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Sonntag, 12. Februar 2012
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Kino Die Meisterschaft der Frauen

28.06.2006 ·  Zum Brüllen und zum Fürchten zugleich: In „Offside“ versucht eine Gruppe junger iranischer Frauen, ins Fußballstadion zu kommen. Und wird aufgegriffen. Jafar Panahis Film zeigt den Irrsinn der Geschlechtertrennung in Iran.

Von Andreas Kilb
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„Schau mich an“, sagt der Mann zu dem Mädchen hinter dem Gitter, „damit ich dein Gesicht sehen kann.“ Und sie gehorcht. Aber vorher dreht sie sich kurz zur Wand, hebt etwas Schwarzes auf, wickelt es um ihre Haare, ihren Körper - es ist ein Tschador. Und plötzlich ist das Mädchen ein anderer Mensch. Eine Stunde lang war sie ein ganz normaler Fußballfan mit T-Shirt und Mütze, der sich die Farben seiner Mannschaft auf Nase, Kinn und Wangen gemalt hat: Grün-Weiß-Rot, die Nationalfarben Irans. Jetzt sieht sie so aus, wie die iranischen Revolutionswächter sie sehen wollen: statuenhaft, unkenntlich, anonym. Der Mann, der ins Stadion von Teheran gekommen ist, um nach seiner Tochter zu suchen, fragt die Vermummte aus, und sie gibt Antwort, gehorsam, demütig, wie es sich für ihresgleichen gehört.

In Jafar Panahis „Offside“ durchbricht diese Szene die bis dahin beinahe heitere, komisch-absurde Stimmung des Films. Sie zeigt, worum es wirklich geht in diesem Spiel um Fußball, Frauen, Blicke und Verbote: um den Anspruch des fundamentalistischen Islam, die eine Hälfte der Menschheit optisch zum Verschwinden zu bringen. Frauen sollen nicht wie Frauen aussehen - und nicht ansehen, was für Männeraugen bestimmt ist. Zum Beispiel Fußball. Seit sechsundzwanzig Jahren haben weibliche Wesen in Iran Stadionverbot, ein halbherziger Versuch des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, die Fußball-Apartheid aufzuheben, wurde von den religiösen Führern postwendend kassiert.

Geschlechtertrennung im Belastungstest der Wirklichkeit

Die Größe von Panahis Film besteht nun nicht darin, daß er den Widersinn dieses Verbots, der für jedermann offensichtlich ist, szenisch ausbreitet. Auch das tut er. Aber er tut noch mehr. Er nimmt das Verbot ernst, ernster vielleicht, als es sich selber nimmt. Er erfindet einen Trupp Soldaten, Rekruten ländlicher Herkunft, die über seine Einhaltung wachen sollen. Und eine Gruppe junger Frauen, großstädtisch, selbstbewußt, redegewandt, die es brechen wollen und dabei aufgegriffen werden.

Er sperrt die Frauen in ein improvisiertes Gatter am Stadionrand, postiert die Soldaten als Aufpasser darum herum und stellt die Geschlechtertrennung auf die Probe der Wirklichkeit, ein Fußballmatch lang. Und siehe da: Sie funktioniert nicht. Sie bleibt wirkungslos, weil sie die Frauen nicht davon abhält, Fußball zu gucken, zu fluchen und zu brüllen wie Männer, und die Männer nicht daran hindert, die Frauen anzugucken. Am Ende ist das Verbot tot, wenigstens im Binnenraum dieses Films. Es verpufft, es verflüchtigt sich im allgemeinen Freudentaumel, in der Begeisterung über das gewonnene Match.

Es ist zum Brüllen und zum Fürchten zugleich

Eine alte Weisheit des Kinos lautet, Komödie sei Tragödie plus Zeit. Im Fall von „Offside“ umfaßt diese Zeit jene neunzig Minuten, die die iranische Nationalmannschaft benötigte, um das Qualifikationsspiel zur Fußballweltmeisterschaft gegen Bahrain am 8. Juni des vergangenen Jahres mit 1:0 zu gewinnen. Das Tor fällt in Panahis Film genau in dem Augenblick, als der arg- und ahnungsloseste der Soldaten mit einer der sechs jungen Frauen, die sein Trupp bewachen soll, in der Stadiontoilette steht, wohin er sie begleitet hat. Damit das Mädchen im Männerklo nicht erkannt wird, mußte es sich ein Spielerposter von Ali Karimi mit eingerissenen Sehschlitzen vors Gesicht binden. Nun aber soll es sich auch noch die Augen zuhalten, denn: „Da sind schmutzige Sprüche, für Frauen nicht geeignet.“ - „Wie soll ich pinkeln, wenn ich nichts sehen kann?“

