06.05.2004 · In Amerika beginnt die Blockbuster-Saison. Studiochefs, Regisseure und Stars zittern um ihre Karriere: Wie wird sich das Publikum verhalten? Ein Forscher meint: gemäß den Gesetzen der Quantenmechanik.
Von Peter KörteDer Weg vom jüngsten Gerücht zum jüngsten Gericht kann manchmal sehr kurz sein. Jedes Jahr, wenn in Amerika die Blockbuster-Saison beginnt, zittern Studiochefs, Regisseure und Stars um ihre Karriere. Monatelang hat die PR-Kampagne eine Druckwelle aufgebaut, und wie Kassiber aus dem Vatikan dringen Nachrichten aus den ersten geheimen Vorführungen. Analysten und Auguren wagen Prognosen, demographische Erhebungen und Testvorführungen werden durchgeführt, um die Risiken zu dämpfen, und am Ende wirken sie doch alle wie Zocker, die glauben eines jener unfehlbaren Systeme entwickelt zu haben, welche schon manchen in den Wahnsinn getrieben haben.
Weil keiner die Erfolgsformel besitzt, hat der Drehbuchautor William Goldman schon vor Jahren mit dem Zynismus des Insiders gesagt: "Nobody knows anything." Was natürlich kein Studio daran hindert, weiter Blockbuster zu produzieren, obwohl sie zur riskantesten Investition im Filmgeschäft geworden sind. "Van Helsing", der diese Woche die Saison eröffnet, hat zirka 140 Millionen Dollar gekostet. So genau läßt sich das nie ermitteln, auch wenn die Studios über die Jahre ein wenig großzügiger Zahlen veröffentlichen. "Troja" wird auf 170 bis 250 Millionen taxiert, Roland Emmerichs "The Day After Tomorrow" auf 135, der nächste Harry Potter auf 130, "Spider-Man" auf 200, selbst die Vin-Diesel-betriebenen "Chronicles of Riddick" noch auf 120 Millionen. "Alien vs. Predator", "Shrek 2" oder Spielbergs "The Terminal" dürften kaum billiger gewesen sein. Und keiner weiß, was geht.
Atomisiertes Publikum
Nun ist aber ein emeritierter Professor für Ökonomie und "Mathematical Behavioral Sciences" gekommen und hat mehr als 2000 Filme aus dem Zeitraum zwischen 1985 und 1996 untersucht. "Hollywood Economics. How Extreme Uncertainty Shapes the Film Industry" heißt das Buch von Arthur De Vany, und es wird mittlerweile auch in den Studios gelesen, obwohl es nicht gerade eine Bettlektüre ist. De Vany behauptet nämlich, daß sich das Publikum nach den Prinzipien der Bose-Einstein-Kondensation verhalte, die besagt, daß manche Atome sich bei sehr niedrigen Temperaturen zu einem quantenmechanischen Zustand, dem Grundzustand, zusammenschließen.
Vermutlich könnte Michael Crichton aus diesem Vorgang gleich ein Drehbuch entwickeln und meistbietend verkaufen. Die Imponier-Terminologie besagt allerdings nicht viel mehr, als daß Leute eher dazu neigen, ins Kino zu gehen, wenn andere ihnen einen Film empfohlen haben, als wenn die Studios durch Stars und Werbung versucht haben, ein Phänomen zu erzeugen. Doch weil die Studios an ihre Strategie glauben, ist das Filmgeschäft zum "first weekend business" geworden, in dem sich das Schicksal eines Films am ersten Wochenende entscheidet. De Vany nennt das "eine Eröffnung orchestrieren", was zur Folge habe, daß man kurzfristig das Angebot dominiert. "Aber Nachfrage ist das nicht", sagt der Ökonom, und wenn jede Woche ein neuer Blockbuster starte, führe das zu "chaotischem Publikumsverhalten".
Schaut man sich De Vanys Formel genauer an, dann steckt noch eine andere Agenda dahinter, die bei den entsprechenden Adressaten schon angekommen ist. De Vany hat nämlich auch herausgefunden, daß Filme mit dem Rating R, solche also, bei denen Siebzehnjährige und Jüngere von einer erwachsenen Person begleitet werden müssen, das größte finanzielle Risiko darstellen. Filme mit den Ratings G (ohne Altersbeschränkung), PG (elterliche Begleitung wird empfohlen) und PG-13 (elterliche Begleitung für unter Dreizehnjährige wird dringend nahegelegt) haben dagegen weit bessere Gewinnaussichten. Konservative Eiferer haben daraus sofort geschlossen, die Industrie verhalte sich nicht nur unvernünftig, sondern verderbe vorsätzlich den guten Geschmack und die guten Sitten, indem sie teure Stars und teure Spezialeffekte nur in Filmen einsetze, die ein R bekämen. Das Publikum wird in dieser Gleichung zum Teilchen kondensiert. Atome haben halt keine Moral.
Peter Körte Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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