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Filmfestspiele von Cannes Ein Wink mit dem Palmenzweig

24.05.2010 ·  Mag sein, dass die Goldene Palme für Apichatpong Weerasethakul auch ein politischer Gruß an das thailändische Volk sein soll, dessen Land im Chaos unterzugehen droht. Vor allem aber ist sie ein Signal an die Verleiher und die Zuschauer.

Von Verena Lueken
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Er ist schon lange kein Geheimtipp mehr. Aber die Goldene Palme von Cannes für den neununddreißigjährigen Thailänder sollte, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, endlich dafür sorgen, dass seine Filme auch einem größeren Publikum zugänglich werden. Vor ein paar Jahren, als wir zum ersten Mal einen seiner Filme gesehen hatten („Blissfully Yours“ war das), hatten wir diesen Namen auswendig gelernt: Apichatpong Weerasethakul. Wir wollten, dass er uns glatt von den Lippen ginge, wenn wir erzählten, wie wir in Gesellschaft von Schattenfiguren, Geistern und Tigern oder Affen, Insekten und Büffeln im Dschungel unterwegs waren und eine Freiheit spürten, wie sie uns das Kino selten nur geschenkt hatte. Kurze Zeit darauf, 2004, verlieh ihm die Cannes-Jury unter Quentin Tarantino den Jury-Preis.

In diesem Jahr nun hatte Weerasethakul uns in Cannes in eine Geschichte mitgenommen, die „Onkel Boonmee, der sich an seine früheren Leben erinnern kann“, heißt und uns genau das gezeigt: einen Sterbenden, den der Geist seiner verstorbenen Frau auf seiner letzten Reise begleitet und dessen einst verschwundener Sohn in Körper und Kostüm eines Monsteraffen mit rot glühenden Augen wiederauftaucht. Wir waren mit ihnen an einem See unter einem Wasserfall, in dem ein Wels eine Prinzessin (Onkel Boonmee in einer früheren Gestalt) verführt, und wunderten uns später wieder darüber, in welch guter Gesellschaft wir uns fühlten.

Im Kino des Westens sind Geister, Untote, Wiederauferstandene ja immer Personal des Horrors, gefährlich, unheimlich, zum Fürchten. Bei Weerasethakul nie. Sein Kino ist grenzenlos, es gibt keine Hierarchie zwischen Erinnerungen, Gegenwart und Zukunft, die Zeiten fließen ineinander, komplementieren einander, versöhnen sich. Es ist ein uns fremdes, darin aber ganz unhermetisches Erzählen, das uns sofort willkommen heißt, auch wenn wir die Volksmärchen und die thailändische Filmkultur mit ihren Soap-Operas und Geistergeschichten nicht kennen, mit denen Weerasethakul seine Kindheit und Jugend verbracht hat und die er in seinen Filmen immer wieder aufscheinen lässt. Mag sein, dass die Goldene Palme für „Onkel Boonmee, der sich an seine früheren Leben erinnern kann“, auch ein politischer Gruß an das thailändische Volk sein soll, dessen Land im Chaos unterzugehen droht. Vor allem aber ist sie ein Signal an die Verleiher und die Zuschauer. Geht hin und seht.

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Jahrgang 1955, stellvertretende Leiterin des Feuilleton.

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