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Kelten-Ausstellung : Der Druide schwingt das Schwert

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Ausdruck einer aus vielen Quellen sich speisenden Spukwelt: Der Silberkessel von Gundestrup Bild: dapd

Unser Bild von den barbarischen Kelten wandelt sich langsam aber beständig. Die grandiose Kelten-Ausstellung in der Völklinger Hütte versammelt zum ersten Mal in der Geschichte der Forschung ein umfassendes Panorama.

          Was für eine atemraubende Szenerie: eine gigantische Halle, schwarz wie Fritz Langs Industriehölle „Metropolis“, zwischen den bizarren Schatten von Turbinen und Rampen ragen Götzenbilder, funkeln Schwerter und Lanzen, bronzene Kessel und goldene Colliers in Vitrinen aus Glas. Suggestiver hätte man die jahrtausendealte Welt der Kelten nicht inszenieren können als in der Völklinger Hütte, diesem Zyklopen des Industriezeitalters, der seit 1994 Weltkulturerbe ist. Das Miteinander hat nicht nur die Ästhetik, sondern auch die Logik auf seiner Seite: Eisenverhüttung und Eisenhandel bildeten das Fundament der keltischen Kultur. Die Großregion Saarland, Rheinland-Pfalz, Luxemburg, Lothringen und Südbelgien war, wie neue Funde in Wehringen belegen, schon in der „Hallstattzeit“ 800 vor Christus und zur Laténezeit zwischen 500 vor und 50 nach Christus, was sie im neunzehnten Jahrhundert wieder wurde: Zentrum der Eisenverarbeitung.

          Unabhängig von Importen aus Anatolien, das zuvor das Monopol der Eisenmetallurgie gehalten hatte, entwickelten die Kelten „die erste große Hochkultur Europas“. Hochkultur? Die Formulierung des Völklinger Direktors Meinrad Maria Grewenigs lässt stutzen. Zwar haben große Keltenausstellungen im vergangenen Jahrzehnt das Bild vom kriegslüsternen Barbaren relativiert. Doch noch immer, auch wenn wir nun eher an edle Wilde als an knapp der Steinzeit entronnene Kampfmaschinen denken, scheinen Welten zu liegen zwischen dem, was wir über die Lebensart der Griechen, Etrusker und Römer und die ihrer Aggressoren, der Kelten, wissen.

          Ein Muskelprotz, nackt bis auf einen Halsring

          Völklingen zeigt das Schlüsselbild dieses Dualismus, den uns römische Geschichtsschreiber mit ihren Berichten über die Greueltaten der Kelten, respektive Gallier eingeimpft haben: Auftakt der Schau ist ein Abguss des „Sterbenden Galliers“, jener römischen Marmorreplik der Bronzeplastik, die König Attalos I. 230 vor Christus in Pergamon zur Erinnerung an seinen Sieg über die Kelten hatte aufstellen lassen. Als Muskelprotz, nackt bis auf einen Halsring, das dichte Haar mit Gipswasser zur tierischen Mähne gesträubt, entspricht er den späteren Beschreibungen Caesars von seinen Feldzügen im „Barbarenland“.

          Rolltierstater, keltische Goldmünze, 130 bis 15 v. Chr.
          Rolltierstater, keltische Goldmünze, 130 bis 15 v. Chr. : Bild: Kunsthistorisches Museum Wien, Münzkabinett

          Doch hat der antike Künstler den Kelten-Gallier seinen Todeskampf stoisch ertragen lassen, würdevoll mit gesenktem Kopf kauernd. Vergleichbar befremdet und doch mitfühlend stellte 1832, als die ersten keltischen Kunstwerke ausgegraben wurden, Bellinis Oper „Norma“ die Kelten dar. In Völklingen lässt ein grob behauenes, kopfloses weibliches Idol an die Titelheldin der Oper denken, die als Druidentochter und Oberpriesterin zur zweiten, milderen Medea wird: Die kalksteinerne Sitzfigur (um 530 vor Christus) vom Mont Lassois entspricht mit ihrer Plumpheit dem Klischee von primitiven Kulten und unbeholfener Kunst.

          Woher hatte der Schmied die Kenntnis und Phantasie?

          Doch dann sieht man die Beigaben aus dem Grab einer keltischen Fürstin, in dessen Nähe die Skulptur gefunden wurde. Der goldene „Tourques“ (ein offener Halsreif mit Pufferenden) der Adligen ist das Gegenstück zum steinernen Wulst des Idols. Doch er ist unendlich fein ziseliert und verschlungen. Seine raffinierte Ästhetik ist den wundervollen Zeichnungen auf den Wandungen des griechischen Prunkgeschirrs gleichwertig, das neben der toten Fürstin gefunden wurde.

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