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Kein Pulitzer-Preis für Literatur : Gurkenfrevel

Zum ersten Mal wird in dieser Saison kein Pulitzer-Preis für Belletristik vergeben. Die Entscheidung begründet der Juror Michael Cunningham in seinem Blog - mit sprachlichem Wildwuchs.

          Ob Michael Cunningham wohl im Supermarkt einkauft? Das wäre ungewöhnlich für einen Vertreter seines Berufsstandes. Die Sache der Dichter ist der Genuss, der zu denken gibt. Aber wenn man im Blog des „New Yorker“ Michael Cunninghams Bericht über die Interna der Jury des Pulitzer-Preises für Belletristik gelesen hat, sieht man ihn vor sich, wie er durch die Gänge eines großen Supermarkts rennt und nach den großen Tiefkühlkostsäcken greift.

          In epischer Breite beschwört Cunningham, Pulitzer-Preisträger 1999 mit dem Roman „The Hours“, den gewaltigen Arbeitsaufwand, den es für ihn und die beiden Literaturkritikerinnen in der Jury bedeutete, aus dreihundert eingesandten Büchern die Shortlist von drei Titeln zusammenzustellen, aus der der Beirat der Pulitzer-Stiftung den Sieger wählen sollte. Der Beirat hielt weder „The Pale King“ von David Foster Wallace noch Denis Johnsons „Train Dreams“ oder „Swamplandia!“ von Karen Russell für preiswürdig und vergab zum ersten Mal seit 1977 keinen Pulitzer im Fach Fiktion. Cunninghams Gegenbild zur schweren Lektürearbeit ist die Gemüsekritik. Wer Romane vergleiche, habe es nicht so leicht wie der Preisrichter im Gurkenwettbewerb auf der Landwirtschaftsmesse! Das setzt voraus, dass der Gurkentester allein die Größe der Gurke misst und sich keine Scheibe abschneidet.

          Visionäre Entdecker statt bescheidener Gärtner

          Cunningham produziert Distinktion im Verhältnis zu seinen Kolleginnen, in seiner Schilderung Klischees des weiblichen Lesens: Die eine habe die überwältigende Geschichte gesucht, die andere will sich angeblich in ihre Lektüre verlieben. Alle wollten das „große Buch“ finden - also doch die Gurke der Saison. Als Vergleichsgrößen taugen nur die allergrößten. Foster Wallaces postumer Roman ist ein Fragment, wie „alle diese großartigen Skulpturen von Michelangelo“. Als die Juroren auf ihrer Leseliste bei „The Pale King“ ankamen, da war es, „als hätte man nur Kammermusik gehört, und plötzlich spielt das Orchester Beethoven“. Einen Komponisten, der die Kammermusik bekanntlich scheute wie der Gurkenbauer die Tomatenzucht. Das Geheimnis der Pulitzer-Beiräte wird bleiben, warum sie keinen der Romane des Jahrgangs 2012 neben die Sachbuchgewinner Stephen Greenblatt und John Lewis Gaddis stellen wollten.

          Vom bombastischen Philistertum Michael Cunninghams hatten sie wahrscheinlich gar keine Kostprobe bekommen. Über die Kriterien der Juryarbeit teilt Cunningham mit: „Wir zogen visionäre Entdecker den bescheidenen Gärtnern vor.“ Die Verachtung der Bescheidenheit des leidenschaftlichen Gärtners war ein schlechtes Vorzeichen für die kritische Ernte.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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