18.08.2006 · An der wunderschönen Bilderflut des Films „The Piano Tuner of Earthquakes“ kann man sich kaum satt sehen. Doch die Geschichte ist konfus: Alles geschieht und geschieht doch wieder nicht.
Von Verena LuekenWas in dem Film „The Piano Tuner of Earthquakes“ (dessen Titel der deutsche Verleiher unübersetzt gelassen hat, obwohl er auf deutsch nicht rätselhafter als auf englisch ist) das Handlungsgerüst bildet, läßt sich relativ einfach schildern: Ein Opernliebhaber, der sich um seine Karriere als Opernregisseur geprellt sieht, baut sich im Wald sein eigenes Opernhaus und dazu jede Menge Automaten, die Musik machen. Dieser Mann heißt Dr. Droz und wird gespielt von Gottfried John. Sein von der Welt abgeschiedenes Anwesen erinnert in seiner bedrohlichen Atmosphäre mehr als ein bißchen an „Die Insel des Dr. Moreau“. Dr. Droz also hält eine Sängerin gefangen, der er verspricht oder auch droht: „Du wirst für immer singen.“ Er plant die große Aufführung einer „diabolischen Oper“, deshalb ruft er einen Klavierstimmer (Cesar Sarachu), der seine halb künstlichen, halb organischen Musikapparate stimmen soll. Doch dieser verliebt sich in die Sängerin.
Alles, was aus einer solchen Geschichte werden könnte, geschieht in dem Film der Brüder Timothy und Stephen Quayle und geschieht auch wieder nicht, weil wir nicht unterscheiden können, was geträumt oder aus der Erinnerung gekramt wird und was tatsächlich stattfindet. Darüber wird, wer die Arbeit des Zwillingspaares kennt, ihre Werbe- und Kurzfilme und ihren einzigen anderen langen Spielfilm, „Institute Benjamenta“ von 1995, nicht erstaunt sein. Die Quayles kümmern sich nicht besonders um Handlung und Figuren (sonst hätten sie ihr lausiges Drehbuch einigen Revisionen unterzogen), sondern um die visuelle Sogkraft ihrer Bilder, die märchen- oder albtraumhafte Ausstattung ihrer Schauplätze, die elaborierte Mechanik der Automaten, denen ihre besondere Leidenschaft gilt.
Phantasieberstende Bilder
Das Geschehen spielt in einer Phantasiewelt, in der einige Dekorteile ins achtzehnte Jahrhundert verweisen, andere ins neunzehnte. Die Opernsängerin Malvina van Stille, die Amira Casar mit großer Überzeugungskraft singt und spielt, wird auf der Bühne ermordet, und zwar von Dr. Droz, der sie sodann auf seine Güter verschleppt und wiederbelebt. Eine Haushälterin tritt auf und spielt eine undurchschaubare Rolle, während sie Sätze sagt wie „Ich bin der Wald inmitten des Waldes“. In sagenhaften Bildern voller Schönheit, Schrecken und Ekel entgleiten die Figuren unserem Verständnis immer mehr. In kleinen Vignetten aber, dem Ballett der Gärtner etwa oder den animierten Sequenzen, überkommt einen im Kino auch immer wieder eine große kindliche Freude - an anderen Stellen aber auch das Gefühl, daß man nicht ganz verstanden hat, worum es eigentlich geht. Eine Folge phantasieberstender Bilder ergibt noch keinen Film. Aber da wir in zu vielen Filmen ganz ohne sie leben müssen, können wir einmal auch mit ihnen allein sein.