10.03.2005 · Werner Herzogs neuer Film machte den Anfang: In deutschen Kinos erleben Filme ihre Uraufführung, die digital projiziert werden - ohne eine Filmkopie, nur unter Zugrundelegung eines elektronischen Signals.
Von Bert RebhandlHinter dem Wasserfall im Dschungel von Guayana liegt das Reich der Mauersegler. Kein Mensch hat bisher einen Blick in diese Höhle geworfen. Nur die Vogelschwärme verschwinden immer wieder im Dunkel.
Die Mythen der einheimischen Bevölkerung wissen, daß ein früherer Kulturheros da drinnen lebt. Kein Mensch soll seine Zuflucht stören. Auch nicht Werner Herzog, der für seinen neuesten Film in diese schwer zugängliche Gegend gereist ist. „The White Diamond“ dokumentiert ein Flugexperiment, auf das ein britischer Ingenieur viele Jahre hingearbeitet hat. Mit einem Heliumballon will er über die Kaieteur-Kaskade schweben, ohne von den Fallwinden in den Abgrund gerissen zu werden.
Die Erfahrung von „Fitzcarraldo“ kehrt in verwandelter Form zurück: Nun geht es nicht mehr darum, ein Schiff über einen Berg zu ziehen, um es dann wieder zu Wasser zu lassen. Graham Dorrington hat ein Luftschiff entwickelt. Er überwindet die natürlichen Hindernisse als Ingenieur.
Am Anfang ein Schicksalsschlag
Werner Herzog wäre an diesem Versuch vielleicht weniger interessiert, wenn ihm nicht ein Schicksalsschlag zugrunde liegen würde, der ihn an seinen eigenen Pioniergeist (und seine Dschungelerfahrungen) erinnert. Vor Jahren hatte Dorrington schon einmal einen Versuch gewagt. Auf Sumatra stieg der deutsche Kameramann Dieter Plage in einen Prototyp, der außer Kontrolle geriet.
Das Drama von damals enthüllt sich in „The White Diamond“ ganz allmählich - als Prätext für das neue Wagnis, das dadurch auch eine therapeutische Ebene bekommt. Nach einigen Feinjustierungen erweist sich das Luftschiff als steuerbar. Natürlich steigt Herzog auch selbst ein. Er vertraut der Technik. Als Filmemacher aber schwört er auf einen alten Apparat: „In celluloid we trust“, ruft er halb ironisch aus, bevor es in die Luft geht. Er führt eine altmodische Kamera mit sich, die noch mit Filmmaterial läuft, während „The White Diamond“ überwiegend mit Videokameras gedreht ist.
Uraufführung ohne Filmkopie
An diesem Mittwoch erlebte der Film eine neuartige Premiere. In 65 Programmkinos in Deutschland wurde er digital projiziert, also ohne eine Filmkopie, sondern unter Zugrundelegung eines elektronischen Signals. In den kommenden Wochen soll jeweils am Mittwoch synchron in zahlreichen deutschen Kinos ein weiterer Dokumentarfilm gezeigt werden - ein technischer Begriff für diese Form der Präsentation, die weder im eigentlichen Sinn Projektion ist noch eine Ausstrahlung wie beim Fernsehen.
Mit dem Beamen digitalisierter Filme, wie man es aus Universitätshörsälen und Wohnzimmern kennt, hat dieses Projekt auch nichts zu tun - bei der Pressevorführung in Berlin war die Bildqualität ausgezeichnet. Eigentlich stand eine technologische Initiative dieser Art von den großen amerikanischen Verleihfirmen zu erwarten. Brüssel war anscheinend schneller. Unter dem Titel „Delicatessen“ (www.delicatessen.org) hat diese Initiative der digitalen Verbreitung von Filmen, die nicht gerade Mainstream sind, auch eine europäische Dimension. Das Media-Programm der EU und weitere Subventionsgeber wurden dafür gewonnen.
Geschichte des spanischen Bürgerkriegs
In den nächsten Wochen gibt es Filme über Bulgarien („Georgi and the Butterflies“ von Andrey Paounov) und Tschetschenien („The 3 Rooms of Melancholia“ von Pirjo Honkasalo) zu sehen. Von besonderem Interesse ist „El Perro Negro“ von Peter Forgacs, eine Geschichte des spanischen Bürgerkriegs, die ausschließlich aus historischem Material besteht. Anders als in der heute geläufigen Form der Fernseh-„History“ beläßt der Ungar Forgacs aber die überwiegend privaten Filmaufnahmen so, daß sie nicht einfach zu visuellen „Beweisen“ für eine vorformulierte Erzählung werden. Er findet seine Geschichte vielmehr erst in den Aufnahmen.
Mit „Maelstrom“ hat er dieses Verfahren am Beispiel einer niederländisch-jüdischen Familie vor dem Krieg erprobt. In „El Perro Negro“ geht Forgacs von den Aufnahmen aus, die zwei Amateurfilmer hinterlassen haben, die jeweils in den spanischen Bürgerkrieg verstrickt wurden. Vater und Sohn Salvanas leben großbürgerlich auf dem Land, man spielt Polo, die Damen lächeln selbstbewußt in die Kamera. Der Student Francisco Norriega beobachtet die sozialen Spannungen in Madrid. Auch er führt immer eine Kamera mit sich und dreht, wenn sich die Lage zuspitzt.
Eingebunden ins private Leben
Der Bürgerkrieg wird dadurch in eine Geschichte des privaten Lebens zurückgebunden. Die Männer der Familie Salvanas wurden von Anarchisten getötet, ihre Aufnahmen wurden jedoch überliefert und bilden nun das Zentrum von „El Perro Negro“. Weil das Material, von dem Forgacs nach Möglichkeit ausgeht, ursprünglich privat war, unterscheiden sich diese Bilder wesentlich von der visuellen Überlieferung des Nationalsozialismus, die fast durchweg propagandistisch geprägt ist.
„Das Goebbels-Experiment“ von Lutz Hachmeister und Michael Kloft, ebenfalls in der Reihe „Delicatessen“ vertreten, verdeutlicht die Ähnlichkeit und die Unterschiede der Strategien sehr interessant. Das Zelluloid, auf das Werner Herzog so emphatisch „vertraut“, erweist sich selbst als Projektionsfläche.