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Kinderliteratur Feindliche Übernahme

 ·  Ab heute treffen sich 400 Experten für Kinder- und Jugendliteratur in Frankfurt. Sie haben allen Grund zur Freude: Ihre Bücher für Kinder und Jugendliche finden reißenden Absatz. Doch es sind die Erwachsenen, die sie lesen.

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Wenn sich von morgen an vierhundert Literaturwissenschaftler aus fünfzig Nationen in Frankfurt zu einer großen Tagung treffen, dann haben sie allen Grund, zufrieden mit sich und der Welt zu sein. Sie alle sind Experten für Kinder- und Jugendbuchforschung, sie alle konnten in den letzten Jahren erleben, wie ihr früher belächelter Forschungsgegenstand einen ungeheuren Bedeutungszuwachs erfuhr, sie alle müssen niemandem mehr erklären, warum sie sich nicht lieber mit „richtiger Literatur“ beschäftigen.

Die Gründe dafür wurzeln allerdings nicht im Ästhetischen, in der plötzlichen Erkenntnis etwa, welches literarische Genie in Gestalt von Otfried Preußler unter uns weilt, sondern im Gesellschaftlich-Wirtschaftlichen: Zum einen mündete der Pisa-Schock in eine geradezu messianische Heilserwartung, die sich ans frühe Lesen knüpft. Lesen sollen sie, die potentiellen Schulabbrecher und Bildungsversager, lesen, was das Zeug hält, um das Ruder noch einmal herumzureißen, ganze Jahrgänge vom Fluch des Illiteratentums zu erlösen und die Wirtschaft vom Fachkräftemangel gleich mit.

Was, wenn diese Selbstläufer einmal wegfallen?

Gleichzeitig knüpfen sich an die Kinder- und Jugendliteratur in einem strauchelnden Buchmarkt handfeste materielle Erwartungen: Um satte 24 Prozent wuchs der Umsatz, der mit Literatur für junge Leser in Deutschland erzielt wird, im ersten Halbjahr 2009 gegenüber dem Vorjahr, ermittelte Media Control. Ein Traumergebnis in einem kriselnden Umfeld – mit Kinder- und Jugendbüchern kann man ganze Verlagshäuser sanieren, vom Buchhandel nicht zu reden, und viele Verlage gründen gerade fleißig neue Imprints für sogenannte „All-Age-Bücher“, um den Trend nicht zu verschlafen. Der Anteil von Kinder- und Jugendbüchern am Gesamterlös liegt derzeit bei rund fünfzehn Prozent, bei den Auslandslizenzen sieht es sogar noch besser aus, und der Kult, der unter dem wohlwollenden Lächeln der Erwachsenen um Autorinnen wie Joanne K. Rowling, Cornelia Funke oder Stephenie Meyer betrieben wird, ist ebenfalls eine neue Erscheinung: Zum Popstar werden durch Jugendbuchschreiben, wer hätte das vor zehn Jahren für möglich gehalten? Und wer hätte gedacht, dass nach dem Harry-Potter-Finale mit den „Biss“-Büchern wieder eine Jugendbuchserie die Bestsellerlisten monatelang anführen würde?

Wer sich davon nicht einlullen lässt, erkennt freilich genau darin eine massive Gefahr. Denn zum einen hängen der wirtschaftliche Erfolg und die beeindruckenden Plazierungen am seidenen Faden einiger weniger Titel: Die schreibende Mormonin Stephenie Meyer ist mit ihrer Vampir-Schmonzette gleich viermal vertreten, die gediegenere „Tintenwelt“Trilogie von Cornelia Funke immerhin zweimal, und dann gibt es da noch Rowlings „Die Märchen von Beedle dem Barden“. Was, wenn diese Selbstläufer einmal wegfallen, jetzt, wo alle drei Serien an ihr Ende gekommen sind?

Literatur, die sich nur scheinbar an Kinder richtet

Schwerer aber wiegt, dass Buchverkäufe allein offenbar noch keine neuen Leser machen: Einer Prognose der Stiftung Lesen zufolge, im Frühjahr 2009 publiziert, bekommt in Deutschland fast jedes zweite Kind niemals ein Buch geschenkt; ebenso hoch ist der Anteil der Familien, in denen selten oder nie vorgelesen wird. Wenn aber gleichzeitig immer mehr Bücher für junge Leser gekauft werden – wer liest sie dann, wenn nicht die, für die sie gedacht sind?

Niemals zuvor interessierten sich so viele Erwachsene für die an Jugendliche adressierten Bücher – und niemals zuvor war der ehrwürdige Begriff „Kinder- und Jugendliteratur“ (KJL) so schillernd besetzt, so unklar in seinen Konturen. Warum ist es nicht mehr peinlich, wenn Erwachsene in der U-Bahn Fantasy-Romane lesen, die aus Jugendbuchverlagen stammen? Warum lesen sich die Eltern in der „Kinder-Uni“ fest, warum greifen sie zu den Bänden der „Was ist was“-Reihe, wenn sie endlich die Sache mit dem Genom verstehen wollen? Wenn KJL, anders als inhaltlich definierte Genres wie Lyrik, historische Romane oder Biographien, rein auf das Alter ihrer Leser bezogen ist – müsste man den Begriff nicht in dem Moment aufgeben, da Erwachsene sie für sich entdecken, ohne die geringste Absicht, sie mit der anvisierten Zielgruppe zu teilen? Und vor allem: Kann all dies an der Substanz der Texte vorbeigehen? Natürlich ist es keine neue Erscheinung, dass Erwachsene im Jugendbuchmarkt den Ton vorgeben. Sie sind es in der Regel, die die Bücher schreiben, verlegen und in die Buchhandlungen befördern. 95 Prozent der verkauften Bücher werden von Erwachsenen erworben. Neu ist aber, dass sie sie jetzt auch lesen. Entsteht dabei nicht zwangsläufig eine Literatur, die sich nur scheinbar an Kinder richtet, in Wahrheit aber nach den Erwachsenen schielt?

