig finden? Und wirkt es nicht lächerlich - also fatal für eine Serie, die sonst durch verbissenen Ernst der allgemeinen, albern postmodernen Ironieanfälligkeit des Fernsehens in vorbildlicher Weise trotzt -, wenn der mindestens sechzigjährige Rumsfeld-Platzhalter in die Action eingreift, als wäre sein durch Geiselhaft erschöpfter staatsmännischer Körper eine Killermaschine von Rambo-Format?
Was zu fürchten war, scheint sich zu bestätigen: Nach vier Jahren innovativster Thriller-Bestleistungen läßt „24“ jetzt nach, zumal auch die dramaturgische Finte, jede massenmörderische Fürchterlichkeit bloß als Ablenkungsmanöver für etwas noch viel Fürchterlicheres auf die Zuschauer loszulassen, ihre tragende Funktion als Überraschungsgenerator eingebüßt hat - aha, der Plan, Kontinente mittels unterirdisch ausgelöster Erdbeben gegeneinanderkrachen zu lassen, war also nur ein Beschäftigungsangebot an die Staatsschützer, während in Wirklichkeit gleichzeitig das Meer abgesaugt, der Mond auf die Erde geschleudert und ein kinderfressendes Säurevirus per fokussiertem Monsunregen auf Amerikas Spielplätze geschüttet werden soll. Also diese Terroristen, was denen aber auch immer einfällt!
Kalt erwischt
Wer so denkt und dem eigenen Interesse beim Erlahmen zuguckt, während die islamistische Schläfer-Familie Araz sich und andere dezimiert, der überzeugend unheimliche Chef-Beknackte Habib Marwan (Sonderpunkte für die verbrecherischste Visage seit Pol Pot: Arnold Vosloo) harmlose alte Frauen ins Jenseits befördert und die Regierung langsam vor sich hin zerbröselt, der wird vom letzten Drittel der vierten „24“-Staffel kalt erwischt.
Denn da erlebt man einen destruktiven Ruck ins Hoffnungslose mit allen Schikanen; eine nihilistische Eigentorparade, die Verfassungsgarantien in Grund und Boden stampft; ein Absturzfest, das Hollywoods Filmproduzenten zum Herzdoktor treiben würde.
Gefoltert, zum Beispiel, wurde ja in „24“ schon immer. Jetzt aber bedienen sich alle Seiten im Endkampf dieses Mittels immer wahlloser: Wenn einem gar nichts mehr einfällt, Strom an. Fremde Konsulate, immerhin Territorien anderer Staaten, werden wie nebenbei überfallen. Der gesetzliche Oberbefehlshaber der Streitkräfte ist ein charakterloser Vollidiot. Die Entscheidungen, die der Held treffen muß, spielen sich zwischen so anheimelnden Alternativen ab wie „Nuklearkatastrophe im Inland oder Krieg mit einer Großmacht“, „den Freund sterben lassen oder die einzige Spur preisgeben“, „Weltuntergang oder Landesverrat“. Und der letzte moralische Anker in diesem Meer des Irrtums, Ex-Präsident David Palmer (Dennis Haysbert), begeht als Krisenberater diesmal, damit wir auch wirklich kapieren, was die Stunde geschlagen hat, mit voller Absicht genau die Verschleierungsuntaten, gegen die er sich in den letzten Staffeln mit Jack Bauers und Gottes Hilfe behauptet hat.
Zerfall und Unrecht bleiben Sieger
Die Zähflüssigkeit der Hinführung zu dieser Situation, das Stocken und Stottern der ersten Staffelhälfte, ist also notwendig. Denn diesmal werden zwar mehr Menschenleben gerettet als je zuvor, aber der Zerfall und das Unrecht bleiben auf finstere Weise Sieger: „Wir“ geben tatsächlich alles preis, was uns von „denen“ unterscheidet, um sie aufzuhalten. Das kann man nur zeigen, wenn man die Anatomie des kranken Gesellschaftsleibes langsam und sorgfältig zerlegt, unter lokaler Betäubung, daher die gelegentliche Anfangslangeweile. Das System, in dem Jack Bauer in der vierten Staffel von „24“ agiert, ist ein „bürgerlicher Staat ohne bürgerliche Rechte“, wie Reinhard Kühnl einmal jene Staats- und Gesellschaftsform definiert hat, die aus der Preisgabe der Rechtssicherheit unter Beibehaltung moderner Funktionseliten resultiert: den Faschismus.
