05.08.2006 · Salut für einen echten Mann: John Huston drehte am liebsten dort, wo sich Elefanten schießen ließen. Vor hundert Jahren geboren, gilt er bis heute als einer der rebellischsten, vielfältigsten Regisseure.
Von Bert RebhandlIm Jahr 1952 hatte das Unternehmen Loew's, Inc., zu dem auch das Filmstudio Metro-Goldwyn-Mayer gehörte, 37991 Aktionäre. Hundertfünfzig von ihnen fanden sich zur Hauptversammlung ein, bei der ein Nettogewinn aus dem abgelaufenen Geschäftsjahr von 7,8 Millionen Dollar und eine Dividende von 1,50 Dollar pro Aktie bekanntgegeben wurden.
Am Rande kam die Rede auch auf den Film „The Red Badge of Courage", den John Huston während des Berichtszeitraums für MGM gedreht hatte. Die Produktion - nach einem Roman von Stephen Crane aus dem neunzehnten Jahrhundert über den amerikanischen Bürgerkrieg - war von Beginn an umstritten gewesen und wurde ein kommerzieller Fehlschlag. Die Aktionärin Mrs. Wentig ließ sich davon die Laune nicht verderben. Sie war stolz auf den Film. „It set good standards for the movie industry. I say do more of it."
Der Rebell von Hollywood
Die Anekdote ist in dem Buch „Picture" überliefert, in dem Lillian Ross, eine Reporterin vom „New Yorker", die gesamte Entstehung und Auswertung von „The Red Badge of Courage" mitgeschrieben und auf einen wunderbar lakonischen Chronistenton verdichtet hat. Sie wollte ganz einfach „herausfinden, was immer über die amerikanische Filmindustrie herauszufinden war".
Nebenbei ist „Picture" auch das Porträt eines großen Regisseurs: John Huston. Lillian Ross war von ihm sofort so beeindruckt, daß sie in seiner Persönlichkeit „das Rohmaterial seiner eigenen Kunst" sah. Was ihn an dem Roman „The Red Badge of Courage" interessiert hat, wird nie ganz klar. Huston hatte einen Sinn für männliche Bewährungsproben, er liebte es, fern von Hollywood zu arbeiten, und er hatte eine sehr pittoreske Auffassung vom Kino. Das trug ihm das Image eines Rebellen ein. Während er an „The Red Badge of Courage" arbeitete, versuchte sein Produzent Gottfried Reinhardt, ihm den Rücken freizuhalten, denn es war allgemein bekannt, daß Louis B. Mayer von dem Projekt nichts hielt.
Großaufnahme als Entblößung
Huston war ein eher untypischer Vertreter der amerikanischen Filmindustrie: Er sah sich als Künstler, lebte aber nach seinem Macho-Ethos. Schon in den dreißiger Jahren schrieb er Drehbücher, unter anderen für Raoul Walsh („High Sierra") und Howard Hawks („Sergeant York"). 1941 führte er zum ersten Mal selbst Regie. In „The Maltese Falcon" spielte neben Humphrey Bogart auch sein Vater Walter Huston mit. In „Key Largo" (1948) ist schön zu sehen, warum Manny Farber ihn den „Eisenstein des Bogart-Thrillers" genannt hat. Humphrey Bogart spielt einen Heimkehrer aus dem Zweiten Weltkrieg, der bei der Familie eines gefallenen Untergebenen in den Florida Keys auftaucht. Eine Gangsterbande hat sich in dem Hotel breitgemacht, die Atmosphäre ist angespannt. Jede Einstellung ist hier bis an den Rand mit Sinn aufgeladen, vollgestellt mit Figuren und grundsätzlich aus dem Lot.
