Fräulein Coulibaly hatte sich als erste auf die Stellenanzeige im christlichen Familienblatt gemeldet. Sie trug eine Nylonperücke und künstliche Fingernägel wie ein Filmstar. Ihre Rundungen hatte sie zum Vorstellungstermin in enge Teilchen aus Jeansstoff gepreßt. Fräulein Coulibaly war vor einigen Jahren aus Kamerun nach Paris gekommen, um Kosmetikerin zu werden. Den Traum hatte sie noch nicht aufgegeben, wie sie freimütig berichtete.
Weil die Pariser Schönheitssalonbetreiber für ihre weißhäutigen Kundinnen aber nur weißhäutige Kosmetikerinnen einstellten, war Fräulein Coulibaly seither notgedrungen immer wieder in andere Dienstleistungsberufe ausgewichen. Pommes-frites-Mamsell, Bügelfrau in einer Wäscherei, Altenpflegerin. Kleine Kinder betreuen, das könne sie sich auch gut vorstellen, sagte sie strahlend.
Gute deutsche Vorsätze
Grau ist alle Theorie. Beim ersten Kind hatte die Rabenmutter noch versucht, eine gute deutsche Mutter zu werden. Auf unbestimmte Zeit zu Hause, keine fremden Leute, kein Zucker, keine Antibiotika. Schon nach wenigen Wochen war sie sehr froh, daß die Putzfrau fünf eigene Kinder großgezogen hatte. Vieles wußte sie einfach besser. Wenn die Putzfrau morgens kam, ging die Rabenmutter ins Cafe, las Zeitung und atmete auf.
Nachmittags nahm sie ihre guten deutschen Vorsätze wieder auf und ging mit dem Kind an die „frische Luft“. Sie schob den Kinderwagen durch die Straßen von Paris, Bastille, Ile Saint-Louis, Place des Vosges. Meistens war sie allein. Andere Mütter schoben ihre Kinder nie spazieren. Sie arbeiteten. Auf dem Spielplatz saßen die „Nounous“, nach Herkunftsländern sortiert, und schwatzten. Der Rabenmutter war langweilig.
Schwierige Suche
Nach wenigen Monaten beschloß sie, wieder zu arbeiten. Aber das Kind? Etwa in eine Krippe? Kam nicht in Frage. Die Rabenmutter war in West-Berlin aufgewachsen, das prägt. Großmütter, Tanten und andere Verwandte hatte sie nicht in Paris. Also erinnerte sie sich an die Ratschläge ihrer berufstätigen deutschen Freundinnen und suchte eine gestandene Kinderfrau. Kein junges Mädchen, sondern eine Frau zwischen vierzig und fünfzig, die selbst Kinder gehabt hatte, die kochen und einkaufen konnte. Das mußte es in Paris doch geben.
Die Rabenmutter wußte nicht, wo sie mit der Suche anfangen sollte. Sie fragte die Putzfrau, die vorher als Kinderfrau gearbeitet hatte. Die Putzfrau wollte jetzt aber lieber Putzfrau sein. Sie arbeitete sieben Tage in der Woche, am liebsten schwarz, um ihre fünf Kinder auf den Philippinen zu unterstützen. Drei waren noch in der Ausbildung, eines war krank. Wenn sie nur bei einer Familie arbeitete, und das auch noch sozialversichert, verdiente sie nicht genug.
Nadia mit der Engelsgeduld
Da traf die Rabenmutter eine Nachbarin, die eine Nichte hatte, die studierte Betriebswirtschaft in Paris und wollte ein bißchen Geld verdienen. Dreiundzwanzig Jahre alt, einen Bruder und fünf Schwestern. Der Vater arbeitete im Landwirtschaftsministerium in Rabat. So kam Nadia ins Haus, jeden Nachmittag. Der Rabensohn und Nadia mochten einander bald sehr gern.
Nadia hatte Engelsgeduld. Sie war zuverlässig, hübsch und gläubig. Nadia trug kein Kopftuch, sondern einen kurzen Rock - auch wenn sie im Ramadan fastete. Nach einem Jahr erzählte sie von ihrem „Verlobten“, der in London studierte. Die Verlobung hatten die Eltern arrangiert. Sie kannte ihn nicht. Jedes Jahr im August fuhr Nadia für vier Wochen nach Marokko. Sie wolle wieder etwas Schönes aus dem Ferien mitbringen, versprach sie dem Kind - und blieb für immer fort.
