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Kino Besser kein Frosch sein

08.04.2004 ·  Sylvain Chomet bietet mit dem "Großen Rennen von Belleville" den besten Trickfilm der letzten Zeit. Mit einem Einfallsreichtum, wie ihn das amerikanische Animationskino seit Jahren vermissen läßt.

Von Andreas Platthaus
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Wenn alles mit rechten, das heißt: künstlerischen Gründen zugegangen wäre bei der diesjährigen Oscarverleihung, dann hätte nicht der immens erfolgreiche Pixar-Trickfilm "Findet Nemo" die Auszeichnung als bestes Animationswerk erhalten, sondern "Das große Rennen von Belleville".

Aber darf man von amerikanischen Filmschaffenden, aus denen sich die preisvergebende Akademie zusammensetzt, erwarten, daß sie schon einmal etwas von Sylvain Chomet gehört haben, dem französischen Regisseur, der "Les Triplettes des Belleville", wie der Film im Original heißt, gedreht hat? Kam sein Werk nicht vielmehr nur in die Endausscheidung, weil die gute Hälfte des Films in einem zu Belleville umbenannten New York spielt und auch etwas kanadisches Geld in die Produktion geflossen war, was es wiederum ermöglichte, daß diese überhaupt in Nordamerika zu sehen ist? Wissen die computergeblendeten Trickschaffenden in Amerika eigentlich noch um die Geschichte ihres eigenen Genres? Können sie den Anspielungsreichtum eines Films verstehen, dessen Anfangssequenz die unbeholfenen hyperdynamischen Cartoons der frühen dreißiger Jahre persifliert? Dürfte man es, wüßten sie es und könnten sie es, dann hätte "Findet Nemo" niemals gewinnen dürfen.

Geschichte bar jeglicher Plausibilität

Denn "Das große Rennen von Belleville" ist das, was "Findet Nemo" nicht ist: originell. Wie hier einfach eine neue Trickästhetik erfunden wird - und das im zweiten Film des 1963 geborenen Chomet, dessen spätes Erstlingswerk "La vieille dame et les pigeons" von 1998 nur ein (wenn auch gleichfalls oscarnominierter) Kurzfilm war -, deren skurrile Figuren und drastischer Humor die Grenzen des an Lieblich- und Nettigkeit so übersatten Genres neu ausloten, das hat eine Frische, die man aus Europa kaum erhoffen durfte.

Schon die Geschichte, von Chomet selbst geschrieben, ist so bar jeglicher Plausibilität, daß sie geradezu ideale Voraussetzungen für das (im geglückten Fall) phantasiesprühende Medium Trickfilm bereithält: Ein Teilnehmer der Tour de France wird von einem Weingroßhändler, der nebenbei in der Metropole Belleville ein illegales Wettgeschäft betreibt, entführt. Gemeinsam mit zwei Konkurrenten muß der Radfahrer ein virtuelles Rennen austragen, das höchste körperliche Ansprüche stellt. Doch die Mutter und Bruno, ihr Hund, sind dem Entführer auf der Spur und verbünden sich dazu mit Rose, Violet und Blanche, den "Drillingen von Belleville", einer Damenmusikgruppe, die in den zwanziger und dreißiger Jahren große Erfolge gefeiert hatte.

Maximum an Ausdrucksstärke

Mit der Aufnahme eines ihrer damaligen Auftritte beginnt der Film, und wie Chomet hier nicht nur Legenden wie Josephine Baker oder Fred Astaire in Trickfiguren überführt, sondern auch das Erscheinungsbild früher Tonfilme karikiert - mit Bildstörungen, Tonaussetzern, falschen Laufgeschwindigkeiten -, das ist grandios. Dann folgt die Kindheit des Radfahrers unter dem strengen Regiment der Mutter. Daß diese einen Klumpfuß hat, ist ein weiteres Element, das man im Trickfilm selten zu sehen bekommt - in Zeiten immer größerer Bedenken gegenüber karikierenden Darstellung von Minderheiten eigentlich nie.

Diese Mutter ist das Glanzstück des Films: denkbar simpel animiert, aber bei allem Phlegma mit einem Maximum an Ausdrucksstärke, und das ohne Worte. Gesprochen wird in "Das große Rennen von Belleville" ohnehin so gut wie nie, und die häufigen Bildverweise auf Jacques Tatis Filme oder Winsor McCays Trick-Pionierleistung "Gertie" aus dem Jahr 1914 lassen nur zu deutlich erkennen, in welche Tradition Chomet sein Werk gestellt haben will.

Keine leichte Kost

Hier wird die Traditionslinie eines Humors fortgeschrieben, der altvorder wirken mag und doch von unerreichter Komik ist. Gerade weil der Film nach Tatis Vorbild geräuschreich, aber wortarm ist, liegt um so mehr an Mimik und Gestik der Figuren, und hier ist Chomet mit der Entgegensetzung der stoischen Mutter und der drei betagten, aber höchst agilen Grazien der "Triplettes de Belleville" ein besonders großartiger Kontrast geglückt.

Der Film ist keine leichte Kost, denn der verfettete Bruno sorgt für etliche eher grausam inszenierte Scherze. Und spätestens wenn die dynamitfischenden Drillinge ihre allabendliche Froschmahlzeit zubereiten, ist die Grenze des guten Geschmacks erreicht. Aber genau das ist die Möglichkeit, die der Trickfilm durch seine produktionsbedingte Distanzierung von der Realität bietet: Hier kann man darüber lachen, wie Frösche in immer neuen Variationen serviert und verspeist werden. Dabei spielt sich das Ganze in Dekors von solch spitzenverbrämter Eleganz ab, als hätte Chomet die Zeichnerriege aus Disneys "101 Dalmatiner" oder "Aristocats" reaktiviert.

Wenn man den Oscarstimmberechtigten noch etwas vor dem 29. Februar hätte auf den Weg geben dürfen, dann wäre es dies gewesen: So etwas wie die Helfer des Weingroßhändlers, jene siamesisch an den Schultern zusammengewachsenen Schergen, hat das Kino noch nie zuvor gesehen. Das ist ein Einfallsreichtum, wie ihn das amerikanische Animationskino seit Jahren vermissen läßt. Aber zweimal hintereinander den begehrtesten Filmpreis außer Landes gehen zu sehen, das war Hollywood wohl nicht zuzumuten. Ob die Juroren wenigstens das Ende des Abspanns abgewartet haben, um noch den so simplen und doch wunderbaren Schlußgag mitzubekommen? Hätten sie es, dann . . . Aber wir wiederholen uns.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.04.2004, Nr. 84 / Seite 43
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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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