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Kinder in Japan : Vor der Schule lernen wir

  • -Aktualisiert am

Japanische Schüler stehen unter enormen Erfolgsdruck Bild: REUTERS

In Japan trifft der Leistungsdruck auch die Allerjüngsten mit voller Wucht: Schon Kindergartenkinder pauken monatelang, um die Aufnahmeprüfungen für die erste Klasse einer guten Grundschule zu bestehen.

          Eigentlich bricht Japans „Prüfungshölle“ im Frühjahr aus und quält Mittel- und Oberschüler: Hunderttausende Kinder und Jugendliche pauken dann auf ihrem Endspurt zu den Aufnahmeprüfungen der Oberschulen und Universitäten rund um die Uhr bis zum Umfallen. Doch neuerdings herrscht diese Atmosphäre auch im Herbst, und die Prüfungsangst befällt schon kleine Kinder: In diesen Wochen wählen die privaten Grundschulen die Erstklässler des nächsten Schuljahres aus - und immer mehr Kinder sollen dazugehören.

          Der kleine Akira zum Beispiel hat bereits an zwei Aufnahmeprüfungen teilgenommen, zwei weitere stehen dem Fünfjährigen noch bevor. Er muss je nach Schule einen etwa einstündigen schriftlichen Test und ein Einzelgespräch mit Lehrern durchstehen, dann allein etwas basteln, in einer Gruppe mitspielen und in der Turnhalle Sport machen. Durch ausgeklügelte Aufgaben versuchen die Schulen, den intellektuellen, sozialen und motorischen Entwicklungsstand der Kinder zu bewerten. „Es wird sehr viel verlangt“, sagt die Mutter von Akira. „Meine größte Sorge ist, dass er einen schlechten Tag erwischt und nicht seine volle Leistung bringen kann - und ich nichts für ihn tun kann!“

          Mit der Stoppuhr in der Hand

          Fast zwei Jahre lang hat die Mutter ihr einziges Kind akribisch auf die Prüfungen vorbereitet. Jeden Morgen musste der Junge zwischen Frühstück und Kindergarten eine Dreiviertelstunde lang Lernmaterialien durcharbeiten. Nicht, um Lesen und Schreiben zu lernen - das können viele japanische Kinder schon mit spätestens fünf Jahren. Geprüft werden kognitive Fähigkeiten: Akira musste Größen vergleichen und Mengen verteilen, Fragen zu einer vorgelesenen Geschichte beantworten, Origami falten, Schleifen binden und auf Geschwindigkeit basteln.

          Jeden Samstagnachmittag saß der Junge zwei Stunden lang in einer Paukschule für Vorschüler. Am Donnerstag hatte er zuerst eine Stunde lang Einzelunterricht und nahm danach gleich an einem einstündigen Mal- und Bastelunterricht teil. Am Dienstag fuhr er mit seiner Mutter mit der Bahn zu einer anderen Nachhilfeschule, um seine sportlichen Fähigkeiten zu verbessern. Ein Lehrer der Nachhilfefirma „Familienklub“ besuchte Akira zu Hause und übte mit ihm die Antworten für das Einzelinterview. Dort sollen die Kinder selbstbewusst von ihrer Person, ihrem Alltag und ihren Hobbys erzählen.

          Auf einer Website konnte Akira sein Wissen prüfen. Der kleine Junge findet die „Prüfungshölle“ ganz normal - besser gesagt: Er wehrte sich nicht gegen das ganze Programm. Aber sein gleichaltriger Freund Masaki bekam jedes Mal vor dem Besuch der Nachhilfeschule Magenschmerzen und weinte bei Aufgaben, die er nicht schaffen konnte, während die Lehrerin mit strengem Gesicht und der Stoppuhr in der Hand vor ihm stand.

          Zweitwohnung in der Nähe der Schule

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