19.09.2003 · Margarethe von Trottas Film „Rosenstraße“, der auf einem wahren Ereignis basiert, hat den Widerspruch der Historiker herausgefordert. Doch wer hier auf dokumentarischen Verlaß pocht, der sitzt im falschen Film.
Von Hans-Dieter SeidelKeine Chance mehr, diesen Film unbefangen zu sehen. Schon das Echo vom Festival in Venedig, wo Margarethe von Trottas "Rosenstraße" um den Goldenen Löwen konkurrierte - mit einer Auszeichnung am Ende für die Schauspielerin Katja Riemann -, klang zwiespältig. Einerseits gab es geradezu Elogen einiger internationalen Stimmen, zum anderen die entschiedene Ablehnung durch namhafte deutsche Kritiker (auch in dieser Zeitung). Und dann fuhren am Tag des Filmstarts in Deutschland die Historiker schwerstes Geschütz auf: "Geschichtsklitterung", donnerte Wolfgang Benz, der Leiter des Berliner Instituts für Antisemitismusforschung, in der "Süddeutschen Zeitung".
"Rosenstraße" handelt von einer Legende, die insofern wahr ist, als sie auf Ereignisse baut, die sich zwischen dem 27. Februar und dem 7. März des Jahres 1943 im Berliner Stadtteil Mitte zutrugen. Nachdem innerhalb der sogenannten Fabrikaktion rund zehntausend Menschen jüdischer Herkunft verhaftet und zweitausend von ihnen, im ehemaligen Zentrum der jüdischen Gemeinde in der Rosenstraße zusammengepfercht, festgehalten worden waren, hatten sich an dem Ort mehr oder weniger spontan etliche Frauen nichtjüdischer Herkunft versammelt, um die Freilassung ihrer Männer einzuklagen, denen sie in sogenannter Mischehe verbunden waren. Aus einem Dutzend wurden Hunderte, aus zunächst passivem Abwarten erwuchs über Tage lautstarker Protest, ein für diese Zeit bemerkenswert couragierter Aufschrei der Empörung.
Aller Zweifel ledig
In der Tat wurden die Inhaftierten freigelassen, natürlich genauso ohne Angaben von Gründen, wie sie eine Woche zuvor festgesetzt worden waren. In der historischen Forschung scheint bis heute umstritten, ob die Proteste der Frauen die Freilassung bewirkten oder ob andere Interessen der Machthaber im Spiel waren. Wolfgang Benz freilich weiß sich aller Zweifel ledig. Die Frauen, schreibt er, "konnten nicht wissen, daß den Männern in der Rosenstraße nicht das Vernichtungslager zugedacht war, daß sie vielmehr zum Austausch mit anderen für bestimmte Funktionen festgehalten wurden".
Das ist so konkret wie vage und steht in Widerspruch zu dem von Thilo Wydra im Nicolai-Verlag erschienenen Buch, das über die geschichtlichen und filmimmanenten Hintergründe des Films "Rosenstraße" informiert. Ganz der pikierte Wissenschaftler, verweist Benz auf die aufwendig recherchierte Studie im 2002 erschienenen Jahrbuch für Antisemitismusforschung, wo die "wirkliche Geschichte" der Rosenstraße rekonstruiert worden sei. Die Regisseurin und ihre Mitstreiter hätten zwar den Kontakt zum Autor der Studie gesucht, danach aber alles besser gewußt und "in voller Absicht die Geschichte zum Rührstück verkommen lassen".
Im falschen Film
Der harsche Vorwurf verkennt, daß der Film "Rosenstraße", wiewohl er auf authentische Vorkommnisse gründet, den Charakter der Fiktion nie abzulegen vorgibt, Gefundenes und Erfundenes also vermengt. Wer anderes erwartet, sitzt im falschen Film. Margarethe von Trotta, die sich bei ihrem Drehbuch der Mitarbeit von Pamela Katz versichert hat, versucht keine Rekonstruktion der Wirklichkeit als Dokumentarspiel, sondern verbindet das Hohelied der Standhaftigkeit mit Mühsal und Schmerzlichkeit des Erinnerns.
