21.01.2004 · Zärtlich spielt Bernardo Bertolucci in „Die Träumer“ mit der Filmgeschichte - und sein leidenschaftliches Personal im Schaumbad der Gefühle aneinander herum. Es gibt kaum einen schöneren Film über die Liebe zum Kino.
Von Michael AlthenNach der Premiere beim vergangenen Festival in Venedig wurde wieder viel genörgelt, was Bertolucci alles falsch gemacht habe: Daß er die Achtundsechziger und damit seine eigene Vergangenheit verraten habe. Daß es seiner Cinephilie an Originalität mangele, weil sie auf zu nahe liegende Filme gerichtet sei. Daß er eben alt, bequem und versöhnlerisch geworden sei.
Wer vom eigenen Sektierertum absah, konnte jedoch erkennen, daß es kaum einen schöneren Film über die Liebe zum Kino gibt als "Die Träumer", es sei denn vielleicht Godards "Verachtung", Truffauts "Amerikanische Nacht" oder Tornatores "Cinema Paradiso". Das ist insofern kein Wunder, als den "Träumern" eine der schönsten Liebeserklärungen ans Kino zugrunde liegt, Gilbert Adairs Roman "The Holy Innocents", der die heilige Unschuld jener Zeit beschwört, da das Kino dem Filmverrückten noch Welt genug ist.
Rückzug ins Schneckenhaus der Liebe
Weil Bertoluccis Film aber im Pariser Frühling des Jahres 1968 spielt, ist diese Unschuld nicht nur bedroht, sondern am Ende auch hinfällig. Aber einen letzten Moment lang ziehen sich Bertoluccis Träumer zurück ins Schneckenhaus ihrer Liebe - bis der erste Stein der Mai-Unruhen durchs Fenster fliegt und der Ernst des Lebens nicht mehr zu leugnen ist. Bis dahin erinnert die Situation an Cocteaus "Schreckliche Kinder", drei junge Leute, eingesponnen in ihre Spielchen um Zuneigung, Begierde und Eifersucht, die sich vom Kino nähren und doch das Leben meinen und die so unschuldig tun und doch irgendwann aufs Ganze gehen.
So ein Film kann nur im Herzen der Cinephilie selbst beginnen, in der Pariser Cinémathèque, wo die Wurzeln der Nouvelle vague und all dessen liegen, was wir heute mit Filmleidenschaft identifizieren. Dort lernt der junge Amerikaner Matthew (Michael Pitt) das Geschwisterpaar Isa (Eva Green) und Theo (Louis Garrel) kennen, Filmverrückte wie er, die stets in den ersten Reihen sitzen, um den Bildern so nah wie möglich zu sein. Kino ist ihr Leben, und als Isa gefragt wird, woher sie komme, sagt sie, sie sei 1959 auf den Champs-Élysées geboren worden.
Wo der Zauber der Geschichte liegt
Wer nicht weiß, daß genau dort die Nouvelle vague begann, begreift es, als Isa beginnt, "New York Herald Tribune!" zu rufen, und wie ein Echo in einem Filmausschnitt Jean Seberg auftaucht, die 1959 in "Außer Atem" dasselbe rief, als sie mit Belmondo über die Champs-Élysées lief und die beiden alles verkörperten, was man sich von Paris erträumte. Ihre kurzen Haare, ihr wunderbarer Akzent, ihr bedrucktes Leibchen, sein lässiger Gang, seine direkte Art, seine Hände in den Hosentaschen, die Straßen, die Liebe und das zärtliche Grau des Pariser Himmels darüber. Und als wäre diese Verbeugung vor Godard noch nicht genug, laufen die drei synchron zu dessen "Außenseiterbande" durch den Louvre und versuchen den Rekord ihrer Vorbilder von 9 Minuten und 45 Sekunden zu brechen. Bertolucci gelingt es, mit ähnlichem Schwung durch die Filmgeschichte zu sausen.
Gerade im Umschlag von der nostalgischen Färbung des Films zum Schwarzweiß der Ausschnitte liegt der ganze Zauber dieser Geschichte, die nicht auf subtile Anspielungen setzt, sondern den direkten Weg zum Herzen nimmt. Wem da kein Schauer den Rücken hinunterläuft, dem ist nicht zu helfen - oder er hat einen guten Grund, all jene Filme nachzuholen, die hier zitiert werden. Die Erinnerung an sie ist der wahre Schauplatz dieses Films.
