28.04.2008 · Babyphone in Hotelzimmern, abgehörte afghanische Exzellenzen: Die Welt der Spionage lebt. Auf einer Londoner Historikertagung baten pensionierte Agenten um Diskretion. Der Clou bei der Geheimdienstarbeit ist nun mal das Geheime.
Von Matthias HannemannWenn es zu dämmern beginnt in dieser Stadt, wenn der Nebel einzieht, der Russe, der Regen - dann gehört London noch immer dem Rätselhaften, den Spionen und Agenten zumal. Hier fühlt man sich selbst als Doppelnull geadelt, hier wähnt man „Spooks“ an allen Ecken. Genau der richtige Ort also für eine Historikerkonferenz zur Bedeutung geheimdienstlicher Arbeit für die internationalen Beziehungen im „kurzen“ zwanzigsten Jahrhundert.
Die Antworten freilich, mit denen die Historiographie in den Räumen des Deutschen Historischen Institutes aufwarten konnte, waren nicht minder lückenhaft als das Aktenmaterial, aus dem die Forschung ihre Erkenntnisse zu gewinnen versucht. Natürlich finden sich in den diplomatischen und militärischen Archivbeständen immer wieder Schnipsel, die auf Spione und Agenten und Analysen verweisen, und außer Frage steht auch, dass sich mehr als gedacht über Umwege rekonstruieren lässt, über das zugängliche Archiv der Staatssicherheit der DDR etwa oder die National Archives in Washington, wo neue Bestände zur Nachkriegsgeschichte erst unlängst freigegeben wurden.
Man gibt sich verschlossen - naturgemäß
Doch ob KGB oder MI6, ob CIA oder BND: Man gibt sich verschlossen, naturgemäß sozusagen. Den Rest besorgt die Archiv-Allergie der Historikerzukunft. Denn selbst für die Jahre vor 1945, durchaus geprägt durch nachrichtendienstliche Erfolge wie die Entschlüsselung des Zimmermann-Telegrammes 1917 oder des „Enigma“-Codes im Zweiten Weltkrieg, scheinen Umfang und Folgen des geheimen Wirkens kaum bekannt zu sein, obwohl die Aktenlage für diese Jahre noch vergleichsweise üppig ausfällt. Christopher Andrew (Cambridge) sprach in London gar vom Versagen einer ganzen Historiker-Generation und von dem Unvermögen, gezielt auch nach Ereignissen zu fahnden, die sich in den Akten kaum widerspiegeln, nicht wiederfinden sollen. Andrew ist ein Schüler von Harry Hinsley, der zu den Enigma-Knackern gehörte und die vierbändige offizielle Geschichte der britischen Geheimdienste im Zweiten Weltkrieg herausgab. „Wenn Sie so weitermachen, landen Sie wohl im Knast“, hatte Hinsley auch ihn gewarnt, geprägt von seinen Jahren in Bletchley Park. Jetzt ist Andrew einer der Großen des Fachs und offizieller Historiker des Secret Service.
Ob die restriktive Archivpraxis der Dienste am Ende stärker der eigenen Imagepflege als der nationalen Sicherheit dient? Allzu oft, so formulierte es William Eldridge Odom, militärischer Ratgeber Zbigniew Brzezinskis, Direktor der National Security Agency unter Reagan und Kritiker des Irak-Krieges, könnte sich die von Legenden und Verschwörungstheorien umwobene Geheimdienstarbeit im Letzten durch „präzise, aber nutzlose“ Analysen für die Politik ausgezeichnet haben.
Öffentliche Erwartungshaltung problematisch
Die Frage, welches Gewicht geheimdienstliche Erkenntnisse für politische Entscheidungen haben, sei identisch mit der Frage, „ob und wie“ diese Analysen an politisch verantwortlicher Stelle gelesen und gedeutet worden seien. Bis vor kurzem jedenfalls, als die Regierung in Washington die Herausgabe von CIA-Akten mit der Begründung zu verhindern suchte, in ihnen sei die offizielle Regierungslinie enthalten, sei nie bezweifelt worden, dass es sich bei diesen Berichten lediglich um Argumentationshilfen handeln könne, die erst noch einer abschließenden Interpretation bedürfen.