Daß ihr Zeugnis aufrichtigen Mahnens aber selbst dann zwiespältig bleibt, wenn man sich von allem historischen Streiten und manchen Vorverurteilungen zu lösen sucht, muß mit der Zeit zusammenhängen, die im Film "Rosenstraße" verhandelt wird. Es scheint unmöglich zu sein, vom Starrsinn des Antisemitismus und vom Dünkel der Überheblichkeit zu künden, ohne sofort im Stereotyp zu landen. Obwohl die Regisseurin selbst für Nazifiguren, die nur einen einzigen Auftritt im Film haben, namhafte Schauspieler wie Hans-Peter Hallwachs und Martin Wuttke, dessen Propagandaminister Goebbels auf Anhieb die lüsterne Seite des Bösen hervorkehrt, Siemen Rühaak und Heio von Stetten aufbietet, vermag sie das Klischee nicht zu überwinden, das die Vorstellung von Nazifiguren sofort evoziert. Diese Typen mögen so schneidig und zynisch gewesen sein, wahrhaftig als Abbild wirken sie trotzdem nicht - das sogenannte Gute eingeschlossen, für das Jürgen Vogel steht, als Stalingradkämpfer und Ritterkreuzträger beinamputiert, aber aufrechten Ganges.
Aufstand von Individuen
Wieviel leichter als die Unterdrücker hat es dagegen darstellerisch die Gemeinschaft der Unterdrückten. Jutta Wachowiak und Lena Stolze, um ungerechterweise nur zwei hervorzuheben, beeindrucken mit Exempeln von Zivilcourage, die überhaupt nichts Nachgestelltes mehr an sich haben, und Fritz Lichtenhahn, wieder nur ein Beispiel, verkörpert das Leid des Hilflosen ohne jeden Anflug einer zum Stereotyp geronnenen Haltung. Es ist auffällig, daß Margarethe von Trottas "Rosenstraße" immer dann die eindrücklichsten Momente hat, wenn der Film sich zum Kammerspiel verdichtet, wozu - keineswegs ein Paradox - auch die Szenen vor dem Haftgebäude zählen, weil sie nicht als Bild der Masse, sondern als Aufstand von Individuen inszeniert sind. Das Umhertoben der Uniformierten dagegen, deren ewig gebellte Befehle und das drohende Brummen der Kübelwagen, bildet längst nicht mehr die Erinnerung einer Wirklichkeit ab, sondern spiegelt allein die Kulissenhaftigkeit des Kinos. Wenn der Film für eine Schlüsselepisode eintaucht in die nazibraun verfärbte Ruchlosigkeit des Glamours, ist es verräterisch, wie sehr der äußere Anschein die innere Verstörung überblendet, die eigentlich gemeint ist.
Katja Riemann in der zentralen Rolle des Films ist es in diesem Moment aufgetragen, zunächst die strahlende Schönheit zu suggerieren und dann, nach der Begegnung ihrer Lena mit Goebbels, die erstmals völlig gebrochene Frau aufscheinen zu lassen. Sie macht das souverän - und trotzdem sind diese Szenen wie in Posen gegossen. Wieviel nachhaltiger dagegen, wenn sie, wieder und wieder gegen die verschlossene Pforte in der Rosenstraße anrennend, vorführen kann, was es heißt, sich nicht überwältigen zu lassen von Furcht und der Verführung zur Schwäche. Lena, angetreten, ihren Mann einzufordern, wird durch die Umstände genötigt, sich einer, wie es scheint, verwaisten Achtjährigen anzunehmen, und wie Katja Riemann diese unfreiwillige Mutterrolle von allem drohenden Sentiment freizuhalten weiß, das ist die Auszeichnung von Venedig unbedingt wert, die freilich Doris Schade hätte einschließen sollen, die der neunzigjährigen, sich erinnernden, aber nie mit ihrem Stolz kokettierenden Lena ein unvergeßliches Gesicht gibt.
Margarethe von Trotta ist vorgehalten worden, daß die Rahmenhandlung, der Prozeß des Erinnerns, der Maria Schrader als anderem Star des Films kaum Raum freihält, ihre Figur aus der vorgegebenen Haltung weiterzuentwickeln, viel zu umständlich ausgefallen sei. Tatsächlich hebt die Geschichte äußerst verschlungen an, mit Jutta Lampe als Ikone des Trauerns nach jüdisch-orthodoxen Ritual, und auf die harmonische Volte einer jüdischen Hochzeit am Ende hätte der Zuschauer gerne verzichtet. Doch Margarethe von Trotta konnte ihren Film wohl nur so in den Griff bekommen. Gut zehn Jahre mußte sie für das Vorhaben in mehreren Anläufen kämpfen, und schon deshalb soll ihr Film "Rosenstraße" auch nicht unterschlagen, wieviel Kraft und Eigensinn es den Menschen kostet, die Erinnerung herauszufordern.