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Keine Bühne : Charbs Testament

Monate vor seinem gewaltsamen Tod schrieb Charlie-Hebdo-Zeichner und -Herausgeber Charb einen „Brief an die Heuchler“. Bild: AFP

Eigentlich sollte ein Plädoyer für die Aufklärung, das der Charlie-Hebdo-Herausgeber Monate vor seinem Tod schrieb, auf der Bühne aufgeführt werden. Doch mehrere Veranstalter machen einen Rückzieher.

          Die Bretter, die frei nach Schiller die Welt bedeuten, hat manch einer vor dem Kopf, und sei es als Scheuklappen. In Zeiten des Terrorismus und des Wahlkampfs aber muss man dafür Verständnis aufbringen. Noch immer sitzt Frankreich die Angst im Nacken. Zwar erscheint der philosophisch geschulte Aufklärer Emmanuel Macron inzwischen auch dank seiner Gelassenheit als Favorit für die Präsidentschaft, doch das Schreckgespenst eines Siegs von Marine Le Pen bevölkert nach wie vor die politische Bühne.

          Dem Kampf gegen sie hat Olivier Py das sommerliche Theatertreffen von Avignon geweiht, dessen Leitung ihm als Trost für seine Auswechslung am Pariser Théâtre de l’Odéon übertragen wurde und von dem er im vorigen Jahr mit einiger Berechtigung sagte, ohne das Festival hätte der Front National in der Stadt der Gegenpäpste wohl die Macht übernommen. Avignon ist eine seiner Hochburgen. Im Winter herrscht hier kulturelle Eiszeit.

          Beeilt euch, Freunde der Blasphemie!

          Jetzt weigern sich zwei Institutionen, beim Theatertreffen im Juli die Aufführung von Charbs „Lettre aux escrocs de l’islamophobie“ zu zeigen. Charb war beim Anschlag auf „Charlie Hebdo“ ums Leben gekommen, seinen „Brief an die Heuchler“ – die deutsche Übersetzung ist im Tropen Verlag erschienen – schrieb er in den Wochen zuvor: „Beeilt euch, Freunde der Blasphemie, wenn ihr noch ein wenig lachen wollt!“

          Charbs Plädoyer für die Aufklärung erschien postum und wurde von Regisseur Gérard Dumont für die Bühne bearbeitet. Da, wo es zu sehen war, stieß das Testament des Zeichners auf großes Interesse. Die beiden Leiter in Avignon begründen ihren Verzicht mit „politischen und poetischen“ Gründen und weisen den Vorwurf der Zensur von sich: sie hätten ja wohl das künstlerische Recht, selbst zu entscheiden, wen sie einladen.

          Ihre Weigerung erfolgt allerdings nach zwei Verboten in Lille. Eines betrifft die Universität, deren Dekan seinen Entscheid mit der Angst vor Unruhen begründete. Gegen eine für den 2. Mai geplante, inzwischen abgesagte Aufführung protestierte die Liga für Menschenrechte und gegen Rassismus. Die Maßnahmen verstärken den Eindruck einer schleichenden Kollaboration mit dem Islamismus. Es geht auch gar nicht um die Frage, ob die Absagen dem Kampf gegen den Front National nützen oder schaden: es geht um Prinzipien. Oliver Py wäre gut beraten, die Produktion im Namen des Festivals nach Avignon zu holen, und sei es für das Rahmenprogramm. Es muss keine künstlerischen Gründe geltend machen: politische reichen – auch zur Verteidigung der Poesie.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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