Offenbar wird die politische und öffentliche Erwartungshaltung zunehmend zum Problem - vor allem für die Dienste selbst. Drei Pensionäre sprachen das aus: „Wir müssen lernen, mit dieser Erwartungshaltung umzugehen.“ Darin war sich James Pavitt, „Deputy Director of Operations“ bei der CIA von 1999 bis 2004, einig mit Richard Dearlove, Leiter des MI6 im selben Zeitraum, und der 1921 geborenen Baroness Park of Monmouth, einst „Clandestine Senior Controller“ unter anderem in Hanoi, Moskau und im Kongo, einer von nur zwei Ehemaligen, die über den MI6 reden dürfen. Sie baten um Verständnis für Fehleinschätzungen, führten aus, dass der Clou bei der Geheimdienstarbeit nun einmal das Geheime sei, Quellen und Kontakte auch nach Jahrzehnten noch geschützt werden müssten. Und sie ließen kein gutes Haar an den (auch online einsehbaren) Veröffentlichungen des „9/11 Commission“ und des Butler-Reports, „kompletter Exposés“ der Geheimdienstarbeit ihrer Häuser, wie die Dame mit dem Krückstock empört bemerkte. Ein Defensivkommando. Wer weiß schon, was die jüngeren Historiker im Saal in einigen Jahrzehnten finden werden, trotz allem? „Secret service“, witzelte man am Rande, „has much to do with secrets. But the history of intelligence hasn't much to do with intelligence.“
Kann Politik den Zug der Zeit deuten?
Dabei vermag nicht einmal der wachste Geheimdienst der Welt einer politischen Führung auf die Sprünge zu helfen, wenn sie allenfalls, darin manchen Wirtschaftsführern ähnlich, für gefällige Analysen empfänglich und nicht in der Lage ist, den Zug der Zeit anhand der „offenen“ Quellen zu deuten. Stephen Schuker (Virginia) untersuchte das französische Politikpuzzle vor dem deutschen Angriff 1940; er stieß auf lauter Belege für inkompetente politische Entscheidungen und den „Kollaps einer Nation“. Peter Jackson (Aberystwyth) widersprach, obwohl er Spuren für eine verstärkte britisch-französische Zusammenarbeit, die jene Mängel vielleicht hätten ausgleichen können, erst bei tiefroten Alarmleuchten ausgemacht hat. Sowjetische Geheimdienstler wiederum waren, wie Jonathan Haslam (Cambridge) zeigte, vor allem auf die Dezimierung abtrünniger Gesinnungsgenossen im Ausland spezialisiert; sie schufen eine fatale Kultur des Misstrauens, das später, so David Holloway (Stanford), Hinweise auf den deutschen Angriff entwertet haben könnte. Auch während des Kalten Krieges war der Apparat des KGB zwar gewaltig, doch gab es laut Alexander Furusenko (St. Petersburg) in der „Plangesellschaft keinen Plan, wie seine Arbeit einzubinden“ sei. Auch er äußerte sich skeptisch über den politischen Nutzen.
Von Hitler gar nicht erst zu reden. Denn dessen Strategie, legte Gerhard Weinberg (Chapel Hill) dar, stand ohnehin seit langem fest: „The decision to make war had nothing to do with intelligence.“ Immerhin, zumindest ein Teil der Analysen und Karteien aus Kriegszeiten fand noch später einen Abnehmer: Dank entsprechender Wurzeln habe der BND, gab Holger Afflerbach (Leeds) zu bedenken, die Russophobie der Kriegsjahre auch in die westdeutsche Nachkriegspolitik einbringen können.
Ob sich diese Vermutung halten lässt, ist kaum zu sagen. Denn selbst wenn die geheimen Akten auf einmal freigegeben würden, könnte es Forschern auf lange Zeit so gehen wie George-Henri Soutou (Sorbonne). Er versucht derzeit die Tätigkeit des französischen Geheimdienstes im Russland der fünfziger Jahre zu beleuchten, stieß auf suspekte Aktenbestände - und hielt, als er sie zu bestellen versuchte, statt der erhofften Sensation nur gähnend leere Boxen in den Händen. MATTHIAS HANNEMANN