Auf die Probe gestellt
Nirgends wird das deutlicher als in jener Szene, in der Isa durch Matthews Zimmer streift und mit verträumtem Blick mal diesen, mal jenen Gegenstand anfaßt, um ihn dann zu fragen: "Wer in welchem Film?" Und als er ohne Zögern antwortet: "die Garbo in ,Königin Christina'!", sieht man Greta Garbo in jenem Film, als sie Abschied nimmt von dem Zimmer, in dem sie mit John Gilbert geschlafen hat. Einen Moment lang hat man den Eindruck, das Kino sei tatsächlich selbst ein Haus, durch dessen Zimmer man streichen und wo man die Erinnerungen in die Hand nehmen kann. Es ist, als würde die Leinwand wie ein Handschuh nach außen gestülpt und gäbe ihr Inneres frei: Augenblicke im Dunkel, deren Unschuld nie wieder so köstlich ist wie beim ersten Mal.
Weil die Eltern der Geschwister ans Meer fahren, hat das Trio die große Wohnung für sich, um seine Spielchen zu treiben und seine Leidenschaft auf die Probe zu stellen. Die drei tun das mit einer Hingabe, die alles wagt, weil sie den Preis nicht kennt, der irgendwann bezahlt werden muß. Immer wieder verfällt einer von ihnen unvermittelt in einen anderen Tonfall, und wenn die anderen beiden nicht sofort erkennen, welcher Film gerade nachgespielt, welcher Star nachgemacht und welche Szene gemeint ist, müssen sie eine besondere Aufgabe erfüllen.
So viel steht nicht mehr auf dem Spiel
So muß Theo einmal auf ein Foto von Marlene Dietrich onanieren - und man hofft, daß deren Erben das als Verbeugung vor ihrer ungebrochenen erotischen Anziehungskraft erkennen -, ein andermal muß Matthew mit Isa schlafen. Als sich herausstellt, daß es für beide das erste Mal war, wird klar, wie wenig diese Spiele auf Dauer geeignet sind, den Ernst des Lebens fernzuhalten, weil der Einsatz bald höher ist, als alle Unschuld decken kann. Irgendwann wird diesem Schaumbad der Gefühle das Wasser abgelassen.
Dreißig Jahre ist es jetzt her, daß Marlon Brando und Maria Schneider im "Letzten Tango" in der Camera obscura einer Pariser Wohnung die Welt ausblendeten und das wirkliche Leben auf einen Schemen an der Wand reduzierten. Insofern ist "Dreamers" auch ein Echo auf Bertoluccis eigenes Werk. Dreißig Jahre: Viel ist passiert, wenig hat sich geändert. Wieder wurde in Amerika über Schnitte diskutiert, aber natürlich schlagen die Wellen nicht mehr so hoch. Auch diese Erfahrung ist in dem Film gespiegelt, der Umstand, daß auch im Kino nicht mehr so viel auf dem Spiel steht wie einst im Pariser Frühling.
Verneigung des Verehrungswürdigen
Zu Beginn sieht man die Tumulte vor den Toren der Cinémathèque, als die Filmfreunde gegen die Entlassung des Kinemathek-Direktors Henri Langlois durch den Kulturminister André Malraux protestierten. Und auch hier wird die nachgestellte Szenerie gekontert mit den Originalaufnahmen von damals.
Da sieht man dann plötzlich den jungen Jean-Pierre Léaud, wie er Flugblätter verteilt, und im Umschnitt denselben Schauspieler in derselben Szene, wie er sich 35 Jahre später noch einmal selbst spielt. In der Selbstverständlichkeit, mit der Bertolucci den Mann von heute neben den von damals stellt und wie der gealterte Körper und das gezeichnete Gesicht auf einmal transparent werden für die Träume und Hoffnungen von einst, liegt die ganze Zärtlichkeit seines Blicks. Genau deshalb gelingt ihm ein aufrichtiger Schluß, bei dem die Geschwister in den Kampf ziehen, die Barrikaden in Flammen aufgehen und Edith Piaf singt: "Non, je ne regrette rien."
Das Schönste aber an "Die Träumer" ist, daß dieser Film, der so voller Demut vor dem Kino ist, von einem Mann gemacht wurde, vor dessen Filmen sich alle anderen mindestens genauso tief verbeugen müßten.