Mehr kulturelle Vorsicht
Die Rabenmutter saß in der Patsche. In drei Tagen hatte der Rabensohn seinen ersten Schultag. In fünf Tagen sollte eine Rabentochter zur Welt kommen. Nadias Fortbleiben hat die Rabenmutter derart aus dem Tritt gebracht, daß sie monatelang nicht begriff, was geschehen war - der Vater hatte das Mädchen nicht mehr fortgelassen. Sie mußte heiraten. Ein kurzer Rock, getragen in Paris, sagt nichts über die Gleichberechtigung in Marokko. Die Rabenmutter beschloß, in Zukunft mehr kulturelle Vorsicht walten zu lassen, fragte andere Rabeneltern um Rat und schaltete eine Anzeige im katholischen Familienblatt. Für den Übergang nahm sie einen Babysitter aus dem Notnagel-Reservoir, das alle Rabenmütter rechtzeitig anlegen.
Die Erinnerung an die folgenden Monate ist leicht vernebelt von körperlicher Erschöpfung. Alle deutschen Gewißheiten hatten sich in weniger als drei Jahren restlos abgeschliffen. Die Rabenmutter konnte sich kaum vorstellen, daß sie noch einmal Erziehungsurlaub nehmen würde. Und was dann? Das erste Kind hatte sie seinerzeit auf ausdrücklichen Rat der Kinderärztin zunächst halbtags in eine Krabbelgruppe gegeben (“Das ist gut für seine Sozialisierung“) und bald sogar in eine Krippe, elf Kinder im Bauklotzalter mit drei Betreuerinnen, bis nachmittags, wenn Nadia ihn abholte. Von da an war sie oft bei der Kinderärztin gewesen. Erkältung, Mandelentzündung, Husten. Das ist gut für das Immunsystem, sagte die Kinderärztin.
Selbstvertrauen der Mutter
Und wie ist das mit dem Urvertrauen, versuchte sie die Kinderärztin zu fragen, aber: Wie heißt das auf französisch, Urvertrauen? Sie versuchte zu umschreiben. Die Kinderärztin sah sie erstaunt an: Glauben Sie, ein Kind weiß nicht, wer seine Mutter ist? Der Ärztin war anzusehen, daß sie nicht verstand, was dem Kind fehlen sollte. Sie deutete an, daß es sich eher um eine Frage des Selbstvertrauens bei der Mutter handeln könnte.
Beim zweiten Rabenkind hätte die Mutter nicht lange gezaudert. Allein, die Krippe nebenan wurde für ein Jahr geschlossen, alle anderen Krippen in der Nähe waren überbelegt. So gab sie Stellenanzeigen auf. Das brachte einen Stapel schriftlicher Bewerbungen ins Haus, die meisten ganz offensichtlich mit Hilfe einer Beratungsstelle für schwervermittelbare Kandidatinnen verfaßt. Viele hatten das Familienblatt nie selbst in der Hand gehabt, wie Fräulein Coulibaly.
Fragilität der menschlichen Existenz
Die Rabenmutter suchte über das Arbeitsamt, über die Studentenvermittlung, über die Bezirkshilfe für Familienarbeit. Das Schwarze Brett der Amerikanischen Kirche von Paris, das andere Rabenmütter empfahlen, hat sie nicht ausprobiert und auch nicht den Zeitungskiosk in Neuilly, der in einschlägigen Kreisen als Umschlagplatz für Kinderfrauen bekannt ist. Die Rabenmutter erfuhr manches über die Fragilität der menschlichen Existenz. Ewa zum Beispiel kam aus Krakau.
Sie hatte zusammen mit ihrem Mann ein Reisebüro aufgemacht. Das Geschäft machte pleite, der Mann wurde depressiv, und Ewa beschloß, das Überleben der Familie in die Hand zu nehmen. Nachts pflegte sie eine alte Dame, morgens ging sie putzen, nachmittags wollte sie Kinder hüten. Den ganzen Tag dachte sie an ihre Tochter, sagte sie, und suchte schnell nach einem Taschentuch.
Blick hinter die Kulissen
Dann gab es da eine Berberin mit langem Zopf, eine ältere Frau, die kaum Französisch konnte, was sich aber erst herausstellte, als sie sich persönlich vorstellte. Ihr Brief hatte keinen Rechtschreibfehler, aber sie hatte ihn ja bloß unterschrieben. Die Frau kam mit Kinderfotos von einem Mann, den die Rabenmutter aus Zeitschriftenartikeln über Nachwuchstalente in traditionsreichen Familienunternehmen kannte. Hier C. auf ihrem Arm vor dem Schloß, dort C. an ihrer Hand am Strand. Fünfzehn Jahre hatte sie in der Familie gearbeitet. Warum das irgendwann zu Ende gegangen war, ließ sich nicht ergründen. Ob C. noch manchmal an die alte Frau dachte, die ihn bis heute von Herzen liebte?
