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Kino : Schreckliche Kinder: Yann Samuells "Liebe mich, wenn du dich traust"

  • -Aktualisiert am

Als die Mutproben noch harmlos sind: „Liebe mich, wenn du dich traust” Bild: Alamode

Kein psychologisches Vexierspiel, wie wir es im gehobenen Kino Frankreichs so schätzen: Yann Samuells Spielfilmdebüt zeigt ein total überdrehtes Leben wie im Zeitraffer. Ein Film über Mutproben der Liebe.

          Ein psychologisches Vexierspiel, wie wir es im gehobenen Kino Frankreichs so schätzen, ist dieser Film keinen Moment. Und doch wirkt er ganz schön vertrackt. Acht Jahre alt sind die Zentralfiguren Sophie und Julien, wenn sie das erste Mal auf den Zuschauer einstürmen. Und noch mit gut achtzig, im Altersheim, wollen sie von Greisenwürde nichts wissen und von ihren trotzigen Kinderstreichen nicht lassen.

          Ein total überdrehtes Leben wie im Zeitraffer, acht Jahrzehnte als ein unendlicher turbulenter Tag, das ist Yann Samuells Spielfilmdebüt (nach zwei Kurzfilmen) "Jeux d'enfants", das bei uns den zur Abwechslung einmal höchst triftigen Titel "Liebe mich, wenn du dich traust" bekommen hat.

          Im Namen der Dose

          Um Mutproben nämlich geht es ausschließlich - und je verwegener, desto besser. Eigentlich haben Julien aus dem noblen Villenviertel einer belgischen Stadt und Sophie, in sozial verdächtiger Betonschäbigkeit zu Hause, nichts gemein, außer daß sich beide früh gegen die Zumutungen des Lebens wehren müssen. Juliens schöne Mama ist gegen den Krebs nicht gefeit, der dem Achtjährigen die entscheidende Bezugsperson raubt. Und weil Sophies Nachnamen Kowalski lautet, wird sie fortdauernd gehänselt und als "Polackin" beschimpft. Einer ist keiner, zwei sind mehr als einer - nach diesem Motto seliger Grips-Theater-Zeiten verbünden sich zwei, deren rebellischer Sinn und Rabaukentum von einer anscheinend unerschöpflichen Phantasie gespeist wird.

          Als Pfand ihres Bundes und Mittel zum Zweck der gegenseitigen Herausforderung dient jene Spieldose, ein winziges Blechkarussell, das Julien von der sterbenden Mutter in die Hand gedrückt bekam. Immer wieder geht sie als sorgsam gehütetes Tauschobjekt von der Hand des einen in die der anderen und zurück, getreu der kindlichen Maxime "Geschenkt ist geschenkt, wiederholen will verdient sein".

          Das Spiel gerät außer Kontrolle

          Sind es zunächst auch allein Zucht und Respekt, von den Erwachsenen harsch eingefordert, wogegen Sophie und Julien den Aufstand suchen - dem Schuldirektor etwa pinkeln sie bei einer Standpauke vor den Schreibtisch, die Lehrerin bespritzen sie heftig mit Tinte -, so kann es doch nicht ausbleiben, daß die Aufsässigkeit sich irgendwann gegen die Verbündeten selbst wenden wird. Denn je vertrauter die zwei einander werden, nun nicht mehr acht, sondern achtzehn Jahre alt und dann in immer größeren Zeitsprüngen immer älter, desto mehr müssen Julien und Sophie, wenn ihre Teufelei noch funktionieren soll, sich verschanzen. Sie dürfen sich nicht erlauben, je wahrzuhaben, daß sie längst Liebesgefühlen erlegen sind.

          Wenn Julien von Sophie verlangt, sie solle bei der mündlichen Prüfung über ihren Kleidern Unterwäsche tragen, zielt die schockierende Tücke noch primär auf das Gremium. Doch wenn er ihr eine Spanne Zeit später stilvoll und nach allen Regeln des Anstands einen Heiratsantrag macht, nur um nach Sophies unversehens aufrichtigem Jawort die liebenswerte junge Frau mit seiner eigentlichen Verlobten Christelle zu düpieren, dann ist ein Grad gegenseitiger Verletzung erreicht, bei dem beide die Kontrolle über ihr "Spiel" verloren haben. Sophie nämlich, da zeigt Yann Samuell als sein eigener Drehbuchautor keine Gnade, zahlt Julien jede Volte durch eine noch schlimmere heim. Erst wenn die beiden ihre Gefühle in Beton zu gießen versuchen, erst wenn der Film sich endgültig ins Surreale katapultiert hat, ist Frieden vorstellbar - oder sollte auch der wieder gesprengt werden müssen?

          Bremsen nur im Notfall

          Die Spur der Verwüstung, die sich durch diesen jede Norm verrückenden Film zieht, ist außerordentlich, Samuells Fabulierlaune ohne Rücksicht auf Raum und Zeit und die Lust des Regisseurs an der Eskalation sind es ebenso. Die Eigengesetzlichkeit, mit der zwei Liebende ihre Empfindungen mutwillig einer immer verheerenderen Zerstörungswut aussetzen, mag nicht in jedem Augenblick einleuchten. Aber was der französische Regisseur vorführt, von den Darstellern Guillaume Canet und Marion Cotillard in allen Phasen der Selbstentäußerung prächtig unterstützt, beweist Szene um Szene, welche wunderbaren Kinoüberraschungen die Kraft der Anarchie gebären kann.