Es ist zum Brüllen und zum Fürchten zugleich, aber wie immer in diesem Film, wenn eine Situation auf der Kippe steht, bekommt die Komik das Übergewicht. Als Dutzende männliche Fans in die Toilette stürmen, kann das Mädchen in der Menge untertauchen. Kurze Zeit später kehrt sie zur Absperrung zurück, denn der Soldat, der ihr von seinem Bauernhof und seiner kranken Mutter erzählt hat und von den Kühen, die er noch melken müsse, hat sie mit seiner Geschichte gerührt: „Seine Kühe haben mir leid getan.“

Die Soldaten schweigen: Es gibt keine glaubwürdige Antwort

Jafar Panahi, geboren 1960, ist kein Komödienregisseur. Panahi hat als Assistent bei Abbas Kiarostami angefangen, der auch die Drehbücher zu zwei seiner bisher fünf Spielfilme schrieb, und wie Kiarostami sucht auch er im Kino die Spur des Realen: ungeschminkte, scheinbar kunstlose, dokumentarisch wahrhaftige Kamerabilder. In „Dayereh“ („Der Kreis“), seinem bisher besten Film, hat er die ausweglose Lage der Frauen in Iran nach dem Rondo-Modell von Schnitzlers „Reigen“ beschrieben, wobei er das Schnitzlersche Wechselspiel von Liebe und Abhängigkeit durch den grausameren Mechanismus von Versklavung und Widerstand ersetzte.

„Offside“ wirkt wie die Gegengeschichte zu diesem filmischen Höllengedicht, ein Spiel vom Fragen, in dem die Vernunft der Borniertheit ein ums andere Mal den Ball abnimmt. „Warum durften die Japanerinnen ins Stadion, beim Spiel Japan gegen Iran?“ fragt die aufgeweckteste der sechs Frauen einen der Soldaten. Er antwortet nicht, weil es keine glaubwürdige Antwort gibt, weil jede Begründung nur den Wahnwitz des Welt- und Menschenbildes bloßstellen würde, dem sie entspringt.

Schade, daß Iran schon ausgeschieden ist

Dabei liegt die Tragödie in dieser Komödie dicht unter der Oberfläche der Handlung. Die junge Frau, die wir am Anfang des Films, als junger Mann verkleidet, in einem Fanbus sitzen sehen, wo sie sich die gönnerhaften oder mitfühlenden Blicke ihrer männlichen Mitfahrer zuzieht, ist in Wahrheit nur wegen ihres Freundes zum Stadion gefahren. Er war einer von sieben Toten, die beim Qualifikationsspiel der Iraner gegen Japan in einer Massenpanik zertrampelt wurden. Das erfährt man erst am Ende von „Offside“, als schon die Wunderkerzen brennen und die Freudengesänge tönen. Die Toten von gestern sind ein anderes Thema, aber Panahis filmisches Ethos verlangt, daß er es wenigstens berührt.

Panahi hat diesen Film, entgegen dem Augenschein, nicht an einem Tag und während eines einzigen Fußballmatches gedreht. Er mußte ein langes und nervenzehrendes Geduldspiel mit der iranischen Zensur spielen, um „Offside“ produzieren zu können, und wie alle Filme Panahis seit „Dayereh“ darf auch dieser in seiner Heimat nicht gezeigt werden. Da trifft es sich schlecht, daß die Mannschaft Irans bei der Fußballweltmeisterschaft bereits ausgeschieden ist. Denn in den deutschen Kinos hätten die Spieler aus dem Land der Mullahs eine Erfahrung machen können, die ihnen zu Hause verwehrt bleibt. Sie hätten ihren weiblichen Fans begegnen können. In Wirklichkeit. Im Film.

Quelle: F.A.Z., 28.06.2006, Nr. 147 / Seite 41
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