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Kindesraub in Spanien : Eugenik unter Franco

Demontage eines Diktators, dessen Spuren auch in der spanischen Demokratie immer wieder auftauchen: Franco-Denkmal in Santander beim Abtransport Bild: AFP

Während der franquistischen Militärdiktatur nahm der „Neue Staat“ Frauen ihre Kinder weg, um sie umzuerziehen. Jetzt wächst in Spanien der Verdacht, dass der Babyraub sich bis in demokratische Zeiten fortgesetzt hat.

          Er ist nicht der Erste und wird nicht der Letzte sein. Wenn einer wie Antonio Barroso seine Geschichte erzählt, öffnet sich nur ein Ventil, es macht pfff!, die Medien merken kurz auf, und schon bald senkt sich wieder Stille über die Szenerie, als wäre nichts geschehen. So läuft spanische Vergangenheitsbewältigung im Jahr 2011.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Antonio Barroso, 42 Jahre alt, hat vor vier Jahren erfahren, dass die Menschen, bei denen er aufgewachsen ist, nicht seine biologischen Eltern sind. Seine „Mutter“ hat ihn für 200.000 Peseten (damals etwa 10.000 Mark) gekauft. Einen Verdacht hegte er schon mit achtzehn, aber da das Familienstammbuch in Ordnung war, ließ er die Sache auf sich beruhen. Bis die angebliche Mutter seines gleichaltrigen Freundes Juan Luis Moreno auf dem Sterbebett enthüllte, beide Jungen seien einem Priester und einer Nonne aus Saragossa abgekauft worden. Die DNA-Analyse bestätigte die Aussage. Seitdem sucht Antonio Barroso seine wahre Mutter. Hilflosigkeit und Wut, sagt er, seien die stärksten Empfindungen, wenn er über seinen Fall nachdenke. „Man versteht nichts mehr. Das Leben ist nicht, wofür man es gehalten hat, und man sucht überall nach Erklärungen.“

          Das erste „Säuglingsgefängnis“

          Eine Teilerklärung liegt im historischen Trauma des Spanischen Bürgerkriegs und der darauf folgenden Repression der Verlierer durch die Franco-Diktatur. Schon in der letzten Kriegsphase, vor dem „Tag des Sieges“ am 1. April 1939, füllten sich die Gefängnisse der Nationalisten mit politischen Gegnern. Und Gegnerinnen. Frauen, deren Ehemänner oder Angehörige erschossen worden waren, die Widerstandskämpfer mit Nahrung oder Unterschlupf versorgt, sich sonstwie verdächtig gemacht hatten oder auch nur denunziert worden waren, all diese Frauen, manche von ihnen schwanger, gedemütigt und mit geschorenen Köpfen, ließen zusammen mit den einsitzenden Männern das spanische Gefängnissystem kollabieren.

          Mitglieder der Organisation Anadir während einer öffentlichen Konferenz

          Der katalanische Historiker Ricard Vinyes schrieb in seiner 2002 erschienenen Studie „Irredentas“ (Untertitel: „Weibliche politische Häftlinge und ihre Kinder in den franquistischen Gefängnissen“), die katastrophalen Haftbedingungen nach dem Ende des Bürgerkriegs hätten die oft um das Zehnfache überfüllten Gefängnisse in Konzentrationslager verwandelt. Angesichts der unhaltbaren Situation richtete das spanische Justizministerium 1940 in einem heruntergekommenen Madrider Hotel das erste „Säuglingsgefängnis“ ein, in dem weibliche Häftlinge mit kleinen Kindern eingesperrt wurden. Um den angeblich humanisierenden Effekt der Anstalt San Isidro machte das Regime viel Wirbel. Die Einrichtung wecke so großes Interesse, hieß es in einem offiziellen Bericht, „dass sie nicht nur von zahlreichen ausländischen Gefängnisexperten besucht, sondern sogar in mehreren europäischen Ländern nachgeahmt“ worden sei. Die begleitenden Fotos zeigen Aufseherinnen in frisch gebügelten Uniformen und rosige Babys in den Armen hübscher, lächelnder Mütter. Das Haftmaß der Insassinnen war den Bildern nicht abzulesen. Es lag zwischen zwölf und dreißig Jahren.

          Staatlich legalisierter Kindesraub

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