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Kinderbetreuung Der mittelalterliche Westen

19.02.2007 ·  Was die Kinderbetreuung angeht, so ist Westdeutschland so ziemlich die rückständigste Region Europas: Hier wird Frauenarbeitslosigkeit zum Wert an sich hochgejubelt. Das Betreuungssystem der DDR hingegen hatte viel Gutes, weiß Peter Richter aus eigener Erfahrung.

Von Peter Richter
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Der Grund, warum am Tor meines Kindergartens irgendwann ein Riegel angebracht wurde, der so hoch liegt, dass Kinder nicht hinlangen können - dieser Grund war ich. Ich hatte mich beim Spielen in der Rakete versteckt, und als die anderen zum Mittagessen reingerufen wurden, unternahmen wir unseren Fluchtversuch. Tilo Zink und Heiko Liehr kehrten schon an der Ecke zum Amselsteg lieber wieder um. Der Einzige, der durchkam, war ich. Ich ging nach Hause und war empört, dass niemand dort war. Warum hatten mich meine Eltern wohl in den Kindergarten gegeben? Kurz darauf kam die Kindergartentante, die mir nachgelaufen war, und brachte mich schimpfend zurück.

Und weil man heute Angst haben muss, dass diese Geschichte gleich wieder in die falschen Hände gerät, möchte ich hinzufügen: Das war keine Flucht vor dem Kindergarten, es war eher eine Art Ausweitung seines Spielplatzbereichs: Immerhin hatten wir eine Rakete zum Drinverstecken im Garten.

Die beste Zeit im Leben

Als ich in die Schule kam, wusste ich, dass der Kindergarten die beste Zeit im Leben gewesen war, nur noch übertroffen vielleicht von der Kinderkrippe. Der berühmten Töpfchenthese von Christian Pfeiffer zufolge sind wir im Osten dadurch zwar alle zu rechtsradikalen Schlägern geworden, aber ich erinnere mich, dass der Umstand, dass wir manchmal kollektiv auf den Napf gesetzt wurden, vor allem erste Differenzerfahrungen ermöglicht hat: Erstens, die Sauerei ist noch größer, wenn Mädchen versuchen, im Stehen zu pinkeln. Und zweitens, es gibt zwischen Jungen und Mädchen einen anatomischen Unterschied, nämlich die Anzahl der Schürfwunden auf den Kniescheiben.

So gesehen ist es eigentlich ein Wunder, dass wir nicht schon tätowiert waren, als wir in die Schule kamen und dort auf die anderen stießen. Auf die, die mir, ehrlich gesagt, heute noch leid tun. Die Kinder, die nicht im Kindergarten gewesen waren, waren schwer von Begriff, langsam, scheu, doof und langweilig, sie kannten die elementarsten Schimpfwörter nicht und waren bei Ringkämpfen hoffnungslos unterlegen, was ein bisschen blöd für sie war, weil sie ein verträgliches Sozialverhalten meistens auch nicht gelernt hatten. Objektiv waren diese Kinder bedauernswerte Pfeifen, und das wurde nicht besser dadurch, dass deren Eltern sich und ihnen einfach einredeten, dass sie trotzdem die Größten sind, schlechte Noten am Lehrer liegen und, wenn Unsinn passiert, selbstverständlich immer die anderen schuld sind.

Selbstverschuldete Mittelalterlichkeit

Wenn das Kinderbetreuungssystem der DDR wirklich fatale Folgen hatte, dann im Westen, wo es keinen Putin braucht, um den Kalten Krieg am Leben zu halten, da reichen schon ein paar familienpolitische Vorschläge, und das Tragische ist, dass jeder, der die Dichte an Krippen und Kindergärten im Osten lobt, den Westen ein Stück weiter in seine selbstverschuldete Mittelalterlichkeit stößt. Auf jeden Hinweis, dass zumindest dies nicht so schlecht geregelt war im Osten, folgt ein erbittertes Gerade-darum-nicht. So hat es Westdeutschland geschafft, in diesem Punkt so ziemlich die rückständigste Region Europas zu sein.

Deshalb braucht man die DDR und ihr Kindergartensystem aber zum Glück gar nicht mal, man kann auch jedes andere Land zum Vorbild nehmen. Überall ist es besser. Nur bei uns wird Frauenarbeitslosigkeit zum Wert an sich hochgejubelt und in einem archaischen Hausfrauentum idealisiert. Großartig, dass Teile der Union endlich erkannt haben, was sie für viele Jüngere in den Großstädten bisher leider unwählbar gemacht hat. Konservativ sein kann man ja trotzdem. Zum Beispiel dafür sorgen, dass Kindertagesstätten wieder Kindergärten genannt werden. Und Raketen bekommen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.02.2007, Nr. 7 / Seite 28
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