26.11.2003 · Ein Königreich für ein Schiff: Peter Weirs „Master and Commander - Bis ans Ende der Welt“ mit Russell Crowe ist ein reiner Jungsfilm - und trotzdem großartig. Vieles ist digital in diesem Film, dem man dennoch jedes Bild glaubt.
Von Andreas KilbDie digitale Revolution, die unserem Alltag zum größten Teil noch bevorsteht, hat im Kino längst stattgefunden. Das Bild, das wir auf der Leinwand sehen, ist in vielen Filmen keine fotografische Aufnahme realer Menschen und Schauplätze mehr, sondern eine Synthese aus computergenerierten und "wirklichen", am Set aufgenommenen Bildbestandteilen, eine visuelle Komposition.
Wie kunstvoll und elegant aber solche Bildsynthesen auch sein mögen, für den Laien bleiben sie meist undurchschaubar, denn der höchste Ehrgeiz der neuen Kinoingenieure liegt gerade darin, die Spuren ihrer Arbeit auszulöschen. Als vor vier Jahren der erste zum Großteil am Computer erzeugte Realspielfilm, George Lucas' "Krieg der Sterne: Die dunkle Bedrohung", herauskam, war es noch ziemlich einfach, fotografische und digitale Elemente darin zu unterscheiden. Inzwischen kann man nicht einmal mehr sicher sein, daß das Segelschiff, das vor unseren Augen über die Leinwand zieht, wirklich existiert.
Tödliches Ballett
Peter Weirs Film "Master and Commander" erzählt die Geschichte eines Segelschiffs. Es ist das Frühjahr 1805, und der Dreimaster "Surprise", eine Fregatte mit 28 Kanonen und 197 Mann Besatzung, liegt in den Gewässern vor Brasilien auf der Lauer, um ein französisches Kriegsschiff abzufangen, das den Westindienhandel stören will. Angestrengt starren die wachhabenden Offiziere in den Küstennebel, der eine dunkle Silhouette zu verbergen scheint. Plötzlich blitzt es in der Nebelwand auf, man hört ein Zischen und Pfeifen, und im nächsten Augenblick fegen Kanonenkugeln über das Deck der "Surprise". Das gegnerische Schiff taucht aus dem Dunst wie ein Raubvogel, Kommandos werden gebrüllt, dann beginnen die hölzernen Ungetüme ihr tödliches Ballett. Der Franzose, die Fregatte "Acheron", ist schneller und stärker bewaffnet als die "Surprise", deren Breitseiten ins Leere gehen. Nachdem eine Kugel das Ruder seines Schiffes zertrümmert hat, befiehlt der englische Kapitän, die manövrierunfähige "Surprise" in die nächste Nebelbank zu schleppen. Hektisch werden Boote zu Wasser gelassen, die Ruder klatschen, endlich schließt sich die weiße Brühe über dem angeschlagenen Schiff. Still liegt wieder das Meer.
Nichts von dem, was hier zu sehen ist, hat wirklich stattgefunden. Keine Kanonenkugel ist geflogen, keine Breitseite wurde abgefeuert, und die Schiffe, die einander mit geblähten Segeln jagen, waren Modelle in einem Pool. Selbst die Segel der "Surprise", deren Filmdouble in einem Wassertank an der mexikanischen Pazifikküste vor Anker lag, sind nicht ganz echt, ihre vorderen Mastspitzen und Teile der Takelage wurden im Computer erzeugt. So wie die Salven aus Zwölf- und Achtzehnpfündern, die Nebelbänke, die Blitze des Mündungsfeuers. Nichts von alledem ist "real", und dennoch glaubt man jedes Bild. Das ist nicht das Wunder der digitalen Technologie, es ist das Wunder dieses Films.
Immer neue Variationen
Denn Peter Weir hat sich nicht auf die Computer verlassen. Er hat sich auf die Geschichte verlassen. Eine Geschichte von Menschen in einer fremden und feindlichen Umgebung, zusammengeschweißt durch äußeren, bedroht durch inneren Druck, wie sie Weir schon viele Male in immer neuen Variationen erzählt hat. Die Klassenausflügler in "Picknick am Valentinstag" (1975), die australischen Soldaten in "Gallipoli" (1981), die Amish in "Der einzige Zeuge" (1985), die Internatsschüler und ihr Lehrer in "Club der toten Dichter" (1989) - sie sind das, was Weir am Kino interessiert: kleine Gruppen von Individuen, die gegen ihre Umwelt, gegen widrige Umstände und gesetzliche Autoritäten um ihr Glück, ihr Überleben oder auch bloß ihr Anderssein kämpfen.
