01.09.2004 · Die Firma, die Woody Allens neuen Film in Amerika verleiht, hat den Namen des Regisseurs lieber verschwiegen. Dabei tritt der Meister von Manhatten nur als Nebenfigur auf: als Einflüsterer seines Helden.
Von Andreas KilbDie Firma Dreamworks, die "Anything Else" in Nordamerika verleiht, hat sich einige Mühe gegeben zu vertuschen, daß es sich um einen Film von Woody Allen handelt. In den Fernsehspots ist Allen kurz als Darsteller zu sehen, während die Tatsache, daß er auch Regie geführt hat, nicht erwähnt wird. Und auf den Plakaten und Zeitungsanzeigen fehlt sein Name ganz.
Es gehe darum, erklärt ein Branchen-Insider, "die Marktbasis des Films zu verbreitern", während DreamWorks bekanntgibt, daß mit "Anything Else" die Zusammenarbeit zwischen der Firma und Woody Allen ende. Ist das die Rache der Filmindustrie? Oder nur ein besonders gelungener, besonders masochistischer Woody-Allen-Gag?
Nicht an vorderster Stelle
Fest steht, daß auch Woody Allen selbst in "Anything Else" nicht an vorderster Stelle auftaucht. Zwar rollt am Anfang des Films wie gewohnt der schwarzweiße Vorspann zu dezent verrauschter Vierziger-Jahre-Jazzmusik über die Leinwand, aber danach ist erst einmal nur Jerry Falk (Jason Biggs) zu sehen, ein junger, erfolgloser New Yorker Gagschreiber, der mit gutgelaunter Miene (ganz anders als seine Vorgänger in Woody Allens "Manhattan" und "Annie Hall") von seinem privaten und beruflichen Unglück berichtet. Jerrys Freundin ist eine Zicke, Jerrys Agent ein Versager - aber zum Glück gibt es ja noch David Dobel. Wer ist David Dobel?
David Dobel ist Woody Allen. Eigentlich könnte er auch Val Waxman oder Larry Lipton heißen, so wie die Hauptfiguren aus anderen Woody-Allen-Filmen der vergangenen Jahre. Aber erstens klingt "David Dobel" noch ein wenig verliererhafter, und zweitens ist Dobel in "Anything Else" nicht die Hauptfigur. Sondern nur ihr Begleiter. Die ältere Ausgabe des erfolglosen Gagschreibers. Der beste Freund des Helden. Der Mann am Rand.
Er stellt sich unscharf
Vor sieben Jahren, in "Deconstructing Harry", wurde Woody Allen alias Harry Block vor der Filmkamera plötzlich unscharf, diesmal hat er sich selbst unscharf gestellt. "Anything Else" ist ein Woody-Allen-Film mit Allen als Nebendarsteller. In "Hannah und ihre Schwestern" hat das großartig funktioniert, warum also sollte es nicht wieder gelingen? Aber dann geht es beinahe schief.
Und das liegt an Jerry Falk. Jerry, dessen Darsteller Jason Biggs durch die Filme der "American-Pie"-Serie zu bestürzender Berühmtheit gelangt ist, verkörpert das genaue Gegenteil eines Woody-Allen-Helden: den Versager als fröhlichen Stoiker. Seine Freundin Amanda (Christina Ricci) hat seit sechs Monaten nicht mit ihm geschlafen, sein Agent Harvey (Danny DeVito) seit Jahren keinen lukrativen Auftrag mehr für ihn an Land gezogen. Aber Jerry beklagt sich nicht. Er heult nicht auf, wenn das Leben ihm die kalte Schulter zeigt, er bekommt kein Ohrensausen, keinen Hautausschlag, keine Amokläuferphantasien. In der Welt des Woody Allen ist Jerry Falk so etwas wie eine utopische Figur: der Mann, den kein Elend umhauen kann, der heilige Jeremias von Manhattan.
Ein Konstrukt
Zugleich aber ist Jerry, wie alle idealen Typen, eine reine Drehbuchidee, ein Konstrukt. Als er und Amanda sich kennenlernen, stellen sie fest, daß sie eine gemeinsame Schwäche für Dostojewski, Humphrey Bogart und Billie Holiday haben, ein Persönlichkeitsprofil, das den Woody-Allen-Figuren der siebziger Jahre wie angegossen paßte, aber für zwei Hollywoodstars wie Jason Biggs und Christina Ricci einfach ein paar Nummern zu groß ist. Besonders Biggs hat mit Allens Universum offensichtlich nichts am Hut, er läuft durch den Film, als wollte er Tom Cruise in "Eyes Wide Shut" imitieren, ganz Auge und ganz Ohr, ohne irgend etwas zu sehen oder zu hören.
Da trifft es sich gut, daß David Dobel, der Highschoollehrer und Low-Budget-Komiker aus New Jersey, immer dann zur Stelle ist, wenn Jerry wieder einmal abheben will. Ausgerechnet Woody Allen stellt in dieser Geschichte die Bodenhaftung her, er flüstert Jerry zu, daß Amanda ihn betrügt, und erzählt ihm von einem Drehbuchschreiberjob in Hollywood, wo für junge Talente die Stechpalmen immer noch in den Himmel wachsen. Was Jerry Falk zuwenig hat, davon hat Dobel zuviel: Erfahrung, neurotische Militanz - vor lauter Fürsorge kauft er seinem Schützling ein Sturmgewehr - und rücksichtslose Klugheit. Es ist, als wollte der Autor Allen aus zwei Schieflagen ein dramaturgisches Gleichgewicht schaffen.
Alleingelassene Frau
Allein die männermordende Amanda wirkt wie eine alte Bekannte - nur daß sie, anders als Helen Hunt im "Fluch des Jade-Skorpions" oder Mira Sorvino in "Mighty Aphrodite", mit ihrer erotischen Energie ziemlich alleingelassen wird. "Anything Else" bleibt eine Sache unter Männern, die folgerichtig mit der Abreise unseres Helden nach Los Angeles endet, der Stadt, die seine Träume erfüllen wird. Das sei "like anything else in life", wie alles andere im Leben auch, sagt der Taxifahrer, dem Jerry seine Geschichte erzählt. Daher der Titel.
Die amerikanischen Kritiker, die an Woody Allens Filmen zuletzt kein gutes Haar ließen, haben "Anything Else" auf zweierlei Weise gelesen, teils als Symptom eines künstlerischen Abstiegs, teils als Beginn eines Comebacks. Den Allen-Fans kann das gleichgültig sein. Inzwischen hat der Meister schon wieder einen Film abgedreht ("Melinda and Melinda"), ein weiterer ist in Vorbereitung. Die Industrie mag seinen Namen verschweigen, verstecken läßt er sich nicht.