          Eine Zeitlang auf Vorort-Reihenhaus-Maß gestutzt, beklagt Julien sein plötzlich normiertes Leben, solcherart erwachsen zu sein bedeute, "daß man zwar zweihundertzehn fahren könnte, aber nur sechzig fährt". Yann Samuell hat stets mindestens hundertzwanzig drauf, und die Bremse benutzt er nur im äußersten Notfall.

          Ein psychologisches Vexierspiel, wie wir es im gehobenen Kino Frankreichs so schätzen, ist dieser Film keinen Moment. Und doch wirkt er ganz schön vertrackt. Acht Jahre alt sind die Zentralfiguren Sophie und Julien, wenn sie das erste Mal auf den Zuschauer einstürmen. Und noch mit gut achtzig, im Altersheim, wollen sie von Greisenwürde nichts wissen und von ihren trotzigen Kinderstreichen nicht lassen. Ein total überdrehtes Leben wie im Zeitraffer, acht Jahrzehnte als ein unendlicher turbulenter Tag, das ist Yann Samuells Spielfilmdebüt (nach zwei Kurzfilmen) "Jeux d'enfants", das bei uns den zur Abwechslung einmal höchst triftigen Titel "Liebe mich, wenn du dich traust" bekommen hat.

          Um Mutproben nämlich geht es ausschließlich - und je verwegener, desto besser. Eigentlich haben Julien aus dem noblen Villenviertel einer belgischen Stadt und Sophie, in sozial verdächtiger Betonschäbigkeit zu Hause, nichts gemein, außer daß sich beide früh gegen die Zumutungen des Lebens wehren müssen. Juliens schöne Mama ist gegen den Krebs nicht gefeit, der dem Achtjährigen die entscheidende Bezugsperson raubt. Und weil Sophies Nachnamen Kowalski lautet, wird sie fortdauernd gehänselt und als "Polackin" beschimpft. Einer ist keiner, zwei sind mehr als einer - nach diesem Motto seliger Grips-Theater-Zeiten verbünden sich zwei, deren rebellischer Sinn und Rabaukentum von einer anscheinend unerschöpflichen Phantasie gespeist wird. Als Pfand ihres Bundes und Mittel zum Zweck der gegenseitigen Herausforderung dient jene Spieldose, ein winziges Blechkarussell, das Julien von der sterbenden Mutter in die Hand gedrückt bekam. Immer wieder geht sie als sorgsam gehütetes Tauschobjekt von der Hand des einen in die der anderen und zurück, getreu der kindlichen Maxime "Geschenkt ist geschenkt, wiederholen will verdient sein".

          Sind es zunächst auch allein Zucht und Respekt, von den Erwachsenen harsch eingefordert, wogegen Sophie und Julien den Aufstand suchen - dem Schuldirektor etwa pinkeln sie bei einer Standpauke vor den Schreibtisch, die Lehrerin bespritzen sie heftig mit Tinte -, so kann es doch nicht ausbleiben, daß die Aufsässigkeit sich irgendwann gegen die Verbündeten selbst wenden wird. Denn je vertrauter die zwei einander werden, nun nicht mehr acht, sondern achtzehn Jahre alt und dann in immer größeren Zeitsprüngen immer älter, desto mehr müssen Julien und Sophie, wenn ihre Teufelei noch funktionieren soll, sich verschanzen. Sie dürfen sich nicht erlauben, je wahrzuhaben, daß sie längst Liebesgefühlen erlegen sind. Wenn Julien von Sophie verlangt, sie solle bei der mündlichen Prüfung über ihren Kleidern Unterwäsche tragen, zielt die schockierende Tücke noch primär auf das Gremium. Doch wenn er ihr eine Spanne Zeit später stilvoll und nach allen Regeln des Anstands einen Heiratsantrag macht, nur um nach Sophies unversehens aufrichtigem Jawort die liebenswerte junge Frau mit seiner eigentlichen Verlobten Christelle zu düpieren, dann ist ein Grad gegenseitiger Verletzung erreicht, bei dem beide die Kontrolle über ihr "Spiel" verloren haben. Sophie nämlich, da zeigt Yann Samuell als sein eigener Drehbuchautor keine Gnade, zahlt Julien jede Volte durch eine noch schlimmere heim. Erst wenn die beiden ihre Gefühle in Beton zu gießen versuchen, erst wenn der Film sich endgültig ins Surreale katapultiert hat, ist Frieden vorstellbar - oder sollte auch der wieder gesprengt werden müssen?

          Die Spur der Verwüstung, die sich durch diesen jede Norm verrückenden Film zieht, ist außerordentlich, Samuells Fabulierlaune ohne Rücksicht auf Raum und Zeit und die Lust des Regisseurs an der Eskalation sind es ebenso. Die Eigengesetzlichkeit, mit der zwei Liebende ihre Empfindungen mutwillig einer immer verheerenderen Zerstörungswut aussetzen, mag nicht in jedem Augenblick einleuchten. Aber was der französische Regisseur vorführt, von den Darstellern Guillaume Canet und Marion Cotillard in allen Phasen der Selbstentäußerung prächtig unterstützt, beweist Szene um Szene, welche wunderbaren Kinoüberraschungen die Kraft der Anarchie gebären kann.

          Eine Zeitlang auf Vorort-Reihenhaus-Maß gestutzt, beklagt Julien sein plötzlich normiertes Leben, solcherart erwachsen zu sein bedeute, "daß man zwar zweihundertzehn fahren könnte, aber nur sechzig fährt". Yann Samuell hat stets mindestens hundertzwanzig drauf, und die Bremse benutzt er nur im äußersten Notfall.

          HANS-DIETER SEIDEL

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