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Kill Bill, Vol. 2 : Die Braut trug Schwert

Uma Thurman rächt sich wieder Bild: dpa

Pulp und Sühne. In "Kill Bill, Vol.2" serviert Uma Thurmann ihre Rache. Quentin Tarantino zeigt erneut, was er kann: Präzise inszenieren, optisch brillieren und entspannt zitieren.

          Quentin Tarantino hat ein Problem, und dieses Problem ist so speziell und einzigartig, daß ihm keiner dabei helfen kann. Niemand teilt dieses Problem, niemandem kann er es mitteilen, und vermutlich tut sich Tarantino sogar schwer damit, das Problem gelegentlich mit sich selber zu besprechen. Denn Quentin Tarantinos Problem heißt Quentin Tarantino: Er ist der beste Filmregisseur der Welt.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das ist als Aussage natürlich ein bißchen unseriös, tarantinoesk geradezu - und eine Frechheit gegenüber Clint Eastwood und Michael Mann (seinen großen Antipoden), Martin Scorsese und Abel Ferrara (seinen Vätern in Waffen), Steven Soderbergh, Terrence Malick, David Lynch, Blake Edwards und den fünfundsiebzig anderen, die einem sofort einfallen, wenn man an die Genies des (amerikanischen) Kinos denkt. Und natürlich hat so mancher von ihnen schon Figuren erfunden, die größer, Schicksale, die grausamer, Gefühle, die tiefer empfunden waren.

          Visuelle Begabung, vergleichbar mit dem absoluten Gehör von Musikern

          Was Tarantino von den anderen unterscheidet, ist sein sicherer Blick, ist eine visuelle Begabung, die man vielleicht mit dem absoluten Gehör von Musikern vergleichen kann - er inszeniert einfach besser, schärfer und genauer, und wie das wirkt, konnte man am deutlichsten in dem kleinen Film "Four Rooms" erkennen; da gab es drei Episoden von anderen Regisseuren und am Schluß eine von Tarantino, und es war, als hätte jemand die Leinwand geputzt, die Vorhänge weggezogen, die Patina von den Bildern gekratzt und die Schärfe endlich richtig eingestellt.

          Die Figur, die sie spielt, könnte auch von Woolrich erfunden worden sein - oder Truffaut oder Hitchcock
          Die Figur, die sie spielt, könnte auch von Woolrich erfunden worden sein - oder Truffaut oder Hitchcock : Bild: Reuters

          Tarantino, so scheint es, kann alles, und er konnte es von Anfang an: Das Kammerspiel der Gewalt in "Reservoir Dogs". Das Ballett der Zeiten und den Showdown der Sprache in "Pulp Fiction". Und in "Jackie Brown" inszenierte er ohne alle Tricks und nur mit der richtigen Soulmusik im Hintergrund die fragile Liebesgeschichte zweier Menschen, die eigentlich die Pensionsgrenze für Kinohelden längst überschritten hatten. Es schien ihm alles so leichtzufallen, daß er weit unter seinem Niveau geblieben wäre, wenn er in "Kill Bill" (beide Teile waren ja ursprünglich als ein Film angelegt) nicht mindestens das Unmögliche gewollt hätte.

          Enttäuschung und Offenbarung zugleich

          Wobei die Frage, was Tarantino eigentlich will mit "Kill Bill", nicht ganz leicht zu beantworten ist - das beweisen die amerikanischen Kritiken, die zum Filmstart am Freitag erschienen sind, und man weiß nicht recht, was einen wütender macht: jene Verrisse, die vom Plot nur die Oberfläche und in den Bildern nur die Vorbilder sehen und sich dann beschweren über hohle Figuren, eine dumme Story und blutige Bilder. Oder jene Hymnen, die den Tanz der Pop- und Kinozitate und das Spiel mit den Verweisen so heftig bejubeln, daß man fragen möchte: Hallo, kann es sein, daß es sich noch nicht überall herumgesprochen hat, daß seit "Pulp Fiction" schon zehn Jahre vergangen sind?

          Und vermutlich wird man beim Lesen schon deshalb so zornig, weil man beiden zustimmen und beiden ganz entschieden widersprechen möchte - für den Liebhaber des Tarantinokinos ist "Kill Bill" (den man auch weiterhin als einen Film nehmen sollte) zugleich eine Enttäuschung und eine Offenbarung, und vermutlich wird es einem mit dem ganzen Film so gehen wie mit "Kill Bill", dem ersten Teil, der, wenn er zu Ende ging, im Zuschauer eine Erschütterung zurückließ, aber auch die Frage, ob dieser Film nicht ein Rückschritt sei, nach dem reifen, unangestrengten "Jackie Brown". Und in der Erinnerung (und im zwangsläufigen Vergleich mit dem Computerkino der "Matrix" und des "Herrn der Ringe") verblaßten die Bilder nicht etwa, sondern wurden schärfer und stringenter - es war schließlich so, als hätte man selber geträumt von dieser Braut, die von den Toten aufersteht und sich an ihren eigenen Mördern rächt.

          Die Story ist nicht bloß trivial

          Denn es stimmt ja nicht, daß die Story bloß trivial wäre, kaum der Rede wert, reiner Vorwand für Tarantinos Tricks und Effekte. Diese Frau, die vom Vater ihres ungeborenen Kindes erschossen wird, weil sie ihn verlassen und einen anderen heiraten wollte; diese Frau, die den Schuß überlebt und nach vier Jahren aus einem Koma erwacht und sich rächt an denen, die ihr die Hochzeit verdorben haben - diese Figur könnte, nur zum Beispiel, von Cornell Woolrich erfunden worden sein, dem großen Existentialisten der amerikanischen Kriminalliteratur, und in der Verfilmung von Truffaut hätte Jeanne Moreau die Braut gespielt, und in Hitchcocks Verfilmung wäre es wohl Kim Novak gewesen, und weil Tarantino all das kennt und mitbedenkt, inklusive der Zuschauer, die selber die Köpfe voller Bilder haben: Deshalb inszeniert er "Kill Bill" genau so, als ob das sogenannte postmoderne Kino schon wieder Gegenstand von Retrokult und Revivals wäre.

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