In "Master and Commander" ist dieses Muster von Anfang an evident: 197 Mann, 28 Kanonen, ringsum das weite Meer. In heimischen Gewässern, als Bestandteil jener Flotte, die binnen kurzem unter Nelson bei Trafalgar die französische Seemacht vernichten wird, wäre die Besatzung der "Surprise" eine Schiffsmannschaft unter vielen. In den tropischen Gewässern, in denen sie bei Weir kreuzt, ist sie eine Schicksalsgemeinschaft: die Menschheit in einer Nußschale. Der schwarze Freitag dieses Kollektivs kommt nicht im Kampf gegen die "Acheron", sondern in einem Sturm vor Kap Hoorn, als ein Matrose mit einem Stück des Mittelmasts über Bord gespült wird. Das abgebrochene Segel droht das Schiff zum Kentern zu bringen. Aber der Kapitän zögert lange, bevor er den Befehl gibt, die Taue durchzuschneiden, an die der Ertrinkende sich klammert. Es ist der Augenblick, in dem Weirs Film seine Karten auf den Tisch legt: Menschheit oder Menschlichkeit? Weir entscheidet sich, wie fast immer, für die Gruppe und gegen den einzelnen, aber er schenkt dem Mann, der zurückbleibt, einen langen Abschiedsblick. Es ist der Blick von Jack Aubrey, dem master and commander der "Surprise".
Anker in der Realität
Aubrey ist Russell Crowe, und wer mit Crowe durch die Sophismen von "A Beautiful Mind" und die Latinismen des "Gladiator" gesegelt ist, wird ihm bei Weir nichts abschlagen können. Als stoppelbärtiger Kämpe wirkt Crowe zwar nicht wirklich britisch, aber immer noch unamerikanisch genug, um die Soldaten- und Piraten-Karikaturen in Gore Verbinskis "Fluch der Karibik" blaß aussehen zu lassen. Wo es Verbinski trotz Johnny Depp und digitalem Trickfeuerwerk nicht gelang, die Räuberpistole, die er erzählte, halbwegs glaubhaft aussehen zu lassen, da wirft Weir mit Crowes Raufkopf Anker in der Realität.
Dieser Mann ist wie sein Schiff, und wie die "Surprise" hat auch er eine verborgene Seite, über die sein Freund Maturin (Paul Bettany), der Schiffsarzt, mit dem Aubrey in der Kapitänskajüte Streicherduette spielt, besser Bescheid weiß als der Rest der Crew. Es ist Maturin, wegen dessen Verletzung der Kapitän seine transozeanische Jagd nach der "Acheron", an der er die Schmach des ersten Überraschungsangriffs rächen will, bei den Galapagos-Inseln unterbricht; und es ist der Arzt, der dort bei einem Landspaziergang, auf der Suche nach Beutestücken für seine naturkundliche Sammlung, sowohl die gegnerische Fregatte entdeckt als auch das Mittel, sie zu besiegen. Die Tierwelt kennt Insekten, die sich als Blätter verkleiden, und so wird sich auch die "Surprise" eine Maske überziehen, um die "Acheron" in ihrem Netz zu fangen.
Den amerikanischen Kritikern des Films ist aufgefallen, daß es in "Master and Commander" keine Frauen zu sehen gibt, und einer hat sogar Churchill zitiert, nach dessen Ausspruch die britische Seemacht auf "Rum, Sodomie und die Peitsche" gebaut war. Tatsächlich ist dieser Film ein reiner Jungsfilm, und es hilft auch nichts, darauf hinzuweisen, daß auch Damen und Mädchen an den Echsen, Vögeln und Käfern auf Galapagos ihre Freude haben könnten. Patrick O'Brian, ein ehemaliger Agent des englischen Geheimdienstes, hat auf seinem südfranzösischen Ruhesitz die beiden Romane verfaßt, aus denen Peter Weir das Drehbuch für seinen Film kompilierte, und wenn es bei O'Brian noch irgendwelche Hinweise auf ein Leben vor der Seefahrerei, auf landgestützte Affären und Amouren gab, dann hat Weir sie getilgt. "Master and Commander" ist ein Film wie ein Strich, ein einziger Rausch aus Wind, Wasser und Bewegung. Ein gut Teil dieses Rausches ist digitaler Natur, aber wir haben es nicht gespürt. So hat die Technik ihren Zweck erfüllt.