Um zu verstehen, was da geschehen ist, muß man begreifen, daß „24“ bei aller Gewalttätigkeit und Selbstjustizwut des Helden bisher stets das prekäre Gleichgewicht zwischen einerseits clintonesk liberalem und andererseits bushistisch neokonservativem Weltbild gehalten hat. Dem ehrenhaften Amokläufer Bauer stand so etwa der virile Bürgerrechtsschützer und Wahrheitsbewahrer Palmer als sein Korrektiv zur Seite, das sich von Kabinettsfalken und multinationalen Waffendealern im Hintergrund nicht in einen Krieg hetzen ließ, wie Bush ihn führt. Bauer war der Mann fürs Grobe, der notfalls mit Mord und Totschlag die Beweise dafür heranschafft, daß, sagen wir, Saddam Hussein eben keine Massenvernichtungswaffen besitzt.
Zwei wackere Araber
Die Unterhaltungsindustrie, deren monströses Kind „24“ ist, steht in Amerika ja seit spätestens John F. Kennedys Tod traditionell links von der nachrichtlich verbreiteten, politisch geformten öffentlichen Meinung. Selbst die ethnischen Stereotypen in „24“ lassen sich in diesem Rahmen lesen: Die Serben der ersten Staffel waren ja nicht einfach Untermenschen, sondern die von Clinton (und auch jüdischen amerikanischen Bürgerrechtsorganisationen) seinerzeit als Möchtegern-Herrenmenschen angeprangerten Ausrotter verfolgter Minderheiten irgendwo in Europa. Sogar in der vierten Staffel, die „den Arabern“ ein so schlechtes Zeugnis ausstellt wie keine vorher, gibt es zwei wackere arabischstämmige Brüder und Ladenbesitzer, die sich freiwillig an die Front im Krieg gegen a) den Terror und b) amerikanische kapitalistische Kriegsgewinnler melden, um Jack Bauer, dem faschistoiden Antifaschisten, zur blutigen Hand zu gehen, weil nur er die Sprache spricht, die der rechtsradikale Feind versteht.
Die Drastik, mit der jetzt sämtliche Plotelemente als Hebel zur Zertrümmerung heiligster Güter des „due process“ benutzt werden, gebiert nichts Geringeres als eine zeitgemäße Überarbeitung linker Faschismustheorien. Die wurden bekanntlich nicht müde, zu behaupten, die Machtergreifung der aggressivsten Fraktion des Imperialismus habe zur notwendigen Voraussetzung immer eine Bedrohung des Systems von fortschrittlicher Seite. Systeme wie Weimar oder Chile unter Allende sind nach dieser klassischen Lehre deshalb gekippt, weil die Eliten den drohenden Bolschewismus oder doch die linke südamerikanische Sozialdemokratie fürchteten und den Kettenhund von der Leine ließen, um solche Gegner zu zerbeißen.
Klüger als die Lehrstuhl-Linken
Man konnte aus dieser Richtung politischer Theoriebildung in den letzten zehn Jahren häufig lesen, die Gegenwart sei zwar schrecklich und außerdem instabil, neue despotische Gewaltordnungen aber drohten in den Metropolen nicht, denn es gebe ja keine starke linke Opposition, gegen die solche Regimes installiert werden müßten. Die Erfinder von Jack Bauer sind klüger als jene Lehrstuhl-Linken: Es ist völlig egal, wovor die Funktionseliten Angst haben, ob vor Gewerkschaften, Inländern, Ausländern, Naturkatastrophen oder am Ende womöglich vor sich selbst - wenn das Zuckerbrot nicht mehr hilft, greifen sie zur Peitsche.
Daß Jack Bauer diese Peitsche nur im Dienst von Freiheit und Gerechtigkeit sein möchte, ist seine Tragik. Am Ende steht dieser Scharfrichter des Guten mit seinem Anstand buchstäblich alleine da - ein Bild, das uns verfolgen wird, wie der Rächer den Täter jagt.