02.06.2005 · Vor zehn Jahren sollte von Dänemark aus das Kino neu erfunden werden: durch Disziplin und Verzicht auf jederlei technische Tricks. Heute ist die Dogma-Bewegung tot - dabei bräuchten wir sie mehr denn je.
Von Andreas KilbIm Mai 1995 erschien der dänische Regisseur Lars von Trier auf einer Konferenz zum hundertsten Geburtstag des Kinos im Pariser Odeon-Theater mit einem roten Flugblatt in der Hand. Darauf prangten in Großbuchstaben ein Wort und eine Zahl: „DOGMA 95“.
In dem Text, der darunter stand, waren zwei Sätze unterstrichen. „Für DOGMA 95 ist das Kino nicht individuell!“ stand da und: „Für DOGMA 95 ist der Film keine Illusion!“ Der Rest des Textes kündigte in pathetischen Worten eine neue Bewegung an, die gekommen war, die „bourgeois“ und „dekadent“ gewordene Filmkunst durch Verzicht und Disziplin zu retten. Jeder, der ihr beitreten wollte, mußte der „freien Wahl der Trickserei“ entsagen. Denn: „Heute ist ein technologischer Sturm entfesselt, der die Kosmetik zur Gottheit erhöht....Illusionen sind alles, wohinter der Film sich verstecken kann.“
Erst Jahre später Aufsehen erregt
Was weiter auf der Konferenz geschah, ob von Trier mit seinem Flugblatt irgendwie auffiel oder ob die Franzosen ihn höflich ignorierten, ist nie erzählt worden. Fest steht, daß die Dogma-Idee erst drei Jahre später wirklich Aufsehen erregte, als Thomas Vinterbergs „Das Fest“ und Lars von Triers „Idioten“ im Wettbewerb des Filmfestivals von Cannes liefen. Und fest steht auch, daß die Bewegung heute, zehn Jahre später, erloschen ist, aus und vorbei. Der letzte bekanntere Film mit Dogma-Zertifikat, den die „Internet Movie Database“ verzeichnet, ist Annette K. Olesens „In deinen Händen“.
Die offizielle Dogma-Website (http://www.dogme95.dk/) verzeichnet zwar noch dreizehn weitere Dogma-Projekte aus Italien, England, Südafrika und anderen Ländern, aber sie stammen fast ausnahmslos von Debütanten - ganz anders, als es sich die Gründer der Bewegung vorgestellt haben, für die Dogma ein Mittel der „Selbstreinigung“ für Kinoprofis war -, und die meisten sind bis heute unrealisiert.
Zu einer Genreformel geworden
Das Dogma-Sekretariat in Kopenhagen, das die berühmten Echtheitszertifikate verschickte, hat schon vor drei Jahren seine Arbeit eingestellt. Zur Begründung hieß es, Dogma sei „fast zu einer Genreformel geworden, was nie unsere Absicht war“. Jedermann könne jetzt einen Dogma-Film machen, auch ohne Zertifikat.
Wenn aber jeder einen Dogma-Film machen kann, hat sich das „Keuschheitsgelübde“, der Schwur des Verzichts auf künstliche Lichtquellen, visuelle Tricks, Zeitsprünge, Kostüme und Make-up, Bewegungshilfen für die Kamera, Soundtrack und „oberflächliche Action“, endgültig erledigt, denn es gibt keine zentrale Instanz mehr, die seine Einhaltung überprüfen könnte. Dann aber ist Dogma erst recht zu einem Stilmittel geworden, das man hier und da einsetzen kann, wo die Handlung es erfordert, ohne sich an seine Maximen gebunden zu fühlen.
Nur ein Trick?
Aber gab es überhaupt Maximen? Oder war das Manifest nur ein Trick, um die Aufmerksamkeit des Kinopublikums zu erringen, ein Werbegag seiner Verfasser? Wenn das so wäre, dann hätten sich Thomas Vinterberg und Lars von Trier gründlich verrechnet. Vinterberg ist seit „Festen“ mit jedem Film schlechter geworden, bis zum absoluten Tiefpunkt - der sein kommerzieller Durchbruch hätte werden sollen - in „It's All About Love“ (2003); sein jüngster Film „Dear Wendy“ (Drehbuch: Lars von Trier) lief nahezu unbemerkt im Rahmenprogramm der diesjährigen Berlinale.
Und von Trier hätte auch ohne Dogma locker von „Breaking the Waves“ zu „Dancer in the Dark“ und „Dogville“ gelangen können; „Idioten“ wirkt, von heute aus gesehen, wie eine Unterbrechung seiner ästhetischen Erkundung des Kinoraums, eine Atempause vor den gewagteren Experimenten. Für einige dänische Regisseure aus der zweiten Reihe wie Susanne Bier („Open Hearts“), Soren Kragh-Jacobsen („Mifune“) und Ole Christian Madsen („Kira“) war die Dogma-Erfahrung dagegen eine entscheidende Karrierehilfe, ohne die ihre Filme wohl kaum den Weg ins Ausland gefunden hätten. Daß Biers „Brothers“ und Kragh-Jacobsens „Skagerrak“ bei uns im Kino eine Chance bekamen, verdanken sie der Qualität ihrer Dogma-Filme, so wie wir den Dänen Dominik Grafs wunderbaren Fernsehfilm „Die Freunde meiner Freunde“ verdanken - aber sonst leider nicht viel.
