20.07.2005 · Als Schauspielerin entdeckt hat sie ihr Vater, der die schönsten italienischen Horrorfilme dreht. Asia Argento ist eine Femme fatale mit Humor und hinterhältigem Ernst, die in alle erreichbaren menschlichen Abgründe spuckt.
Von Dietmar DathWenn man in den Uffizien einen Film über die Macht großer Kunst drehen will, uns die Sinne zu verwirren und den Verstand zu vernebeln, braucht man dazu außer einem Händchen fürs optisch Betörende vor allem Schauspieler, die in dieser Kulisse nicht wie hergelaufener Urlaubspöbel aussehen, sondern mit ihrer Aura der Strahlkraft des dort Herumstehenden standhalten können.
Das weiß auch Dario Argento, der Regisseur, der, wenn schon nicht immer unbedingt die besten, so doch von „Suspiria“ bis „Opera“ stets die schönsten italienischen Horrorfilme zu drehen pflegt. Deshalb hat er 1995 für sein tief melancholisches Spätwerk „Das Stendhal-Syndrom“ nicht nur den netten Einfall gehabt, einen unheimlichen Mörder von jemandem mit urdeutsch-gotischem Gruselnamen spielen zu lassen - Thomas Kretschmann, man hört direkt die Ledersohlen quietschen -, sondern vor allem seine grandiose Tochter Asia Argento ins Museum gestellt, deren Schüttellähmungsanfall angesichts des dort auf sie einwirkenden Glanzes zu den effektivsten Inszenierungen erotischer Ergriffenheit von Abstraktem gehört, die je gefilmt wurden.
Hinterhältiger Ernst
So hat das Mädchen dann weitergemacht: ob an der Seite des edel hinfälligen britischen Décadent Julian Sands und zur Musik des großen Ennio Morricone in Vater Darios blutiger Version des „Phantoms der Oper“ von 1998, ob 2001 mit Guillaume Canet und Vincent Perez in Antoine de Caunes' sadomasochistischer Seltsamkeitsklamotte „Love Bites“ - wo immer Asia Argento durchs Bild panthert, knistert das Entzücken über den hinterhältigen Ernst, mit dem diese hochprofessionelle Dame in alle erreichbaren menschlichen Abgründe spuckt.
Daß man als ordentliche Femme fatale heutzutage vor allem Humor und Selbstironie braucht, hat Asia Argento spätestens mit ihrem Regiedebüt „Scarlet Diva“ (2000) beherzigt, in dem sie nach eigenem Drehbuch die Porno-Diva Anna Battista gibt, die sich mit Drogen, prügelnden Machotrotteln, sexistischen Filmbossen, Rockstar-Engeln und einer wundersamen Schwangerschaft so lange herumärgern muß, bis sie am Ende einer waschechten Marienerscheinung teilhaftig wird.
Beachtlicher Humor
In diesem Film spielen Sex und Gewalt, vermittelt durch den beachtlichen Humor der Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin, endlich einmal die ihnen zustehende dienstbare Rolle in einer angemessen künstlichen visuellen Konfiguration von Leidenschaft ganz allgemein, anstatt wie im Kino sonst allzuhäufig fürs fad Naturalistische und zuckend Ursprüngliche einstehen zu sollen.
Ebendeshalb, weil der erst knapp dreißigjährigen Asia Argento solche alten, weisen, tiefsinnigen Dinge scheinbar mühelos gelingen, darf man auch ihre in Frankreich schon gelaufene Verfilmung eines Buchs über Kindesmißbrauch, das ihr Freund JT LeRoy geschrieben hat, mit einiger Neugier erwarten und im übrigen auf die Beantwortung der Frage gespannt sein, warum sie für den nach Jahren nun endlich doch realisierten vierten Teil der „Zombie“-Tetralogie von George A. Romero, der im Herbst in die Kinos kommt, das Gelübde gebrochen hat, Horrorfilme grundsätzlich nur mit ihrem Vater zu drehen.