Viele Bewerbungsgespräche öffneten den Blick in die Kulissen der französischen Gesellschaft. Lili, ein Mädchen aus der Bukowina, kümmerte sich um Haushalt und Kind eines hohen Beamten im Finanzministerium. Der Mann war Sohn eines amtierenden Ministers. Lili hatte keine Aufenthaltsgenehmigung, was die Familie wußte. Der Finanzbeamte war knickrig, seine Frau kam oft spät nach Hause, und Lili suchte halbherzig einen anderen Job - halbherzig, weil sie fürchtete, der Mann würde sie bei der Polizei denunzieren.
Keine Scheu vor Gemeinheiten
Die hübsche Studentin Aneta hatte vier Wochen lang bei einem Maurer auf Korsika saubergemacht, in einem Dorf, in dem ihre Schulfreundin kellnerte. Der Mann hatte ihr die Reise aus Wadowice bezahlt und einen anständigen Lohn versprochen. Er suchte eine Frau zum Heiraten. Er konnte nicht verstehen, warum das Mädchen aus dem Osten nicht wollte, obwohl er doch so viel mehr verdiente als ihre Landsleute.
Katia wurde wärmstens von Frau Professor L. empfohlen. Dort hatte sie drei Jahre lang als Babysitter gejobbt. Das war das einzige, was für sie sprach. Katia war eine Mittdreißigerin aus Algerien, die noch nie eine feste Arbeit gehabt hatte, abends gerne ausging und morgens gerne ausschlief, wie sie offen mitteilte. Sie warnte sofort, daß sie nötigenfalls keine Gemeinheiten scheute.
Bloß so eine Art Badeanzug
In einer anderen Rabenfamilie hatte sie den Tag abgepaßt, an dem alle fest mit ihr rechneten, um die Koffer zu packen - weil sie sich nicht anständig behandelt fühlte. Angeblich hatte sie in ihrer stolzen Wut sogar auf das ausstehende Gehalt verzichtet. Bei der ersten Begegnung war Katia gerade aus den Ferien gekommen und trug zur Vorstellung bloß so eine Art Badeanzug.
Na, die ist es auch nicht, dachte die Rabenmutter und wunderte sich über Frau Professor L. Vier Wochen später fing Katia an. Sie kam pünktlich um neun, angezogen diesmal, fröhlich und widerspenstig. Ich mache das so, erklärte sie kategorisch, als die Rabenmutter ihr etwas zeigen wollte. Ob das gutgeht, dachte die Rabenmutter. Fünfeinhalb Jahre lang ist Katia dann jeden Morgen pünktlich um neun gekommen und abends so lange geblieben, wie es sein mußte.
So höflich, so ausgeglichen
Sie hat eingekauft (was ihr schmeckte), gekocht (wozu sie Lust hatte), die Kinder in den Park geführt, gebadet und mit Bauklötzen gespielt. Katia hat den Kindern beigebracht, mit Messer und Gabel zu essen und abends aufzuräumen. Wenn ihr langweilig war, hat sie telefoniert oder die Kinder ins Kaufhaus geschleppt, wie jede Mutter und Hausfrau. Wenn die Rabenmutter sie danach fragte, hatte sie immer eine gute Ausrede parat. Als auch die Rabentochter in die Schule kam, blieb Katia noch eine Weile.
Dann zog sie um, und die Rabenmutter gab ihr die wärmsten Empfehlungen mit auf den Weg. Wenn die Rabenfamilie in Deutschland unterwegs ist, fallen die Kinder immer angenehm auf. So höflich, so ausgeglichen, so gute Manieren, das findet man selten heutzutage: „Sie kümmern sich sicher viel.“ Die Rabenmutter hat gelernt, daß sie in solchen Fällen besser schweigt.
Jacqueline Henard, die 2004 zur Ritterin der französischen Ehrenlegion ernannt wurde, war lange Korrespondentin dieser Zeitung und erhielt dafür den internationalen Publizistikpreis. Heute berichtet sie für den „Tages-Anzeiger“ aus Paris.