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Kein Link mehr auf Amazon : Bibliotheken verlassen die Grauzone

Jede Bibliothek wird selbst entscheiden müssen, ob sie sich künftig vor den Karren von Amazon spannen lassen will oder nicht. Bild: dpa

Viele Bibliotheken verlinken ihre Online-Kataloge mittlerweile mit Amazon. Der Deutsche Bibliotheksverband will jetzt mit einer besonderen Kooperation den lokalen Buchhandel stärken.

          Man konnte ahnen, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt, als der Heidelberger Germanist Roland Reuß vor zwei Wochen in dieser Zeitung darüber schrieb, dass die Heidelberger Universitätsbibliothek, die älteste im Land, ihren Online-Katalog mit dem Internethändler Amazon verlinkt hat, so dass alle Katalognutzer automatisch bei Amazon landen, sobald sie eine der Umschlagabbildungen des Katalogs anklicken. Das tatsächliche Ausmaß der mehr als zweifelhaften Kooperation von öffentlichen Bibliotheken mit dem Online-Giganten ist jedoch größer als zu vermuten war.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Wer sich der Mühe unterzieht, sich die Online-Kataloge der Stadt- und Universitätsbibliotheken in den achtzig größten Städten Deutschlands anzusehen, wird die ebenso überraschende wie alarmierende Feststellung machen, dass etwa jede vierte Universitätsbibliothek und etwa drei von vier Stadtbibliotheken Amazon systematisch Kunden zuführen. Das sind Zahlen, die Christian Sprang, der Justitiar des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels bestätigt: „Das entspricht auch in etwa unserer Wahrnehmung. Genaue Zahlen gibt es wohl nicht, aber mittlerweile gehen wir davon aus, dass die Verlinkung auf Amazon vor allem im Bereich der Stadtbibliotheken eher die Regel als die Ausnahme darstellt.“ Dass die mit öffentlichen Mitteln finanzierten Einrichtungen, die zum Teil erhebliche Verkaufsprovisionen erhalten sollen, sich damit in eine juristische Grauzone begeben, steht für Justitiar Sprang außer Frage: „Das ist eine Grauzone, die sogar relativ dunkelgrau ist.“

          Wir weisen keinem Buchhändler die Tür

          Doch damit soll jetzt Schluss sein. Einzelne Stadtbibliotheken, etwa in Mannheim und Heidelberg, haben den umstrittenen Link bereits aus ihren Online-Katalogen entfernt, andere Bibliotheken dürften vermutlich rasch folgen. Denn der Deutsche Bibliotheksverband (DBV) und der MVB, der Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels, ein Tochterunternehmen des Börsenvereins, haben jetzt eine Kooperation beschlossen, die den Bibliotheken helfen und den stationären Buchhandel miteinbeziehen soll.

          Künftig können Bibliotheken und andere öffentliche, nicht-kommerzielle Einrichtungen, die Bildchen, auf denen die Buchumschläge zu sehen sind, von Buchhandel.de beziehen, der Internet-Plattform des MVB, die im Zuge dieser Kooperation erweitert und für alle Buchhändler geöffnet werden soll. Konkret bedeutet dies, dass alle teilnehmenden Buchhändler in eine Umkreissuche einbezogen werden, sobald ein Katalognutzer den Kauf-Link anklickt und seine Postleitzahl angibt. In einigen Monaten soll für den Kunden sogar online zu erkennen sein, in welchen Buchhandlungen in seinem Umkreis das gewünschte Buch vorrätig ist und abgeholt werden kann. Finanziert werden soll das Programm über eine geringe, umsatzabhängige Verkaufsprovision.

          Bislang sind etwa vierhundert Buchhändler auf Buchhandel.de vertreten. Ganz neu ist die Kooperation zwischen MVB und einzelnen Bibliotheken dabei nicht: Die Deutsche Nationalbibliothek, so Sprang, verlinke bereits seit Jahren auf die Plattform Buchhandel.de, die künftig auch Buchhändlern offensteht, die nicht Mitglied im Börsenverein sind. Könnte auch Amazon die Plattform nutzen? „Ja, selbstverständlich“ sagt Sprang, „wir weisen keinem Buchhändler die Tür“.

          Nur in einer gemeinsamen Anstrengung

          Beim DBV in Berlin zeigt man sich überrascht, dass der MVB die Kooperation bereits bekanntgegeben hat. Geschäftsführerin Barbara Schleihagen weist im Gespräch mit dieser Zeitung darauf hin, dass der Verband keine Empfehlung an seine Mitglieder aussprechen werde. Es wird also jede Bibliothek selbst entscheiden müssen, ob sie sich künftig vor den Karren von Amazon spannen lassen will oder nicht. Die juristische Seite der Angelegenheit, so die Geschäftsführerin, sei innerhalb des Verbandes noch nicht abschließend geklärt.

          Rike Balzuweit, stellvertretende Direktorin der Heidelberger Universitätsbibliothek, erklärt, dass ihr Haus kein Interesse daran habe, Amazon eine herausgehobene Position gegenüber dem örtlichen Buchhandel einzuräumen: „Wir wollten im Jahr 2007 das Nutzungsrecht für die Buchcover von Amazon erwerben, um auf die entsprechenden Wünsche unserer Nutzer reagieren zu können. Daran war das Unternehmen jedoch nicht interessiert und bestand auf einer Verlinkung“. Die Verkaufsprovision in Höhe von 150 bis 250 Euro im Monat, die Amazon der Bibliothek zahlt, würde über den Anschaffungsetat dem lokalen Buchhandel zufließen.

          Ob damit die „leidige Verquickung traditionsreicher staatlicher Bildungseinrichtungen mit einem auf Monopol ausgerichteten Großkonzern“, die Roland Reuß beklagt, beendet ist, wird sich zeigen. Der Heidelberger Germanist freut sich, dass der Buchhandel vor Ort die Möglichkeit bekommt, zu zeigen, was er in fairem Wettbewerb zu leisten imstande sei. Reuß wünscht sich indes auch eine Kooperation, die noch weiter geht als die jetzt von Bibliotheksverband und Buchhandel beschlossene: „Die in der ganzen Welt bewunderte Ökosphäre von Verlagen, Buchhandel und öffentlichen Bibliotheken im deutschen Sprachraum kann nur in einer gemeinsamen Anstrengung aller Beteiligten gesichert werden.“

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