24.10.2005 · Zwei ungleiche Typen, eine Frau und eine Leiche, die sie nicht mehr loswerden: Shane Blacks Film „Kiss Kiss, Bang Bang“ macht mindestens so viel Spaß, wie der Titel verheißt.
Von Michael AlthenGodard hat mal gesagt, alles, was man für einen Film brauche, sei ein hübsches Mädchen und eine Knarre. Wenn es einen Ort gibt, an dem man die Anziehungskraft des Kinos noch knapper fassen kann, dann ist es natürlich Hollywood, wo die Formel einfach nur noch lautet: „Kiss Kiss, Bang Bang“.
Der Spruch stammt eigentlich von der New Yorker Filmkritikerin Pauline Kael, die ihre erste Essay-Sammlung so nannte und die ihn wiederum auf einem italienischen Filmplakat gesehen haben will. In ihrer unvergleichlichen Art schrieb sie, er verkörpere in aller Kürze die Attraktion des Kinos - aber auch die Verzweiflung, „wenn man anfängt zu begreifen, wie selten Filme mehr als das zu bieten haben“. Auch das ist Hollywood: Die besten Ideen kommen immer woanders her.
Neuer, ironischer Tonfall
Hollywood, das ist aber auch eine Figur wie Shane Black, der 1987 mit „Lethal Weapon“ dem Actionfilm einen neuen, ironischeren Tonfall verpaßte und noch keine dreißig war, als er für sein Drehbuch zu „Last Boy Scout“ eindreiviertel Millionen Dollar einstrich. Anfang der neunziger Jahre stellte er mit seinem Kollegen Joe Eszterhas neue Gagenrekorde für Drehbuchautoren auf - und mußte nach dem Flop von „Long Kiss Goodnight“ (1996) trotzdem die Erfahrung machen, daß seine Bücher plötzlich ungelesen abgelehnt wurden. Als er „Kiss Kiss, Bang Bang“ geschrieben hatte, erinnerte sich „Lethal Weapon“-Produzent Joel Silver an gemeinsame Erfolge und ließ Shane Black zum ersten Mal sogar Regie führen. Der Film hat nur fünfzehn Millionen Dollar gekostet, eine Summe, die der Regiedebütant mit seinen Gagen als Drehbuchautor sogar allein hätte bestreiten können.
Überraschenderweise macht „Kiss Kiss, Bang Bang“ tatsächlich mindestens so viel Spaß, wie der Titel verheißt. Das liegt daran, daß Shane Black zum einen tatsächlich sein Handwerk versteht, aber andererseits auch in der Lage ist, es auf die Schippe zu nehmen - wobei seit Quentin Tarantino und Charlie Kaufman beides ohnehin untrennbar miteinander verbunden scheint. Black erzählt also nicht einfach nur die Geschichte zweier ungleicher Typen und einer Frau, die über eine Leiche stolpern, die sie einfach nicht mehr loswerden, sondern macht das Erzählen selbst zum Gegenstand. Sein Held Harry (Robert Downey jr.) steht also am Pool einer Hollywood-Party und sinniert aus dem Off über seine unglückliche Rolle bei dem Ereignis, um dann zu erzählen, wie er dort gelandet ist. Eigentlich ist er ein New Yorker Dieb, der auf der Flucht vor der Polizei völlig außer Atem bei einem Vorsprechen landete und dabei so glaubhaft in Panik war, daß man ihn zu Testaufnahmen nach Los Angeles eingeladen hat.
So ist es nun mal
Black benutzt die Rückblenden jedoch nicht, weil es die Logik der Geschichte erfordern würde, sondern um das filmische Erzählen in seine Bestandteile zu zerlegen. Mitunter hält der Erzähler das Bild an, um eine seiner Geschichten zu korrigieren, und als am Ende ein Totgeglaubter wiederauftaucht, sagt er sogar, er könne es eigentlich auch nicht leiden, wenn so etwas in Filmen passiere, aber so sei es nun einmal. Und um die Destruktion vollständig zu machen, tauchen im nächsten Moment fröhlich ein paar der Leichen aus dem Film auf, unter die sich auch noch Abraham Lincoln und Elvis mischen. Man könnte sagen, daß diese Art postmoderner Ironie auch nicht abendfüllend ist, aber Black treibt nicht nur lustvoll alle Konventionen von Film Noir und Pulp Fiction auf die Spitze, sondern findet auch noch einen Tonfall, mit dem es ihm gelingt, die Dinge gleichzeitig ernst zu nehmen und sich über sie lustig zu machen.
Das verdankt er zu einem guten Teil seinen Hauptdarstellern Robert Downey, der hier nach einigen schlimmen Jahren auf dem Gipfel seiner Fähigkeiten ist, und Val Kilmer, der immer wieder unterschätzt wird, sowie Michelle Monaghan, die den beiden Paroli bietet. Und auch wenn es womöglich nicht schwer ist, mit Shane Blacks Dialogen eine gute Figur zu machen, gelingt es den dreien, dabei genau so smart zu wirken, wie sie daherreden.
Natürlich läuft der Film trotzdem Gefahr, über seine eigene Cleverness zu stolpern, aber es gibt auch nicht allzu viele Autoren, die es schaffen, den einzelnen Kapiteln ihres Films nicht nur die Titel von Chandler-Romanen zu geben, sondern deren Motive tatsächlich miteinander zu verknüpfen. Und wahrscheinlich gibt es überhaupt niemanden, in dessen Film schon einmal auf eine Leiche gepinkelt wurde. Wobei die Kunst darin besteht, daß es Shane Black gelingt, das so zu inszenieren, daß man darüber lacht. Das soll ihm erst einmal einer nachmachen.