Einiges ins Rutschen geraten

Auf diese Fragen wünscht man sich dringend Antworten aus berufenem Mund, die in Frankfurt versammelten Forscher aber scheint das nicht zu interessieren. Der Kongress verpasst seine Chance: Er fragt fünf Tage lang, „welchen Beitrag Kinder- und Jugendbücher sowie andere Medien zum Verständnis anderer Kulturen und zum Zusammenleben verschiedener Ethnien leisten können“. Das ist würdig und recht, ignoriert den aktuellen Umbruch aber vollkommen. Sollte man nicht, statt Völkerverständigung zu untersuchen, lieber fragen, ob da nicht gerade etwas den Bach heruntergeht, das man schmerzlich vermissen wird, solange es Kinder gibt, nämlich eine Literatur, die sich an sie richtet und dabei ihr Weltwissen und ihre Wünsche respektiert? Wenn in Frankfurt ein Vortrag der Frage gilt, inwieweit heutige Fantasy-Trilogien von einem „Kampf der Kulturen“ handeln und „welche Antworten sie parat halten“, dann muss man das nur leicht modifizieren, um beim Kern des Problems zu sein: Inwieweit stellen Fantasy-Trilogien einen Kampf der Kulturen dar – nämlich den zwischen erwachsenen Lesern und Jugendlichen?

Immerhin: Zwei oder drei aus Hunderten Vorträgen weichen der Frage nicht völlig aus. Sie definieren Jugendliteratur vor einem interkulturellen Hintergrund oder untersuchen die Globalisierung des Markts. Eine Teilnehmerin erwähnt immerhin das interessante Phänomen, dass Marcus Zusaks fabelhafter Roman „Die Bücherdiebin“ im australischen Original als Buch für Erwachsene angeboten wurde, im englischsprachigen Ausland dann als Jugendbuch, und in Deutschland erschien es gleichzeitig bei zwei Verlagen in unterschiedlicher Ausstattung: einmal für Jugendliche, einmal für Erwachsene. Diese Ratlosigkeit scheint auch die Vermittler von Jugendliteratur erfasst zu haben. Und manchmal gehen sie den umgekehrten Weg bis hin zur Infantilisierung. Wenn etwa die Juryvorsitzende für den Deutschen Jugendliteraturpreis bei der Vorstellung der Shortlist vor einem erwachsenen Publikum eine Handpuppe bemüht, die ihr ständiger Begleiter bei der Lektüre sei und nun „ebenso gespannt“ sei „wie Sie“, welche Titel nominiert worden seien, dann ist da einiges ins Rutschen geraten.

Kalt lächelnd kaputtgespart

Da wünscht man sich nur umso mehr, endlich von denen zu hören, die diese Bücher eigentlich angehen. Einmal im Jahr gibt es dazu Gelegenheit, wenn sich die Jugendjurys zu Wort melden, die ihre eigene Auszeichnung vergeben und sich dabei zuletzt oft stilsicherer und problembewusster zeigten als ihre erwachsenen Kollegen. Sie trotzen tapfer der an sie herangetragenen Unterforderung durch Reihen, die „freche Mädchen“ heißen oder im Titel unweigerlich das Wort „Küsse“ tragen, und manchmal auch einer oft subtilen, nicht selten aber unverhüllten Arroganz, mit der wohlwollende Erwachsene über altersgerechte Lektüre sprechen. So meinte vor Jahren die Moderatorin der Jugendliteraturpreisverleihung, mit sechzehn sei man doch „kein fertiger Mensch“, und wunderte sich über den Protest im Publikum. Die interessante Frage beiseitegestellt, wann man denn als Mensch „fertig“ sei – mit zwanzig, vierzig oder mit fünfzig plus wie viele, die im Jugendbuchbereich Entscheidungen fällen –, geht es doch eher darum, jugendliche Leser und ihre Bücher nicht als schlichter zu diffamieren, sondern als anders anzuerkennen.

Kluge Autoren wie jüngst Kirsten Boie leiten daraus ab: Wer für sie schreibt, muss sich eben nicht weniger bemühen, sondern auf ganz andere Weise. Ganz sicher haben viele potentielle Leser keinen Zugang zu Büchern, und man wünscht ihnen nichts so sehr wie eine Flatrate für Buchbenutzung. Dabei gibt es sie längst, sie trägt den Namen „öffentliche Bibliothek“, aber sie wird seit Jahren kalt lächelnd kaputtgespart.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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