Die visuelle Ökonomie des klassischen Hollywood-Kinos war dem Verehrer des Malers Modigliani zu einfach. Bei Huston war jede Großaufnahme eine Entblößung, jede Totale ein Menschenpark. Ihm ging es nicht um das epische Gleichmaß, mit dem John Ford sich durch die Mythologie der Vereinigten Staaten arbeitete, noch um die souveräne Gelassenheit, mit der Howard Hawks in seinen Komödien die Menschen aufeinander losließ. Huston war der erste flexible Regisseur im klassischen Hollywood-System, das sich im Verlauf seiner langen Karriere denn auch allmählich auflöste.
Gelassener Arbeitsstil
Zusammen mit dem Emigranten Sam Spiegel gründete er eine eigene Produktionsfirma. Am Set von „The Red Badge of Courage" läutete häufig das Telefon, denn Huston hatte damals schon ein Auge auf seinen nächsten Film geworfen: „The African Queen", mit Bogart und Katharine Hepburn auf der Flucht vor deutschen Kolonialschurken, war nicht nur ein typisches Männerabenteuer, wie Huston es liebte, sondern auch ein Schritt aus dem Studiosystem hinaus. Die berüchtigten Memos von MGM erreichten ihn hinter dem Äquator nicht mehr.
Huston setzte sich nie vollständig nach Europa ab, aber er deutete 1954 mit der Komödie „Beat the Devil" an, daß er sich ein frivoles Leben am Mittelmeer durchaus vorstellen konnte. Mit Bogart und Jennifer Jones (und einer kleinen Paraderolle für Peter Lorre) inszenierte er da ein heiteres Remake von „The Maltese Falcon", zu dem Truman Capote die Dialoge geschrieben hatte. Obwohl Huston das Schreiben nicht mochte (er war ungern allein), unterzog er sich dieser Aufgabe doch. Trotz seines gelassenen Arbeitsstils behielt er doch die Kontrolle über alle Details und bestand darauf, daß die Arbeitsteiligkeit der Filmproduktion beim Regisseur und nicht beim Produzenten aufhörte. Gleichzeitig waren die Dreharbeiten für ihn immer auch kleine Expeditionen, die er zum Fischen oder zu anderen Ablenkungen nutzen konnte.
Zu vielfältig für eine Schublade
Die Pferde, die am Ende von „The Misfits" zum Entsetzen von Roslyn (Marylin Monroe) niedergerungen werden, waren Hustons Lieblingstiere, wenn sie erst einmal in den Dienst des Menschen genommen worden waren. Er führte gern zu Pferd Regie und interessierte sich für Rennergebnisse mindestens so sehr wie für Drehbücher.
Für eine „Politik der Autoren" stellt sein Werk eine große Herausforderung dar. Es ist legendär vielfältig. Wo wäre ein gemeinsamer Nenner für „The Bible" und „Freud", für „The Barbarian and the Geisha" und „Moby Dick", für „The Kremlin Letter" und „Prizzi's Honor"? Huston bewegte sich von einem Film zum nächsten mit der Neugier eines Abenteurers. So gelang es ihm, der im alten Hollywood seine größten Erfolge gehabt hatte, auch noch zum New Hollywood seinen Beitrag zu leisten. Der Boxerfilm „Fat City" (mit Stacy Keach und Jeff Bridges) bringt all die verlorenen Illusionen, die in „The Misfits" noch durch die intellektuellen Dialoge von Arthur Miller verbrämt worden waren, auf einen Punkt baren Überlebens auf der Schattenseite des amerikanischen Traums.
Sein hartes Trinken setzte schließlich auch Hustons Gesundheit zu. Als er 1987 „The Dead" (nach James Joyce) herausbrachte, konnte er ohne Sauerstoffspender nirgendwo mehr hingehen. Am 28. August 1987 starb er in Rhode Island. In Erinnerung wird er als der kraftstrotzende Übermensch Noah Cross bleiben, den er für Roman Polanski in „Chinatown" spielte - ein Mann, der seine eigene letzte Instanz ist. Diese Position hat er auch Hollywood gegenüber eingenommen und dem System so einige außergewöhnliche Filme abgerungen. Daran wird man sich über seinen hundertsten Geburtstag am 5. August hinaus erinnern.