20.05.2010 · Cannes ist erschüttert: Aus Tausenden Stunden propagandistischem Filmmaterial über den rumänischen Diktator Nicolae Ceauşescu hat Andrei Ujica einen Film zusammengestellt, der keinen kaltlässt.
Von Verena Lueken, CannesDrei Stunden in Gegenwart von Nicolae Ceauşescu? Muss man nicht haben, könnte man sagen; die Verbrechen des rumänischen Diktators, der von 1967 bis 1989 Staatspräsident und zuvor schon zwei Jahre Generalsekretär der Kommunistischen Partei Rumäniens war, sind allen, die sich an jene Zeit noch erinnern können oder im Zusammenhang mit Herta Müllers Nobelpreis die wesentlichen Informationen dazu nachgelesen haben, deutlich präsent.
Aber an einem Film, der „Autobiografia lui Nicolae Ceauşescu“ heißt, kommt man nicht vorbei. Denn wie kann ein Film aus dem Jahr 2010 „Autobiographie von Nicolae Ceauşescu“ heißen? Nachdem der Held, sozusagen, der hier von sich selbst sprechen soll, 1989 hingerichtet wurde und zu Lebzeiten nicht als Filmemacher hervorgetreten ist?
Regisseur dieser „Autobiographie“ ist der Rumäne Andrei Ujica. Zum Titel sagt er, man müsse ihn verstehen wie Gertrude Steins „Autobiographie von Alice B. Toklas“ oder die „Autobiographie von Fidel Castro“, den Roman von Carlos Fuentes. Und so sehen wir drei Stunden lang Ceauşescu dabei zu, wie er sich der Welt darstellte und möglicherweise sich auch selbst sah. Und was daraus wird, wenn Ujica es montiert und instrumentiert.
Keinen Meter Film selbst gedreht, Tausende Stunden sichten lassen
Kein Bild ist in diesem Film (der hier außer Konkurrenz in einer Spezialvorstellung zu sehen war), das nicht offizielles Material, Fernseh- und Filmaufnahme aus den Archiven des Staatspräsidenten wäre und dazu ein paar Heimvideos aus den Ferien am Meer oder im Schnee oder von der Jagd. Es gibt keine erklärenden Titeltafeln, keinen über die Bilder gesprochenen Kommentar außer dem damals im Fernsehen gesendeten.
Ujica hat keinen Meter Film selbst gedreht, aber Tausende Stunden sichten lassen und davon, wie er sagt, zweihundertfünfzig Stunden selbst gesehen - von 1965, dem Tod von Ceauşescus Vorgänger und Förderer Gheorghiu-Dej, bis zum 20. Dezember 1989. Und mit den Bildern jenes Tages, den Bildern eines Gestürzten, der nicht wahrhaben will, dass seine Zeit vorbei ist, der seine Verbrechen leugnet und stur auf formalen Abläufen besteht, die er selbst einmal bestimmt hat, beginnt und endet dieser bemerkenswerte Film. Keine Dokumentation, kein Spielfilm in dem Sinne, dass Schauspieler aufträten, außer dem großen Diktator selbst.
Vor allem wird gelogen, drei Stunden lang
Nach eineinhalb Stunden möchte man ihn erschießen, um den Jubel und das Klatschen der Völker, vor die er tritt, abzuschalten; die Ovationen des eigenen Volkes, das, wie es scheint, vollständig zu seinen Reden erschien; die der Chinesen, die für ihn singen und tanzen und klatschen und kreischen wie auch die Nordkoreaner, die einen mit Blüten in den Händen, die anderen mit Schirmen, und immer eine Menge Krach veranstaltend. Einmal, zum sechzigsten Geburtstag von Ceauşescu, montiert Ujica einen roten oder rotweißen Nelkenstrauß mit den entsprechenden Grußbotschaften hintereinander, immer wieder unterlegt mit „Happy Birthday“-Gesang auf Rumänisch - eine Qual, gegen die vieles, was sonst noch hier zu sehen und deutlich blutiger unterlegt ist, einem Ausflug im Park gleicht. Es wird auch viel posaunt und trompetet und gelächelt natürlich.
Vor allem aber wird gelogen, drei Stunden lang, und das Wunder dieses Films, der ja nichts anderes zeigt und sagt, ist, dass wir das in den Lügen erkennen. In den Bildern der gut gefüllten Bäckereien zum Beispiel, in denen Ceauşescu die Brote betatscht, den Paraden von Konserven, Gemüse, Fleisch, Eiern und Obst. In den Aufnahmen aus der Zeit nach dem Erdbeben 1977, die ein zerfallenes Bukarest zeigen und die Bagger und Schuttlaster, die hinter Ceauşescu auffahren, um eine neue Stadt mit geräumigen Wohnungen für die Arbeiter aufzubauen. Und wenn Ceauşescu zur Jagd fährt und aus dem Auto steigt, sind die Bären, ist der Hirsch schon da.
Es ist keine Demonantage - das wäre zu einfach
Manchmal stellt Ujica einfach den Ton ab. Dann sehen wir das Politbüro bei einer Sitzung oder Chruschtschow am Rand eines Treffens, als wären sie Gespenster, die sich zuprosten. Wir hören natürlich auch Ausschnitte der großen Reden vom Frieden, der Einheit der kommunistischen Internationale, davon, das Volk hinter der Partei zusammenzubringen, aber auch die Rede gegen den Einmarsch in die Tschechoslowakei. Wir sehen ihn zögern, wenn er mit Mao die Parade von dessen Untertanen abnimmt, weil er nicht weiß, ob er klatschen, lachen oder stillsitzen soll. Er wirkt unermüdlich, sein Redestil verändert sich, wird immer mehr zu einer Art Dirigat seiner eigenen Worte, und wenn er davon spricht, wie im neuen Fünfjahresplan sich die Entwicklung der einzelnen Sektoren hochschaukeln wird, macht er mit den Armen Bewegungen, als wolle er die Glocken läuten.
Und doch: Was in diesen Stunden in Anwesenheit von Ceauşescu und in Abwesenheit all seiner Verbrechen geschieht, ist keine Demontage. Das wäre zu einfach, wir wissen es längst. Es ist die Rekonstruktion eines historischen Zeichensystems, das dieser Mann (und von den achtziger Jahren an auch seine Frau) war und das lebendig war, nicht abstrakt. Das ist es, was hier ans Licht kommt, und es ist nicht schön und nicht lustig, obwohl man lachen muss, wenn Ceauşescu mal wieder eine Tomate befingert, sondern eine Wahrheit, die Andrei Ujica aus den Bildern der Lüge gefiltert hat.
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