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Kino Der kategorische Imperativ als bürgerliches Nachtgespenst

09.07.2004 ·  Am Ende sieht Marcus Mittermeiers Regiedebüt wieder wie irgendein anderer deutscher Film aus. Aber siebzig Minuten lang hat er mit dem Feuer gespielt, wie man es hierzulande noch nicht erlebt hat.

Von Andreas Kilb
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Wenn man von einem Film sagt, er sei eine schwarze Komödie, bedeutet das, daß es zwischen seinen dunkleren Momenten - und manchmal auch in ihnen selbst - immer noch etwas zu lachen gibt. Für Marcus Mittermeiers "Muxmäuschenstill", der lange vor seinem Kinostart unter diesem Etikett gehandelt wurde, gilt das nicht. Dieser Film ist auf eine Weise komisch, die zum Fürchten ist, und auf eine Weise fürchterlich, die nur Berufskomiker zum Lachen finden dürften.

Die einzige Art, sich der Wirkung von "Muxmäuschenstill" zu entziehen, besteht darin, ihn vollkommen ernst zu nehmen. Einige frühe Zuschauer des Films haben das getan und beim Produzenten angefragt, wo man sich als Informant der darin beworbenen "Gesellschaft für Gemeinsinn" registrieren lassen könne. Sie sind die seltsamen Glücklichen, gegen die kein satirisches Kraut gewachsen ist.

„Ich werde heute nicht die Welt retten“

"Muxmäuschenstill" ist die Geschichte eines Mannes, der alles richtig machen will. Und das nicht nur im eigenen Leben, sondern auch in dem der anderen. In der ersten Einstellung sieht man Mux (Jan Henrik Stahlberg) mit einem Geschwindigkeitsmeßgerät am Rand einer Landstraße lauern. Ein Auto rast vorbei, Mux nimmt die Verfolgung auf. Der fremde Wagen wird gestoppt, der Raser muß hundert Euro bezahlen; so weit, so banal. Aber dann zwingt Mux den Fahrer, sein Lenkrad abzuschrauben, als "pädagogische Maßnahme". Jeder Deutsche ein Hilfspolizist, hieß es einmal, als die Fernsehkrimis noch schwarzweiß waren. "Muxmäuschenstill" ist die Apotheose des Hilfspolizisten, ein deutscher Wunschtraum und Albtraum zugleich.

Herr Mux, dessen Vornamen man nie erfährt, hat eine Schwäche für deutsche Dichter und Denker. Auf seinem Nachttisch liegt ein Kant-Brevier, und wenn er der Kellnerin Kira (Wanda Perdelwitz) romantisch kommen will, zitiert er gern Goethe. Noch lieber aber dichtet er selbst, etwa nach einer durchzechten Nacht: "Mein Atem stinkt über den Landwehrkanal. / Ich werde heute nicht die Welt retten. / Ein freier Tag für alle." Wenn man das hört, kann man sich noch nicht vorstellen, wie die unfreien Tage aussehen, aber man erfährt es bald.

Immer wieder auf groteske Art im Recht

An solchen Tagen zieht Mux mit seinem Faktotum Gerd (Fritz Roth) durch die Straßen, Parks, Kaufhäuser und U-Bahnhöfe Berlins und greift sich hier einen Schwarzfahrer, dort eine Kleiderdiebin, einen Hundebesitzer, Exhibitionisten, Pornofilmkäufer oder Graffitisprüher. Die Digitalkamera, die der klotzige Gerd immer im Anschlag hat, dient Mux dabei ebenso als Waffe wie als visuelles Schreibgerät; sie versammelt die Bruchstücke einer großen Konfession. Denn unser Mann will, daß die Welt vor seiner Nase endlich so perfekt wird, wie das Gesetz es befiehlt. Er ist der Bruder des Polizeiinspektors Harry Calahan und all der anderen tapferen Kinohelden, die im Namen der Gerechtigkeit ihren Revolver zücken. Nur daß er - wir sind in Deutschland - die wirklich großen Gauner bloß aus dem Fernsehen kennt. Also hält er sich an die kleinen.

Weil aber das Waffentragen zwischen Rhein und Oder noch kein allgemeiner Brauch ist, schießt Mux noch öfter mit dem Mundwerk als mit der Pistole. Und hier, im Diskursiven, das in amerikanischen Filmen im allgemeinen mit ein paar rauhen Flüchen erledigt wird, hat "Muxmäuschenstill" seine stärksten Momente. Denn Mux wiederholt, während er seine Feldzüge für Recht und Ordnung plant, genau jene Parolen, mit denen sich deutsche Moralpolitiker gern das Wohlwollen des Publikums erschleichen. Daß es hier und heute gelte, Verantwortung zu übernehmen. Daß alles Handeln dem Interesse der Allgemeinheit zu dienen habe. In Mux, dem allzeit Korrekten, verkörpert sich der kategorische Imperativ als bürgerliches Nachtgespenst. Nicht daß er unrecht hätte, macht diesen Zwangscharakter so faszinierend, sondern daß er immer wieder auf groteske Art im Recht ist - auch wenn die Art, wie er es durchsetzt, seiner Gesetzeshüterpose hohnspricht.

Siebzig Minuten Spiel mit dem Feuer

Jan Henrik Stahlberg, der Hauptdarsteller, hat auch das Drehbuch zu "Muxmäuschenstill" geschrieben und es seinem Kollegen Mittermeier zur Verfilmung angeboten. Die beiden mußten ihr Projekt in vier Wochen für vierzigtausend Euro abdrehen, ohne Beihilfe der Filmförderer, auf deren Scheuklappen man sich offenbar immer noch verlassen kann. Diese Produktionsbedingungen sieht man "Muxmäuschenstill" an, im Guten wie im Schlechten. Sarah Clara Weber, die für ihren Schnitt einen Bundesfilmpreis gewann, hat die vierzig Stunden Rohmaterial überzeugend zusammengepuzzelt, aber auf die Dauer kann der Film sein Anfangstempo nicht halten, er weicht aus, verzettelt sich, wird fade.

Um ihren Helden loszuwerden, hängen ihm Stahlberg und Mittermeier eine Liebesgeschichte an, nach deren blutigem Ausgang Mux nach Italien flüchten muß, wo ihm ein Autoraser ein rasches Ende beschert. Da sieht "Muxmäuschenstill" wieder wie irgendein anderer deutscher Film aus, ein bißchen mutig, ein bißchen brav. Aber siebzig Minuten lang hat er auf eine Weise mit dem Feuer gespielt, die man hierzulande noch nicht erlebt hat. Der Mucker Mux ist vielleicht nicht der Mann der Stunde. Aber er ist ein Held unserer Zeit.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.07.2004, Nr. 156 / Seite 29
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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