Die amerikanische Antwort
Anders als in Amerika, wo sich mit dem „Blair Witch Project“ und Soderberghs „Traffic“ rasch eine ästhetische Antwort auf die dänische Herausforderung formulierte, hat Dogma in Westeuropa kaum Konsequenzen gehabt. Kein Almodóvar, Ozon, Amelio, Tykwer oder Weingartner hat sich durch das Manifest von seinem filmischen Weg abbringen lassen. Dabei war der europäische Kunstfilm das erklärte Feindbild der Dogma-Gründer. Sie wollten den Prinzipien der Nouvelle Vague gegen ihre Veteranen zum Recht verhelfen, indem sie allem Verhübschten, Stilisierten, Manierhaften, kurz: dem „Bürgerlichen“ des Kinos den Kampf ansagten.
Wenn man jedes Jahr in Cannes die Parade der großen europäischen Namen betrachtet, die - neben den Asiaten und ein paar Alibi-Amerikanern - den Wettbewerb des Festivals füllen, kann man diesen Affekt gut nachvollziehen. Das Problem der Dogmatisten bestand nur darin, daß sie neben unserem Blick auf die Bilder nicht auch unsere Wahrnehmung des Kinos verändern konnten. „Das Fest“ war ein großer Dogma-Film, aber es war auch und vor allem ein Film von Thomas Vinterberg. Hätte Vinterberg in diesem Stil weitergedreht, wäre es sein Personalstil geworden, gewollt oder ungewollt.
Fehlende Selbstironie
Das Kino ist ein Produkt von Regisseuren und Schauspielern, nicht weil das seine innere Wahrheit wäre, sondern weil wir es so erleben. Schon Godard hat in den siebziger Jahren mit dem Dilemma gerungen, daß ein Godard-Film kein Kollektivfilm sein konnte. Später hat er es ironisch umspielt, indem er sich als Onkel Jean oder Bruder Jean-Luc vor seine eigene Kamera stellte.
Aber soviel Selbstironie hatten die Dogma-Dänen nicht. Sie wollten den Film als reines Bild der Wirklichkeit, ohne Farb- und Tonfilter und Namensetikett. Sie bekamen: ein Bild von sich selbst, ein Porträt ihrer Ambition. Die zentrale Annahme des Dogma-Manifests, daß man durch Verzicht der Realität näher komme, war eine Illusion von Anfang an. Iben Hjejle in „Mifune“ ist nicht realer als Julia Roberts in „Erin Brockovich“, sie hat nur weniger Möglichkeiten, sich vor dem Blick der Kamera zu schützen. Die Kamera, nicht ihr Korrelat in der Außenwelt ist das wahre Zentrum des Dogma-Kinos, ein Umstand, den von Trier sogleich karikaturistisch nutzte, indem er seine „Idioten“ die Digicam direkt auf die Zuschauer richten ließ.
Kein Grund zur Freude
Daß Dogma sich erledigt hat, ist kein Grund zur Freude, im Gegenteil. Noch mehr als vor zehn Jahren ist das Kino in Gefahr, in akademischen Formen zu erstarren. Die digitale Revolution, auf die schon Coppola vor einem Vierteljahrhundert seine Hoffnung setzte, hat sich als Chimäre entpuppt. In Wahrheit leistet das Digitale der Kolonialisierung des Kinos Vorschub, indem es alle Aufmerksamkeit auf wenige Hollywood-Produktionen konzentriert und die kleinen Kinematographien immer stärker vom Markt ausschließt.
Ein spätbyzantinisches Deckengemälde wie „Die Rache der Sith“ zieht so viel kreative und ökonomische Energie aus dem Kino ab, daß die einzige Chance der Independents im Ausweichen auf andere Vertriebsformen zu bestehen scheint. Steven Soderbergh, wie immer Trendsetter und Mitläufer zugleich, hat mit seiner Ankündigung, ein halbes Dutzend Filme im HD-Format drehen und gleichzeitig im Kino, auf DVD und im Pay-per-view-Fernsehen herausbringen zu wollen, gerade gezeigt, wohin die Sache läuft. Aber dem Kino als „Form, die denkt“ (Godard), ist dadurch wenig geholfen, denn es sind ja dieselben Genre-Stereotypen, die auf diese Weise vermarktet werden.
Das Zeitfenster für eine ästhetische Rebellion schließt sich heute in dem Maße, wie die Zerschlagung der kinematographischen Kollektive durch DVD und Pay per view fortschreitet. Aber die zunehmende Privatisierung und Musealisierung des Filmischen birgt auch das Potential zu ihrer Überwindung. Nicht vom Rand, aus Afrika oder Asien, sondern aus der Mitte des kulturindustriellen Apparats könnte der Impuls kommen, der die erstarrten Formen wieder aufsprengt - ein New Hollywood der Hacker und Sammler. Zehn Jahre Dogma waren genug, jetzt brauchen wir den Aufstand der Undogmatiker.